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Berliner Ensemble und Maxim-Gorki-Theater:Hauptberuflich "Ich-ich-ich"

It's going to get worse  von Ersan Mondtag & Ensemble

Ein Thron mit drei Pfauen ziert die Bühne von "It's going to get worse" von Ersan Mondtag. Hier werden diverse Bewerbungsgespräch-Monologe vorgetragen, vorne: Benny Claessens.

(Foto: Armin Smailovic/Agentur Focus)

Trash-Regisseur Ersan Mondtag demonstriert in zwei Berliner Premieren fortgeschrittenen Theater-Narzissmus.

Von Peter Laudenbach

Die Frage, welches Theater man im Lockdown nicht wirklich vermisst hat und auch jetzt nicht dringend benötigt, beantwortet Ersan Mondtag in seinen jüngsten Premieren mit erfrischender Deutlichkeit. Es ist ein Theater der bedeutungsschweren, aber reichlich wirren Großthesen-Behauptungen über den Kapitalismus und die Welt, ein Theater der grellen Bildreize, deren Bedeutung sich im Knall auch schon erschöpft. Davon hat Ersan Mondtag mehr als genug zu bieten. Dank des pandemiebedingten Premierenstaus und einer gewissen Inflationierung seiner Künste beschert der Regisseur den Berliner Bühnen jetzt gleich drei Premieren in einem Monat: eine krude Variante des "Ring des Nibelungen" am Berliner Ensemble, ein Lass-uns-mal-über-Theater-reden-Ensembleprojekt am Maxim-Gorki-Theater und Ende Juni folgt noch etwas Tanz am HAU.

Bei Mondtag kreist das Theater effektbegeistert um sich selbst - Effekt im Sinne von Karl Kraus, also als Wirkung ohne Ursache. Am Berliner Ensemble geschieht das unter dem Vorwand einer diffus kritisch gemeinten Trash-Travestie auf Wagners "Ring" mit großem Theaterbesteck und jeder Menge Bühnennebel. Am Gorki-Theater erfolgt die Selbstbespiegelung des Theaters in Form von Schauspieler-Monologen nach dem Muster: Ich und mein Leben, ich und mein Beruf, ich und die Bühne, ich und die Intendantin. Kein Wunder, dass am Ende ein dauerwimmernder Benny Claessens mal wieder erklärt, wie sehr er das alles satt habe. Aber natürlich ist er schon sehr stolz darauf, wie schön er diesen Ekel am Beruf, am Betrieb und überhaupt performt. Niemand kann den Widerwillen an der Schauspielerei so wirkungssicher schauspielern wie Benny Claessens! Das ist in den Wiederholungsschleifen zwar etwas penetrant, aber immerhin eine hübsche Marktlücke bei begrenztem Ausdrucksspektrum.

Die Bühne der Gorki-Show "It's going to get worse" zeigt einigermaßen sinnfrei einen Thron mit drei prächtigen Pfauen, angeblich handelt es sich um den Arbeitsplatz wahlweise der Schwulen-Ikone Ludwig II. oder des preußischen Königs Wilhelm II. (Bühne: Nina Peller). Das ist hübsch anzusehen, aber auch nicht weiter wichtig: Die Bühne ist nur Deko für die Bewerbungsgespräch-Monologe. Neben Claessens dürfen Orit Nahmias, die unwerfende Kate Strong und Çiğdem Teke von sich erzählen, während eine sadistische Regiestimme aus dem Off (Melanie Jame Wolf) ihnen befiehlt, doch etwas persönlicher zu werden. Das ist sehr komisch bei Kate Strong (Disziplin-Folter in der Ballettausbildung!), routine-witzelnd bei Orit Nahmias, die "cocaine" auf "brain" und "pain" reimt, und mindestens doppelbödig bei Çiğdem Teke, von der wir erfahren, dass es mit der Work-Life-Balance am Theater nicht zum Besten bestellt ist. Nicht dass das alles unsympathisch wäre, es ist nur etwas ziellos und überflüssig.

Am Berliner Ensemble erfährt der Zuschauer, dass man auch in Jamben plappern kann

Die mit einer Aufführungslänge von viereinhalb zähen Stunden auftrumpfende Wagner-Variation am Berliner Ensemble schmückt sich mit einem koketten Titel: "Wagner - der Ring des Nibelungen (a piece like fresh chopped eschenwood)". Der Text stammt von Thomas Köck und ist sprachlich nicht ungeschickt, gedanklich aber dünner als ein Blatt Papier und aufgeblasener als der Giftzwerg Alberich: Köck beweist, dass man auch in Jamben plappern kann. Die Musik von Max Andrzejewski dagegen breitet mit großer Raffinesse zwischen Ambient und Neuer Musik einen suggestiv wabernden Soundteppich aus. Das verbindet sich mit der größten und vielleicht einzigen Stärke des Regisseurs: Ersan Mondtag versteht sich auch in seinen konfuseren Inszenierungen auf die Kunst der Atmosphäre, die bekiffte Twilightzone des Albtraums. Um diese Stärke auszuspielen, versetzt er Wagners Mythen-Personal in eine überdimensionale Küche (Bühne: der Regisseur) und in die Psychiatrie. Der traumatisierte Jung-Siegfried (fiebernd: Paul Zichner) soll vom Chefarzt Wotan (Corinna Kirchhoff) einer Lobotomie unterzogen werden. Der mümmelnde Mythengreis Erda (sehr müde und sehr cool: Wolfgang Michael) oder die Walküre Brünnhilde (zuverlässig mit Vollkaracho: Stefanie Reinsperger) entwickeln als Siegfrieds Hirngespinste ein beängstigendes Eigenleben - bis alles in Trümmern liegt.

Mythen-Personal in der Küche: Peter Moltzen (auf dem Stuhl), Paul Zichner (auf dem Kühlschrank), Philine Schmölzer und Emma Lotta Wegner in "Wagner - der Ring des Nibelungen (a piece like fresh chopped eschenwood)".

(Foto: Birgit Hupfeld)

Die beiden Berliner Inszenierungen verbindet neben ihrer offensiven Selbstverliebtheit das Komplettdesinteresse am Rest der Gesellschaft, der Außenwelt jenseits des Bühnenausgangs. Insofern ist Mondtags Theater zumindest ehrlich: Es stellt den eigenen Narzissmus ohne Filter aus. Darin wirkt es wie die konsequente Fortsetzung der Kulturbetriebs-Begleitgeräusche der Pandemie, von Anne-Sophie Mutters Klage, die Politik sei "kulturverachtend", bis zu den Corona-Leugner-Videos verdrehter "Tatort"-Darsteller. Wer hauptberuflich "Ich-ich-ich" sagt, kann beim Verlust von Bodenhaftung und Realitätsbezug schon mal ins Stolpern geraten.

© SZ/knb
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