Berlinale - Kulinarisches Kino Auge in Auge mit der Garnele

Eine Netflix-Serie zeigt, wie Tim Raue vom prügelnden Straßenjungen zum Sternekoch wurde. Auf der Berlinale kann man sein Essen nach dem Film probieren.

Von Ruth Schneeberger, Berlin

Der beliebteste Chef ist Tim Raue sicher nicht. "Nicht nachdenken - nur machen, was man Ihnen sagt!", zischt er seinen Koch an. Oder auch: "Beweg' deinen verfickten Arsch!" So spricht er mit einer Kellnerin. Die preisgekrönte Jungregisseurin Abigail Fuller hat das für Netflix genau verfolgt und filmte jeden Verbalausfall des Berliner Sternekochs mit Genuss. Denn Raue ist stolz auf sein überdimensioniertes Ego.

Das schöne an der Netflix-Episode von "Chef's Table" über Tim Raue ist, dass sie nicht an der Oberfläche bleibt. In der Emmy-nominierten US-Serie werden Chefköche aus der ganzen Welt in einstündigen Episoden vorgestellt - genügend Zeit, um sie den Zuschauern sehr nahe zu bringen. Dabei geht es keinesfalls um Küchenrezepte oder den Alltag eines Sternekochs. "Ich will nicht zeigen, was sie kochen, sondern warum", erklärt in Berlin der Erfinder der Serie, David Gelb, der außerdem die buddhistische Nonne Jeong Kwan portraitiert hat, die ebenfalls als Meisterin der Nahrungszubereitung gilt - in Korea.

Das Schöne wiederum an der Berlinale ist, dass sie all das zusammenbringt: Den Egozentriker Raue mit seinem schicken Berlin-Mitte-Restaurant, wo er über jeden Teelöffel die totale Kontrolle hat. Und die in sich ruhende Nonne Kwan mit dem kahlrasierten Kopf, die nicht an das Ego glaubt und in ihrem wilden Garten in Korea jede Pflanze so wachsen lässt, wie sie will. Die Veranstaltungsreihe "Kulinarisches Kino" zeigt in diesem Jahr unter anderem die Netflix-Episoden über diese beiden Menschen, die unterschiedlicher kaum sein könnten, Yin und Yang. Und tischt dann auch noch das Essen der bemerkenswerten Köche auf. Zu probieren war es am Dienstagabend im Spiegelzelt am Martin-Gropius-Bau, nachdem die beiden Filme dem essensbegeisterten Publikum gezeigt wurden.

Wie Yin und Yang: Während Tim Raue sich so rau gibt wie Berlins Wetter im Februar, ist die buddhistische Nonne Jeong Kwan die Zurückhaltung in Person. Das wirkt sich auch auf ihr Essen aus. Beide zusammen sind an diesem Abend ein gutes Team.

(Foto: Se young. Oh. /Netflix)

Sojasoße ist der kochenden Nonne Kwan heilig

Leider kocht die Koreanerin an diesem Abend nicht selbst für die Gäste, dafür aber Raue umso mehr. Als ausgewiesener Kenner der asiatischen Küche widmet er ihr sogar zwei der fünf Gänge: "Erleuchtendes Weiß" ist zwar nur ein Tee, aber immerhin ein guter. "Gemüsegarten" sieht aus wie ein Gericht aus dem Film: Bunt gefärbte Lotus-Scheiben und das berühmte koreanische Kim Chi vereinen sich mit Kürbispüree und einem großartigen Spinat mit Sesamöl-Sojasauce zu einem kleinen Gedicht über gesunde Pflanzennahrung. Man weiß nach dem ersten Bissen sofort, was Jeong Kwan meint, wenn sie im Film darüber spricht, dass ihr Sojasauce heilig ist und wieso das Essen für die buddhistischen Mönche nicht nur den Körper nährt, sondern auch den Geist beruhigt: Nichts daran stört Körper oder Karma, denn alles ist vegan und wohlüberlegt.

Aber wie sieht es mit Tim Raues Eigenkreationen aus? Im Film berichtet er davon, dass er seine Restaurantbesucher und Kritiker gern provoziert. Weil ihn als Straßenjungen nach seiner Ausbildung keine der feinen Berliner Sterneküchen als Koch haben wollte, hat er seine sehr eigene Küche erschaffen, die weit weg von ausbalancierter französischer Gourmetküche am liebsten mit Extremen spielt und sich an keinerlei Regeln hält: Seine asiatisch angehauchte Spezialgarnele etwa sei wie ein "Schlag ins Gesicht".