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Ludwig van Beethoven:"Bewegung tut gut"

Blechrohre am Ohr waren keine große Hilfe für den immer schlechter hörenden Ludwig van Beethoven. Die einzige Möglichkeit zu kommunizieren war die Schriftform.

(Foto: imago)

Der taube Komponist nutzte Konversationshefte, in die Besucher Meinungen und Fragen schrieben. Doch seine Antworten fehlen.

Von Wolfgang Schreiber

Ludwig van Beethoven hat seine Taubheit frühzeitig, herzzerreißend, protokolliert: "Welche Demüthigung, wenn jemand neben mir stund und von weitem eine Flöte hörte und ich nichts hörte; oder jemand den Hirten Singen hörte, und ich auch nichts hörte..." Das notierte er vor den Toren Wiens am 6. Oktober 1802 im Brief an seine Brüder, berühmt als "Heiligenstädter Testament".

An Suizid habe er gedacht, bekannte der 31-Jährige. "Den Menschen zu sagen: sprecht lauter, schrejt, denn ich bin taub", das traue er sich noch nicht. Ausgerechnet er, "mit einem feuerigen lebhaften Temperamente gebohren", müsse auf Gespräche verzichten, auf die "Erholung in menschlicher Gesellschaft, feinere Unterredungen, wechselseitige Ergießungen". Um so den Menschen als "feindselig, störrisch oder misantropisch" zu erscheinen.

Die Schwerhörigkeit verschlimmerte sich, Beethovens Bemühungen, damit umzugehen, stießen an Grenzen. "Hörrohre" aus Blech, primitiv ans Ohr gedrückt, heute erbarmenswert Museumsvitrinen zierend, enttäuschten ihn. Ebenso diverse Therapieversuche. Dirigierte er bisweilen noch ein Orchester, mussten die Musiker den drohenden Crash verhindern.

Nur ein Kommunikationsmedium gab es, der Rettungsanker in fortschreitender Ertaubung, so simpel wie zeitraubend - "Konversationshefte". Beethoven warf sie nicht weg, 400 Exemplare sollen es gewesen sein, 139 blieben erhalten. In seinen letzten Lebensjahren lud Beethoven seine Besucher konsequent mit Papier und Bleistift zu Gesprächen, von 1818 an las er ihre hingekritzelten Sätze oder Satzfetzen, ihre Fragen, Beobachtungen, Meinungen. Seine eigenen Äußerungen erfolgten mündlich, mit wenigen Ausnahmen treten in den Heften nur die Gesprächspartner auf. Bleibt die Frage: Sind die Redeanteile Beethovens zwischen den Notaten rekonstruierbar, bräuchte es dafür musikhistorische Detektive, die Eingebung von Dichtern?

Beispiel Konversationsheft Nr. 91, Mitte Juli bis Mitte August 1825. Zwei Personen mit handschriftlichen Wortmeldungen. Beethovens Neffe Karl: "Ich will jetzt zu Fuchs gehen; es ist Zeit. Du kannst noch spazieren gehen, ich schaffe dann zu Hause an. Auch wird der Thal gleich dort seyn" ... Der Geiger Karl Holz: "Er wird bald Vater" ... "Er verwendet viel auf den Director-Ruhm" ... "Ein gefälliger Mensch" ... Neffe: "Romberg spielt immer ohne Noten" ... Holz: "Und schneidet überirdische Gesichter dazu" ... Neffe: "In Rom ist ein Mensch, der durch die Kraft des Gebethes gebratne Hühner auf der Schüssel herumfliegen lässt" ... Holz: "Wohin wollen Sie ausfliegen?" ... "Soll Linke 12liniges Notenpapier nehmen?" ... "Indessen hätten Sie ein neues großes Werk geschrieben" ... Neffe: "Es ist bald ½ 5. Bester! Verseht uns mit dem Nötigsten" ...

Die Konversationshefte sind Spiegel seines Lebens

Beethoven 1825, knapp zwei Jahre vor dem Tod. Er arbeitet, nach überstandener schwerer Krankheit, nach Absage einer Londonreise, an den letzten, "der Welt abhanden gekommenen" Streichquartetten, jetzt an Opus 132 in a-Moll mit dem Satz Molto Adagio: "Heiliger Dankgesang eines Genesenen an die Gottheit". Beethoven befindet sich mitten in seinem Wiener Alltag. Steht im Kreuzfeuer musikalischer Fachfragen und Verlagsinteressen, gepeinigt von der reaktionären Politik nach den Napoleon-Kriegen und dem Wiener Kongress, gequält von seinem Kampf um die Vormundschaft für den fragilen Neffen Karl, geplagt vom Tratsch und Klatsch um Haushalt, Essen und Trinken. Die Konversationshefte werden zum Spiegel seines Lebens.

Wer mit ihm über soziale und politische Zustände in Österreich und der Welt redet, findet in seiner Nähe zu einer unerbittlich kritischen Haltung, im Konversationsheft nachzulesen von der Hand des Karl Holz, Beethovens letzten Sekretärs: "Zu viele Beamte, zu viel Militär, zu viel Geld, zu viele Pfaffen, zu wenig Verstand." Ein paar Blätter weiter fragt Holz: "Sind Sie müde?" Dann: "Bewegung thut aber gut." Weiter: "Sind Sie so hungrig?" Und wie in einer Kochschule: "Wenn die Hühner mürbe seyn sollen, so müssen sie zwey Stunden vor dem Braten ausgeweidet und ins Wasser gelegt werden." Was mag Beethoven in solchen "Gesprächen" gesagt haben, wie war sein Tonfall, sein kauziger Witz, sein Alltagsmisstrauen?

Wer die mit Beethoven tätigen, in den Konversationsheften palavernden Personen sind, wie sie zu ihm und der damaligen Musikwelt standen, das klären die Erläuterungen in der elfbändigen, von 1972 an gedruckten "Kritischen Edition" der Konversationshefte. Deren Originale, nach Beethovens Tod von einem Mann namens Anton Schindler in Besitz genommen, liegen heute in der Berliner Staatsbibliothek, zwei Hefte im Bonner Beethoven-Haus.

Zu den offenen Fragen um Beethovens Gesprächswelt in den Konversationsheften gehört nun Anton Schindler, ein junger Geiger in Wien, der Beethoven erst spät begegnete, sich ihm als "Intimus" andiente, um später die erste, mit Fälschungen gespickte Beethoven-Biografie zu schreiben. Schindler nannte die Konversationshefte, in denen Beethoven "schweigt" und ihn daher zu frei erfundenen Beiträgen eigenen Interesses anstiftete, seine "Zauberbücher".

Im Anmerkungsapparat der Edition wird Schindlers habgierige List nach allen Regeln der Textkritik durchleuchtet. Jedoch: Die Konversationshefte bleiben ein Quell für Beethovens "Geheimnisse" und manche Scherze. So, wenn Holz einmal über einen Hasenbraten redet und dabei an Joseph Haydn denkt: "Das ist der Hase, der in den Jahreszeiten erlegt wird" ... Und weiter fantasierend: "Die Schöpfung ist ein erhabnerer Gegenstand" ... Nun denn: "Gebraten ist er gut, aber er riecht."

© SZ vom 26.09.2020
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