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Thomas Oberender:Verbündeter der Kunst

Kurator Thomas Oberender

Thomas Oberender, seit 2012 Intendant der Berliner Festspiele.

(Foto: Jörg Carstensen/dpa)

Der vorzeitige Weggang des Intendanten der Berliner Festspiele überrascht. Nach einem Zerwürfnis klingt das aber nicht. Eher nach dem persönlichen Aufbruch eines Intellektuellen, der mehr ist als ein Manager.

Von Peter Laudenbach

Das ist ein überraschender und etwas abrupter Abgang: Thomas Oberender, der Intendant der Berliner Festspiele, gibt seinen Posten zum Jahresende auf eigenen Wunsch auf. Noch im November vergangenen Jahres hatte er seinen Vertrag um weitere fünf Jahre bis 2026 verlängert. Über die Gründe der vorzeitigen Vertragsauflösung wahren die Festspiele Stillschweigen. Kulturstaatsministerin Monika Grütters dankt dem scheidenden Intendanten der vom Bund getragenen Festspiele mit ausgesprochen warmen Worten. Ein Zerwürfnis ist das nicht, sondern offenkundig die persönliche Entscheidung eines Kulturmanagers, der immer sehr viel mehr war als der Leiter, Ideen- und Taktgeber einer der wichtigsten Kulturinstitutionen des Landes.

Angefangen hat der heute 55-jährige Oberender als Dramatiker, bevor er seinen Weg durch die Institutionen mit großem Ehrgeiz machte, als Chefdramaturg am Schauspielhaus Bochum und in Zürich, als Schauspieldirektor der Salzburger Festspiele und seit 2012 als Intendant der Berliner Festspiele. Dort verstand er sich entschieden nicht als Apparatschik-Kurator, dem Künstler nur kühl eingesetzte Mittel sind zum Zweck des Glanzes einer Institution, sondern immer und zuerst als Verbündeter der von ihm aufrichtig bewunderten Künstler und Künstlerinnen. So hat er den Radikal-Performern Ida Müller und Vegard Vinge mit dem "Nationaltheater Reinickendorf" eines ihrer wichtigsten Projekte ermöglicht oder dem südafrikanischen Maler, Film- und Theaterkünstler William Kentridge eine umfassende Werkschau ausgerichtet. Eine dritte Rolle, die Oberender zunehmend wichtig wurde, ist die des politischen Intellektuellen, der mit Büchern, Aufsätzen und Veranstaltungen nach der fehlenden Repräsentanz der Ostdeutschen fragt.

Er machte aus den Berliner Festspielen ein mit Hochenergie betriebenes Forschungslabor der Künste

Was bei Oberender, geboren 1966 in Jena und eindeutig ein Wendegewinner, nichts Nostalgisches hat, sondern zur Frage nach den verpassten Chancen der offenen Situation nach dem Mauerfall führt. Weil er seine vielfältigen Interessen ausgesprochen klug, neugierig und mit bewundernswerter Offenheit ausbalancieren konnte, ist es ihm gelungen, aus den vor seinem Amtsantritt etwas gemütlichen und saturierten Berliner Festspielen ein mit Hochenergie betriebenes Forschungslabor der Künste zu machen - bei Bedarf auch unter freundlicher Überforderung des Publikums.

Oberender traut man als nächsten Karriereschritt vieles zu - sei es die Leitung eines interdisziplinären Kulturzentrums in New York oder eines Museums in London, den Wechsel in die Politik oder auch den zeitweiligen Rückzug, um einen großen Roman zu schreiben. Um die Festspiele muss man sich keine Sorgen machen, das Programm für das kommende Jahr ist weitgehend durchgeplant. Im November verabschiedet sich Oberender mit einer groß angelegten Bespielung des leer stehenden Internationalen Congress Centrums (ICC).

© SZ/c.d.
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