Süddeutsche Zeitung

Biennale:In Venedig verliert die Kunst ihren universalen Anspruch

Anne Imhof verwandelt den Deutschen Pavillon in einen Hundezwinger, andere Länder ringen um ihr Image. Der deutlichste Biennale-Trend lautet aber: Nicht die Kunst ist wichtig, sondern die Künstler.

Von Catrin Lorch, Venedig

Heinrich Heine trifft Johann Wolfgang von Goethe im Herbst 1824 und antwortet auf die Frage, woran er gerade arbeite, mit: "Faust". Das Gespräch sei danach sehr allgemein verlaufen, fast frostig. Heines "Doktor Faust" wurde dann auch erst mehr als zwanzig Jahre später fertig, ein "Tanzpoem", Höhepunkt ist der Pas de deux einer Mephistophelia mit Faust. Die aktuellste Version von "Faust" wird gerade in Venedig gegeben, im deutschen Pavillon auf der Biennale. Kein Reigen, die Künstlerin Anne Imhof schlägt eine härtere Gangart ein. Den Pudel hat sie durch vier Dobermänner ersetzt, hinter den Säulen des Eingangs sind Zwinger installiert. Im Innern des wuchtigen NS-Gebäudes wurden Gitter eingezogen, ein zweiter Boden aus Stahl und Glasplatten. Vom Pathos der hohen Türrahmen blieb wenig, die Decke rückt näher, unter der Geländer, Schienen und Sicherheitsgurte angebracht sind. Die Einbauten verbinden die Eleganz des Laufstegs mit der Funktionalität von Bühnentechnik.

Das Stück, das hier inmitten der Zuschauer gegeben wird, dauert während der Vernissagen-Tage gut fünf Stunden. Meist sind sechs, sieben Mitspieler zu sehen; es sind schlanke Gestalten, sie tragen dunkle Sportkleidung und Turnschuhe, ringen, singen, starren und zündeln. Eliza Douglas ist die Muse der Aufführung, über der Brust hat sie den Schriftzug "Anne" tätowiert und ihr Bild hängt meterhoch an den Wänden, aber nicht wie ein Gemälde, mehr wie Werbebanner. Sie ist es auch, die gegen Ende mit dem Feuerwehrschlauch die Säle flutet. Das sind überwältigend attraktive Effekte - aber was tun, wenn einem unter Glas die geballte Faust entgegengestreckt wird? Drübersteigen?

Auch wenn Anne Imhof womöglich die erste Frau ist, die einen "Faust" geschaffen hat, wird die Kunstgeschichte hier nicht wirklich gerockt. Schlussendlich ist ihr gewaltiger Auftritt keine Sensation, verglichen mit der Zeile "This is so contemporary", das ist so zeitgemäß, die Tino Sehgal vor einigen Jahren im Deutschen Pavillon singen ließ. Der Kraftaufwand treibt vor allem sich selbst an. Spuk oder Stoßtrupp, das sind so die Fragen, wenn es darum geht, was der Kern des Ganzen sein mag.

Allerdings: Wenn einer mit weit ausgebreiteten Armen über dem in Stein gehauenen Schriftzug "Germania" posiert wie Christus oder Ikarus, dann ist das nur auszuhalten, wenn es ein Mädchen ist, ein Schwarzer, ein sehr blasser Junge mit goldschimmernden Ohrringen. Was wäre, wenn ein Mann das inszeniert hätte, einer wie der alte Goethe oder Heine? Wer da spricht, nicht, was gesagt wird, ist zur entscheidenden Frage geworden. Diese 57. Biennale zeigt, dass die zeitgenössische Kunst ihren universalen Anspruch aufgegeben hat zugunsten einer Vielstimmigkeit, die jedem seinen Ort zuweist.

Voraussetzung dafür ist, dass die Figur des Künstlers an die Rampe geschoben wird, nicht sein Werk. Eine Entwicklung, die sich angebahnt hat, seit der Markt aus der Kunst eine Ware macht und aus dem Künstler eine Marke. Man spricht nicht länger über Motiv, Komposition oder Technik - sondern über Positionen, Haltungen, Biografien. Nicht die Kunst ist wichtig, sondern die Künstler, vor allem in diesen Monaten, in denen die Welt in Unordnung ist und man auf Antworten aus der Sphäre des Wahren, Schönen und Guten hofft.

Was ist das für eine Kunst, die vorhersagbare Antworten gibt ?

Christine Macel, künstlerische Leiterin der Biennale, die mit ihrem Titel "Viva Arte Viva" die Freiheit der Kunst vor Vereinnahmungen akzentuieren will, lässt ihre Schau deswegen mit einer Fotoserie beginnen, die den schlafenden Mladen Stilinović zeigt, einen Künstler, der sich von Begriffen wie "Werk" und "Arbeit" mit einem sanften "Schlaf gut" verabschiedet hatte. Allerdings ist in den angrenzenden Sälen viel los, Dawn Kasper, amerikanische Künstlerin, rückt dort Sofas zurecht. Seit sie sich die Miete für ihr Atelier nicht mehr leisten kann, stellt sie sich selbst aus, mitsamt Schlagzeug und halb grundierten Leinwänden. Und Ólafur Elíasson ist auch da, er hat Flüchtlinge dazu verpflichtet, Lampen aus Holz und Plastik zusammenzustecken. Der Verkaufserlös geht an gemeinnützige Projekte. Drei Künstler, drei Arbeitsmodelle - wobei die Gegenwart derzeit ganz offensichtlich den tüchtigen Ansatz von Kasper und Elíasson bevorzugt, die sich nützlich machen.

Zwei Länder geben Pässe aus

In den Pavillons findet sich niemand, der einfach im Bett geblieben wäre. Vielmehr scheint es, als arbeiteten alle die gleichen Fragestellungen ab: Migration, Gentrifizierung, Flucht, Krieg. Anton Tschechows "von Ort zu Ort hat mich das Schicksal gejagt" hallt im Schweizerischen Pavillon nach, dort berichtet das Künstlerduo Hubbard & Birchler vom einsamen Ende der einstigen Geliebten Alberto Giacomettis in Kalifornien. Für die Türkei hat Cevdet Erek Tribünen aufgebaut, nach langem Aufstieg landet man allerdings vor Zaun und Vorhängeschloss. Auch der spanische Pavillon gleicht einer Arena, dort sind Filme zu sehen, in denen sich eine Revolution anbahnt. Gleich zwei Länder geben Pässe aus (Slowenien und Tunesien). Und die Installation von Carlos Amorales für Mexiko sieht nur auf den ersten Blick zerstreut aus, wie zu erwarten, geht es dort um die Mauer, die der amerikanische Präsident bauen will. Unterdessen hat Mark Bradford den Eingang zum neoklassischen Bau der Amerikaner fast zugeschüttet, in Interviews weist er nicht auf seine Malerei hin, sondern auf seinen Workshop mit venezianischen Häftlingen.

Doch ist es schon egal, ob diese gut gemeinte Kunst so plump ist wie der Lastwagen, den der Österreicher Erwin Wurm auf die Frontscheibe gekippt und zur Aussichtsplattform über das Mittelmeer erklärt hat. Oder ob sie so klug formuliert wie der Film "Laboratory of Dilemmas" des Griechen George Drivas, in dem Charlotte Rampling denen eine Stimme gibt, die auf Ordnung bestehen, auf Prinzipien und Abläufen. Denn was ist das für eine Kunst, die vorhersagbare Antworten gibt und jeden nur für sich sprechen lässt? So hört sich das an, wenn eine Gegenwart, in der Markt und Medien höchste Autorität beanspruchen, sich die Kunst zurichtet.

Die schönsten Bilder der Biennale sind die Traumwesen von Geta Brătescu

Es ist nicht weit bis zu einer sich nachdenklich gebenden Propaganda, die diesen sehr subjektiven Tonfall imitiert. Der Irak hat sich - nach der Indienstnahme von Ai Weiwei bei der vergangenen Ausgabe - diesmal die Mitarbeit von Francis Alÿs gesichert. Der dokumentiert, wie seine Hände vor Panzern der kurdischen Peschmerga immer wieder ratlos den Pinsel sinken lassen, dahinter ist in Vitrinen echte Raubkunst ausgebreitet. Direkt gegenüber hat sich Aserbaidschan in einem Palazzo eingemietet und als Kurator Martin Roth verpflichtet, den designierten Präsidenten des deutschen Instituts für Auslandsbeziehungen. Wertvoller als die kenntnisreiche Auswahl der Musikinstrumente und Videos ist für das Image des Landes, das von Human Rights Watch als menschenverachtender Unrechtsstaat apostrophiert wird, dessen Zitat, nach dem Aserbaidschan "geradezu ein Blueprint für das tolerante Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Kulturen" sei.

Es fällt auf, dass allein die Werke von deutlich älteren Künstlern dazu im Kontrast stehen, von denen, die lange genug unbeachtet arbeiten konnten. Wie Tehching Hsieh, geboren im Jahr 1950, der sich selbst dazu verpflichtete, ein Jahr lang zu jeder Stunde eine Stechuhr zu bedienen oder zwölf Monate lang unter freiem Himmel zu leben. Der dreckige Schlafsack, die schmalen Kontaktbögen, die wieder und wieder seinen Appell vor der Uhr dokumentieren, sind Zeugnisse einer Kunst, die sich, bei allem Aufwand, nicht groß um Aufmerksamkeit und Wirkung schert, die ihr eigener Auftraggeber bleibt. Die heute noch von den Bedingungen, unter denen gelebt und gearbeitet wird, berichtet, von Berufung und vergeblichem Ehrgeiz, von Leistung und Vergeudung.

Die schönsten Bilder der Biennale sind dann die Traumwesen, die Geta Brătescu in ihrem Atelier in Bukarest tuschte, ihre Stickereien, die Fotos, die sie, 91 Jahre alt, von ihren kleinen, abgelaufenen Füßen aufnahm. Und der verwaschene, Ende der Siebzigerjahre aufgenommene Schwarz-Weiß-Film "The Studio", der zeigt, wie sich Brătescu ein Hemd über ihrem Scheitel zuknöpft, um, kopflos, durch die Quadratmeter zu taumeln, die ihr Reich sind.

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Quelle:
SZ vom 13.05.2017/cag
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