Biennale:Zwei Länder geben Pässe aus

In den Pavillons findet sich niemand, der einfach im Bett geblieben wäre. Vielmehr scheint es, als arbeiteten alle die gleichen Fragestellungen ab: Migration, Gentrifizierung, Flucht, Krieg. Anton Tschechows "von Ort zu Ort hat mich das Schicksal gejagt" hallt im Schweizerischen Pavillon nach, dort berichtet das Künstlerduo Hubbard & Birchler vom einsamen Ende der einstigen Geliebten Alberto Giacomettis in Kalifornien. Für die Türkei hat Cevdet Erek Tribünen aufgebaut, nach langem Aufstieg landet man allerdings vor Zaun und Vorhängeschloss. Auch der spanische Pavillon gleicht einer Arena, dort sind Filme zu sehen, in denen sich eine Revolution anbahnt. Gleich zwei Länder geben Pässe aus (Slowenien und Tunesien). Und die Installation von Carlos Amorales für Mexiko sieht nur auf den ersten Blick zerstreut aus, wie zu erwarten, geht es dort um die Mauer, die der amerikanische Präsident bauen will. Unterdessen hat Mark Bradford den Eingang zum neoklassischen Bau der Amerikaner fast zugeschüttet, in Interviews weist er nicht auf seine Malerei hin, sondern auf seinen Workshop mit venezianischen Häftlingen.

Doch ist es schon egal, ob diese gut gemeinte Kunst so plump ist wie der Lastwagen, den der Österreicher Erwin Wurm auf die Frontscheibe gekippt und zur Aussichtsplattform über das Mittelmeer erklärt hat. Oder ob sie so klug formuliert wie der Film "Laboratory of Dilemmas" des Griechen George Drivas, in dem Charlotte Rampling denen eine Stimme gibt, die auf Ordnung bestehen, auf Prinzipien und Abläufen. Denn was ist das für eine Kunst, die vorhersagbare Antworten gibt und jeden nur für sich sprechen lässt? So hört sich das an, wenn eine Gegenwart, in der Markt und Medien höchste Autorität beanspruchen, sich die Kunst zurichtet.

Die schönsten Bilder der Biennale sind die Traumwesen von Geta Brătescu

Es ist nicht weit bis zu einer sich nachdenklich gebenden Propaganda, die diesen sehr subjektiven Tonfall imitiert. Der Irak hat sich - nach der Indienstnahme von Ai Weiwei bei der vergangenen Ausgabe - diesmal die Mitarbeit von Francis Alÿs gesichert. Der dokumentiert, wie seine Hände vor Panzern der kurdischen Peschmerga immer wieder ratlos den Pinsel sinken lassen, dahinter ist in Vitrinen echte Raubkunst ausgebreitet. Direkt gegenüber hat sich Aserbaidschan in einem Palazzo eingemietet und als Kurator Martin Roth verpflichtet, den designierten Präsidenten des deutschen Instituts für Auslandsbeziehungen. Wertvoller als die kenntnisreiche Auswahl der Musikinstrumente und Videos ist für das Image des Landes, das von Human Rights Watch als menschenverachtender Unrechtsstaat apostrophiert wird, dessen Zitat, nach dem Aserbaidschan "geradezu ein Blueprint für das tolerante Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Kulturen" sei.

Es fällt auf, dass allein die Werke von deutlich älteren Künstlern dazu im Kontrast stehen, von denen, die lange genug unbeachtet arbeiten konnten. Wie Tehching Hsieh, geboren im Jahr 1950, der sich selbst dazu verpflichtete, ein Jahr lang zu jeder Stunde eine Stechuhr zu bedienen oder zwölf Monate lang unter freiem Himmel zu leben. Der dreckige Schlafsack, die schmalen Kontaktbögen, die wieder und wieder seinen Appell vor der Uhr dokumentieren, sind Zeugnisse einer Kunst, die sich, bei allem Aufwand, nicht groß um Aufmerksamkeit und Wirkung schert, die ihr eigener Auftraggeber bleibt. Die heute noch von den Bedingungen, unter denen gelebt und gearbeitet wird, berichtet, von Berufung und vergeblichem Ehrgeiz, von Leistung und Vergeudung.

Die schönsten Bilder der Biennale sind dann die Traumwesen, die Geta Brătescu in ihrem Atelier in Bukarest tuschte, ihre Stickereien, die Fotos, die sie, 91 Jahre alt, von ihren kleinen, abgelaufenen Füßen aufnahm. Und der verwaschene, Ende der Siebzigerjahre aufgenommene Schwarz-Weiß-Film "The Studio", der zeigt, wie sich Brătescu ein Hemd über ihrem Scheitel zuknöpft, um, kopflos, durch die Quadratmeter zu taumeln, die ihr Reich sind.

© SZ vom 13.05.2017/cag
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