Berlinale Jagd nach dem Drachensiegel

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China stoppt einen Wettbewerbsfilm, Kino-Mitarbeiter protestieren wegen niedriger Löhne, und die AfD berichtet von einem Angriff. Für das Festival ein ziemlicher Stresstest.

Von Tobias Kniebe und David Steinitz

Das kommt öfter mal vor bei der Berlinale - dass die Gemüter weniger von den Filmen auf der Leinwand bewegt werden als von den Ereignissen drumherum. In den vergangenen Tagen rumorte es gleich an drei Fronten. Zum einen sollen vier Mitglieder der AfD-Nachwuchsorganisation "Junge Alternative" eigenen Angaben zufolge von Vermummten auf der Straße angegriffen worden sein, offenbar auf dem Weg zu einem Berlinale-Screening im "Kino International". Zum anderen demonstrierten Mitarbeiter der Kinokette Cinemaxx, deren Multiplex am Potsdamer Platz eine wichtige Spielstätte ist, bei einer Galavorführung gegen ihre niedrigen Löhne.

Und schließlich wird der chinesische Spielfilm "Yi miao zhong / One Second" des Regisseurs Zhang Yimou nicht wie geplant am Freitag seine Weltpremiere im Wettbewerb feiern können. Die Vorführung wurde am Montag von chinesischer Seite abgesagt, aus zunächst rätselhaften "technischen Gründen". Das bestätigte das Festival auf Nachfrage.

Natürlich besteht keine Verbindung zwischen diesen drei Ereignissen. Es gibt aber doch einen gemeinsamen Nenner. Die Berlinale sieht sich gern als das politischste der großen Festivals - also muss sie auch damit umgehen, dass sie in die Konflikte der deutschen und internationalen Politik hineingezogen wird, dass die Arbeitsbedingungen in Berlinale-Kinos sehr kritisch geprüft werden und dass Fragen nach einer möglichen Verschärfung der chinesischen Filmzensur gestellt werden. Da in diesem Jahr bereits ein anderer chinesischer Film aus dem Berlinale-Programm gestrichen wurde - "Better Days", der in der "Generation"-Reihe laufen sollte -, wird man beim zweiten Ausfall besonders hellhörig.

Die Verwicklung in aktuelle AfD-Debatten hatte Festivalchef Dieter Kosslick bewusst angestrebt, als er kurzfristig die Holocaust-Dokumentation "Das Geheimarchiv im Warschauer Ghetto" ins Programm nahm und ankündigte, alle AfD-Mitglieder auf eigene Kosten einzuladen. Dabei bezog Kosslick sich auf die Äußerung des AfD-Chefs Alexander Gauland, der die NS-Vergangenheit als "Vogelschiss" in der deutschen Geschichte bezeichnet hatte. "Wenn sie dann noch sagen, das ist ein Fliegenschiss, dann muss ich sagen, sollte vielleicht jemand anderes einschreiten als die Filmemacher", so Kosslick.

Sein Angebot wurde offenbar kaum angenommen, nach Darstellung der AfD sind nun aber Antifa-Aktivisten vor dem Kino gewalttätig geworden - sie sollen bei ihrer Prügelattacke "Scheiß Nazis" gerufen haben. Von der Polizei gab es keine Aussage zur Identität der Täter.

Der Berlinalebetrieb im Cinemaxx geht derweil trotz der demonstrierenden Mitarbeiter ungehindert weiter. Sie standen, unglücklich zwischen die Sicherheitsgitter der Berlinale gezwängt, am Potsdamer Platz und machten mit dem Slogan "CinemaxX spielt uns das Lied vom Hungerlohn!" auf ihre Lage aufmerksam. Hinter der Aktion steht die Gewerkschaft Verdi, die für die Kinobeschäftigten höhere Löhne fordert und sagt: "Der Rote Teppich auf der Berlinale gaukelt eine heile Welt vor - für die jungen Beschäftigten reicht der Lohn nicht mehr für die Miete. Der Kulturort Kino lehrt sie, dass Arbeit nicht zum Leben reicht". Die Berlinale erklärte dazu, sie "respektiere" das Engagement der Kinomitarbeiter, sehe sich aber als "der falsche Ansprechpartner" - Einlass und Service würden während der Berlinale zum Großteil von anderen Dienstleistern übernommen, deren Stundenlohn "deutlich über dem gesetzlichen Mindestlohn" liege.

Ein chinesischer Journalist möchte wissen, warum "solche merkwürdigen Sachen" passieren.

Zur Vermutung schließlich, dass chinesische Filmemacher neuen Repressionen ausgesetzt sind, bot die Pressekonferenz zu dem Film "The Shadow Play" von Lou Ye eine Chance zum Nachfragen. Denn dieser Film konnte am Montag in der Reihe Panorama ohne Vorfälle gezeigt werden - er trug das sogenannte "Drachensiegel" als Bestätigung der Freigabe durch die chinesische Zensurbehörde.

Der düstere Thriller erzählt von den schwierigen Lebensverhältnisse in der südchinesischen Stadt Guangzhou. Warum wurde ausgerechnet dieser Film erlaubt und die anderen beiden nicht? Das wurden der Regisseur Lou Ye und sein Team im Hotel am Potsdamer Platz natürlich sofort gefragt. Vor allem, da sie nur eine Stunde nach der Meldung stattfand, dass Zhang Yimou nicht nach Berlin kommen würde. Ein chinesischer Journalist wollte wissen, "warum auf diese merkwürdige Art und Weise solche merkwürdigen Sachen passieren?" Was genau bei den anderen beiden Kollegen geschehen sei, dazu wollten die Filmemacher sich nicht äußern. Aber Lou Ye bestätigte, dass es mit der Zensurbehörde schon immer ein Kampf gewesen sei und dass diese derzeit besonders genau hinschaue. Für seinen aktuellen Film habe er zwei Jahre gebraucht, um eine Freigabe zu bekommen: "Das war die schwierigste und langwierigste Zensurphase in meiner Laufbahn." Jetzt hoffe er vor allem, dass sein Werk in China regulär ins Kino kommen könne.

Ein Start in China und eine internationale Premiere könnten dem jetzt abgesagten Film von Zhang Yimou dauerhaft verweigert werden. "Yi miao zhong" spielt während der chinesischen Kulturrevolution zwischen den Jahren 1966 und 1976. Diese Phase der Geschichte gilt in China als heikles Thema, über das eher geschwiegen und schon gar nicht im Ausland kritisch berichtet werden soll. Ersatzweise zeigt die Berlinale nun Zhang Yimous Film "Hero" aus dem Jahr 2002 noch einmal. Im Wettbewerb aber konkurrieren jetzt nur noch 16 Filme um den Goldenen Bären, der am Samstag im Berlinale-Palast am Potsdamer Platz verliehen wird.