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Berlinale 2011:Wer wir waren

Moritz Bleibtreu meistert beim NS-Doppelspiel den Balanceakt zwischen Nazi-Haut und jüdischem Innenleben: die letzten Filme im Wettbewerb.

Was muss eigentlich passieren, damit diese jungen Männer und Frauen endlich mal wütend werden? Das Auto wird ihnen geklaut, Frauen kündigen ihre Liebe auf, ein Atommeiler explodiert ... doch die Helden dieses Wettbewerbs verharren in ungerührtem Gleichmut. Nicht mal auf die koreanischen Filmemacher ist da mehr Verlass, die sonst wahrlich bizarre Exzesse von Sex und Gewalt durchspielen. Aber statt loszutoben und um sich zu schlagen, hilft auch der namenlose junge Mann in Saranghanda, Saranghaji Anneunda (Kommt Regen, kommt Sonnenschein) seiner fremdgehenden Frau noch beim Packen, er kocht ihr guten Kaffee und leckere Pasta, selbst weinen kann er nur beim Zwiebelschneiden.

Berlinale 2011 - 'Mein bester Feind'

Verwechslungsspiele: Moritz Bleibtreu im Nazi-Film "Mein bester Feind".

(Foto: dpa)

Lee Yoon Ki, dessen Filme bisher im Forum liefen, entfaltet in seinem Wettbewerbsdebüt die Chronik einer Trennung. Der letzte Tag vor dem Auszug ist bei ihm ein klinisch kühles Kammerspiel im luxuriösen Designerhaus, ein Vakuum der Gefühle, während draußen endlos und zermürbend der Regen prasselt, den menschlichen Gefühlen ein Gleichmaß einhämmert. Das größte Ereignis ist die entlaufene kleine Katze der Nachbarn, die den Hausherrn kratzt und sich dann versteckt. Katzen sind noch am verlässlichsten auf dieser Berlinale, wenn's um emotionale Effekte geht - siehe die Filme von Miranda July und Andres Veiel (in dessen Wer wenn nicht wir Bernward Vespers Vater ungerührt eine im Schuppen erschießt).

Die Ereignislosigkeit der Geschichten und die Lethargie ihrer Helden zehren an den Zuschauern und Kritikern, da ist man geradezu dankbar für die Jungs, die in Wolfgang Murnbergers Mein bester Feind mit allen Tricks und Finten ums Überleben kämpfen: Wie groß muss die Not sein, damit einer endlich mal aus der Haut fährt - ein bisschen klingt das schon im Titel des Romans von Paul Hengge an, den der Haas-Hader-Brenner-Regisseur Murnberger hier verflmte: Wie es Victor Kaufmann gelang, Adolf Hitler doch noch zu überleben. In der ersten Hälfte ist sein Film noch ein braver Katalog gängiger Nationalsozialismusklischees, der es weder mit der Historie noch mit der Wahrscheinlichkeit besonders genau nimmt.

Erzählt wird von einem wohlhabenden Wiener Galeristen und seiner Familie, zwei Söhne gibt es da, den leiblichen Viktor (Moritz Bleibtreu) und den angenommenen Rudi (Georg Friedrich), der sich mit dem Aufkommen des Nationalsozialismus schnell seiner jüdischen Verbindungen entledigt, und auch einer Michelangelo-Zeichnung, die von den Nazis kurzerhand konfisziert wird. Als sich Jahre später herausstellt, dass sie nur eine Fälschung ist, wird auf der Suche nach dem Original der inzwischen eingesperrte Viktor aus dem KZ geholt.

Nun werden die Kleider getauscht, und das Nazidrama kippt auf subversiv absurde Weise in eine Verwechslungskomödie, bei der Murnberger allerdings der böse Biss seiner Brenner-Krimis ein wenig verlorengegangen ist. Aber wie Moritz Bleibtreu sein Spiel mit den Identitäten treibt, diesen fragilen Balanceakt zwischen Nazi-Haut und jüdischem Innenleben, mit all den angedeuteten und mittendrin abgebrochenen Gesten, das ist ein großes Vergnügen - und auch sehr viel brüchiger als letztes Jahr, wo er als Goebbels sehr heftig vom Leder zog, in Oskar Roehlers Jud Süß.

Raus aus seinem Leben

Um ungeklärte Identitäten geht es auch bei Jaume Collet-Serra in dem Thriller Unknown. Am Anfang erleben wir ein liebendes Ehepaar, Liam Neeson und January Jones (die man aus der Erfolgsserie Mad Men kennt, als Ehefrau von Don Draper), im Flugzeug bei der Landung in Berlin und bei der Ankunft im Adlon - er soll einen Vortrag halten bei einer wissenschaftlichen Topkonferenz. Als er merkt, dass er seinen Aktenkoffer am Flughafen vergessen hat, springt er flugs ins Taxi und flutscht damit raus aus seinem Leben.

Nach einem heftigen Unfall wacht er Tage später im Krankenhaus wieder aus dem Koma auf, als er später die Frau im Hotel sucht, behauptet sie, ihn nicht zu kennen, ein anderer hat seine Rolle übernommen. Ein grimmiger Amnesiethriller aus der einstigen Metropole des Kalten Kriegs, außer Konkurrenz gezeigt. Und Jaume Collet-Serra, der bisher vor allem düstere Horrorfilme und Musiclips inszenierte, kann der Stadt tatsächlich ein paar ganz neue Kinomomente abgewinnen, zum Beispiel mit einem kühnen Schwenk von der Goldelse über die Straße des 17. Juni zum Brandenburger Tor.

Horrende Tatenlosigkeit zeichnet wieder die männlichen Mitglieder der albanischen Familie aus in The Forgiveness of Blood - doch sie sind vom Ehrengesetz ihres Landes dazu verdammt. Nachdem der Vater in einen tödlichen Streit mit dem Nachbarn verwickelt war, fordert dessen Familie Blutrache, und bis das geklärt ist, müssen die Jungen und Männer der Familie sich auf unbestimmte Zeit im Haus verbarrikadieren. Wie die Mechanismen von Armut und Existenzangst in den unterprivilegierten Schichten greifen, hat der kalifornische Filmemacher Joshua Marston schon vor sieben Jahren in Maria voll der Gnaden spürbar gemacht, in der Geschichte eines jungen kolumbianischen Mädchens, das als drugmule ihr Leben riskiert, um überhaupt eine Chance auf eine Zukunft zu bekommen.

Auch der siebzehnjährige Albanier Nik setzt alles auf eine Karte, nur um der lähmenden Isolation zu entkommen. Wenn er am Ende, begleitet von Trommelrhythmen und Gitarrenklängen, davonzieht, ist das zugleich schmerzlicher Abschied und verheißungsvoller Aufbruch. Sein existentieller Drive tut auch dem Wettbewerb der Berlinale gut und macht The Forgiveness of Blood zum starken Abschluss eines eher lauen Wettbewerbs.

© SZ vom 19.02.2011/frey

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