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Freie Szene in der Pandemie:Immer schön flexibel bleiben

Pressebilder. Impulse Theater Festival.
Stück von Teresa Vittucci - Hate me tender -

Teresa Vittucci sucht in ihrer Solo-Performance "Hate me, tender" nach dem feministischen Potenzial der Jungfrau Maria.

(Foto: Yushiko Kusano)

Das Festival "Impulse" ist das wichtigste Schaulaufen der freien Theaterszene - jetzt endlich wieder live vor Publikum. Zumindest teilweise. Aber Digitalexperimente gehören in der Offszene ohnehin dazu.

Von Alexander Menden

Im Winter, als Anne Schulz mitten in der Vorbereitung für das "Akademie 2"-Programm des "Impulse"-Festivals steckte, war die Corona-Lage in Indien noch recht vielversprechend. Das Attakkalari Centre for Movement Art in Bengaluru war fest eingeplant als einer der vier internationalen Partner für das ambitionierte, dreitägige Projekt mit Online-Veranstaltungen am Vormittag und Präsenz-Workshops am Nachmittag. "Kurz vor Beginn des Festivals schrieb uns der Leiter des Zentrums und erklärte, die Corona-Situation sei mittlerweile so katastrophal, dass er alle Workshops absagen müsse", sagt Schulz. Aber immerhin kann das geplante Hybrid-Format unter dem fragenden Motto "Lost in Space?" von diesem Donnerstag an in Düsseldorf und Köln, Bern, Johannesburg und Minsk stattfinden.

Die Themen, die in Zoom-Vorträgen und -Diskussionen verhandelt werden sollen, sind jene, mit denen "Impulse", das wichtigste Showcase-Festival der freien Theaterszene im deutschsprachigen Raum, sich noch bis einschließlich kommenden Sonntag befassen wird: die Rolle des Körpers für Gemeinschaftsbildung, politischer Protest, die Möglichkeit von Gegenwart trotz Pandemie. Und, mit Blick auf die Situation in anderen Ländern, vielleicht auch die Erkenntnis, dass die Lage für das Theater in Deutschland trotz der unbestreitbaren hohen Belastungen durch Corona noch immer vergleichsweise komfortabel ist.

"Wie können wir zusammenkommen und Gemeinschaft schaffen?"

Im vergangenen Jahr fand das gesamte "Impulse"-Festival noch online statt. "Ich habe den Eindruck, dass die freie Szene oft viel flexibler ist als die Stadttheater", sagt Anne Schulz, die unter anderem fünf Jahre lang in der Theatervermittlung an den Münchner Kammerspielen mit Matthias Lilienthal arbeitete. "Viele freie Künstler, die schon vorher Digitalformaten nicht abgeneigt gewesen waren, waren jetzt besser vorbereitet."

Auch 2021 stand es auf der Kippe, ob an den Veranstaltungsorten Düsseldorf, Köln und Mülheim an der Ruhr irgendetwas würde vor Publikum stattfinden können. "Wir haben von vornherein die Situation thematisiert - wie können wir zusammenkommen und Gemeinschaft schaffen?", sagt Festivalleiter Haiko Pfost. "Aber wir bilden nun einmal ab, was die freie Szene macht, und die hat eben 2020 vor allem alternative Formate bedient." So sind viele Veranstaltungen auch in diesem Jahr online, vieles davon "Video on Demand". Die Konzert-Performance "Mit Echten singen" von Tanja Krone und Friedrich Greiling etwa, ein musikalisch untermalter Rückblick auf die Wendejahre 1989/90. Oder der "Heteraclub" der Hamburger Performance-Künstlerin Sibylle Peters, in dem es um weibliches Begehren geht und in dem physische Berührung zentraler Teil des Konzepts ist. Das ist in Zeiten des Social Distancing undenkbar.

Pressebilder: Impulse Theater Festival.
Festivalleiter Haiko Pfost

"Impulse"-Festivalleiter Haiko Pfost.

(Foto: Sophie Thun)

Die Inzidenz-Achterbahnfahrt machte die Planung insgesamt schwierig, aber die "Impulse" beweisen, dass Flexibilität tatsächlich eine Stärke der freien Szene ist. "Indoor, Outdoor und Digital blieben für 2021 parallele Optionen", erklärt Pfost. "Wir haben auf allen Ebenen geplant. Was dann umsetzbar war, hing von der konkreten Lage ab." Anfang Juni konnte nach nur vier Tagen Vorlaufzeit im Düsseldorfer Archiv des Festivals eine Ausstellung eröffnet werden, die auf die ästhetischen, inhaltlichen und strukturellen Veränderungen des freien Theaters im Laufe der 31-jährigen Impulse-Geschichte blickt.

Auch die Schweizer Tänzerin und Choreografin Teresa Vittucci kann an diesem Donnerstag und Samstag mit ihrer One-Woman-Choreografie "Hate me, tender" im Kölner Kulturzentrum Tanzfaktur vor Publikum auftreten. Seit 2018 arbeitet Vittucci an diesem Stück, das am Beispiel der Marienverehrung Fragen über den Kult der Jungfräulichkeit stellt. Es entstand für einen kleinen Schweizer Wettbewerb, wurde in den Berliner Sophiensaelen gezeigt, dann in Wien, und kommt nun, nach einem Jahr Pause, zu Impulse.

Sie habe Glück gehabt, weil sie die Pandemie mit Workshops und Unterricht habe überbrücken können, sagt Vittucci. "Bei mir sind aber auch um die 40 Auftritte ausgefallen", fügt sie hinzu. Sie habe sich lange geweigert, live zu streamen, "weil meine Arbeit so viel mit den Zuschauern zu tun hat". Dieses Stück sei "für ein großes Theater mit Publikum, live". In Köln wird sie nun vor echten Zuschauern auftreten; "Hate me, tender" wird aber gleichzeitig auch gestreamt.

Die Stadttheater sind besser ausgestattet, aber sie sind eben oft auch schwerfälliger

Als Zwischenfazit hält Haiko Pfost fest, die Situation für die freie Szene habe sich nicht "allgemein verbessert oder verschlechtert". Das liege auch an der Heterogenität der Teilnehmer. "Manche sind sehr autonom und agieren international, aber das geht bis hin zum Kellertheater", so Pfost. Das Festival selbst sei "vergleichsweise privilegiert". Alle 15 Förderer, darunter der Bund, das Land, die Kommunen und das Goethe-Institut, hätten weiter Unterstützung geleistet.

Und wie geht man nun aus der Pandemie-Erfahrung hervor? "Ich habe das Festival immer als Schaufenster der freien Szene gesehen, aber eben auch als Bestandsaufnahme der Themen, mit denen wir uns befassen und letztlich auch als Denkanstoß für neue Projekte", sagt Pfost. Was das für Formate und Ästhetik in der Zukunft heiße, müsse man sehen. Die inzwischen allerorten angebotenen Online-Projekte und Audio-Walks seien für die freie Szene nicht unbedingt etwas Neues. Alles habe sich "während der Pandemie nur stärker dahin verschoben". Die Stadttheater sind besser ausgestattet, klar. Aber sie sind oft eben auch schwerfälliger als die institutionell ungebundenen Kollegen. "Logistisch", vermutet Haiko Pfost, "waren wir da vielleicht ein bisschen im Vorteil."

© SZ/C.D.
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