bedeckt München 23°

"Ben is Back" im Kino:Die große Illusion

„Sag mir, Sohn, wo ich dich begraben soll!“: Julia Roberts als Holly und Lucas Hedges als ihr Sohn in „Ben is Back“.

(Foto: Mark Schafer)

Manchmal ist Liebe ein schlechter Ratgeber: In "Ben is Back" von Peter Hedges spielt Julia Roberts die Mutter eines Junkies im Kampf gegen die Macht der Sucht.

Peter Hedges gibt seinen Figuren gern sprechende Namen, auffallend oft heißen sie mit Nachnamen Burns. Explosive (und häufig komische) Mischungen waren das, wenn die Mitglieder solcher Burns-Familien aufeinandertrafen - in "Pieces of April" (2003) etwa, in dem der Autor Hedges erstmals auch Regie führte, oder in der Komödie "Dan - Mitten im Leben" (2007). "Ben is Back" versammelt nun die dritte Burns-Familie. Diesmal aber "brennen" seine Figuren so sehr, dass sie beinahe verglühen. Kalt wie Asche wirken die ersten Bilder des Films, sie zeigen einen Friedhof.

Auf eben diesen Friedhof wird Holly (Julia Roberts) ihren Sohn Ben (Lucas Hedges) später zerren, als Mahnung, wohin ihn seine Drogensucht führt: "Sag mir, Sohn, wo ich dich begraben soll!" "Ben is Back" erzählt von dessen Abhängigkeit - und Hollys ebenfalls nicht sehr gesunder Mutterliebe. Nur wenige Blicke und Sätze genügen, um anzudeuten, was die Familie mit Ben in vielen Jahren der Drogensucht erlebt hat: Holly kommt gerade mit ihren drei anderen Kindern von der Probe eines Krippenspiels, da steht ihr Ältester überraschend vor der Tür. "Oh Gott", sagt Holly nur. Sie ist geschockt, hin- und hergerissen, dann läuft sie mit diesem berühmten Julia-Roberts-Lächeln ihrem Sohn doch entgegen. Ihre Tochter Ivy (Kathryn Newton) aber reagiert fast panisch. Und auch Neal (Courtney B. Vance), Hollys zweiter Mann und Bens Stiefvater, hält überhaupt nichts davon, dass Ben seine Entziehungskur unterbricht, um Weihnachten mit seiner Familie zu feiern.

Beim Zuschauer stellt sich gleich dieses Horrorfilmgefühl ein, dass etwas Unberechenbares und Gefährliches Einzug gehalten hat in ein scheinbar idyllisches Heim. "Let's go crazy!", kreischt Ben, während er ausgelassen mit seinen beiden jüngsten Geschwistern spielt. Ist das nun fröhlich oder psychopathisch, ist Ben womöglich high? Als Zuschauer weiß man nicht, woran man bei diesem Jungen ist, der 19-jährig schon auf eine jahrelange Drogensucht zurückblickt, der unschuldig lachen kann wie ein Kind, dann wieder lügt, hart, verkniffen und verschlagen agiert, wie ein Junkie eben. Hedges hat seinem eigenen Sohn Lucas diese Rolle gegeben - und der junge Schauspieler, der bereits in "Manchester by the Sea" glänzte, zeigt auch hier, was alles in ihm stecken kann: ein verlorener Sohn, den man in den Arm nehmen will, ein missbrauchtes, zutiefst labiles Kind, aber auch knallharter Drogendealer.

Diese fundamentale Unsicherheit quält auch Bens Familie. Während Ben noch im Garten mit den Geschwistern spielt, versteckt Mutter Holly blitzschnell alle Medikamente und Wertsachen. Großartig, wie Julia Roberts den Widerstreit der Gefühle gegenüber ihrem Sohn spielt, zwischen Vertrauen und Misstrauen, Liebe und Härte. Roberts hat sich rar gemacht in den letzten Jahren und nur wenige "echte" Hauptrollen gespielt. Hier zeigt sie, wie vielschichtig sie agieren kann, gerade auch in dramatischen Rollen. Ihr Star-Image stellt sie in den Dienst der Rolle: Wenn Holly übertrieben fröhlich auf Bens gar nicht komische Erzählungen reagiert, vermittelt sie die Sehnsucht, dass Bens treuherzige Beteuerung, diesmal sei alles anders, doch bitte, bitte stimmen möge. Es ist das zentrale Versprechen - und die zentrale Illusion - aller Süchtigen und ihrer Familien.

Die nächtliche Reise durch die vermeintlich biedere Vorstadt enthüllt Stationen der Sucht

Ben darf bleiben, einen Tag nur und mit strengen Auflagen, aber schließlich ist Weihnachten. Manchmal ist Mutterliebe ein ebenso schlechter Ratgeber, wie es die Drogen für Ben sind. "Ben is Back" ist fotografiert wie ein Thriller oder ein Horrorfilm, mit einer unsteten Kamera. Dazu kommt ein tristes, graues Winterlicht, das so gar nicht zum Setting des Films zu passen scheint - Heiligabend in einem schmucken New Yorker Villenvorort. Aber solchen Fassaden ist ja bekanntlich nicht zu trauen.

"Ich entstamme einer Familie, in der Alkohol- und Drogenabhängigkeit eine große Rolle spielen", hat Hedges zum Motiv des Films erklärt. "Nachdem ich jemanden an die Sucht verloren hatte, der mir sehr nahestand, und ein weiterer Freund mitten im Entzug steckte, entstand in mir der Wunsch, einen Film darüber zu machen, wie ein instabiles, gebrochenes Familienmitglied alles ins Wanken bringen kann." Vielleicht ist das eigene Erleben ein Grund für die vielen stimmigen Details. Hedges aber darf ohnehin als Spezialist für dysfunktionale (oder auch nur sehr ungewöhnliche) Familien gelten, seit er seine Filmkarriere mit dem Drehbuch zu "Gilbert Grape - Irgendwo in Iowa" (1993) begann.

"Ben is Back" spielt an nur einem Tag und in einer Nacht, ohne Rückblenden, aufs Äußerste verdichtet. So erzählt er von der Macht der Sucht, ihren quälenden, oft schäbigen Folgen, vor dem Hintergrund der sogenannten Opioidkrise in den USA, dem zunehmenden Missbrauch von Schmerzmitteln. Und er schickt Ben auf eine nächtliche Suche nach dem entführten Familienhund Ponce - eine wenig plausible Wendung, die aber dazu dient, Ben und seine Mutter Holly in Bens Vergangenheit und in die Unterwelt des vermeintlich biederen Vororts zu führen.

Es wird eine Höllenfahrt. "Hier habe ich Drogen genommen. Hier habe ich jemanden ausgeraubt", erzählt Ben und enthüllt so seiner Mutter - und uns - eine verborgene Topografie des Schreckens. In diesem zweiten Teil des Films wird "Ben is Back" endgültig zum Thriller und zum Horrorfilm. Nachdem sie eine Nacht lang wie eine Löwin um ihren Sohn gekämpft hat, muss Holly einsehen, dass jede Rettung nur einen Aufschub bedeuten kann.

Ben is Back , USA 2018 - Regie, Buch: Peter Hedges. Kamera: Stuart Dryburgh. Schnitt: Ian Blume. Mit: Julia Roberts, Lucas Hedges, Courtney B. Vance, Kathryn Newton, David Zaldivar. Verleih: Tobis, 103 Minuten.