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Klassikkolumne:Schärfe der Konturen

Immer wieder Beethoven: Obwohl dessen 250.Geburtstag im vergangenen Jahr abgefeiert wurde, gibt es immer noch überraschende und überragende Neuaufnahmen seiner Stücke.

Von Harald Eggebrecht

Es gibt musikalische Projekte, deren mögliches Gelingen man kaum erwarten kann, nachdem sie grandios begonnen haben. Das gilt für die Aufführung ganzer Werkgruppen ebenso wie für die langfristige Entwicklung von Ensembles oder die Entfaltung mancher Solistenverbindungen.

Viele Jahre hat der große Geiger Frank Peter Zimmermann nach einem Klavierpartner gesucht, mit dem er den Corpus der zehn Klavier-Violine-Sonaten von Ludwig van Beethoven ihren vielfältigen Ansprüchen gemäß aufführen könnte. Also keine flüchtige Musikerbegegnung, kein falscher Ansatz von "Hier Star, dort Klavierdackel", und vor allem keine routiniert-perfekte, aber wenig erhellende Darbietung nach dem Prinzip "Jeder für sich auf eigene Rechnung". Endlich hat Zimmermann nun in Martin Helmchen jenen Pianisten gefunden, mit dem gewissermaßen die Quadratur des Kreises möglich ist: sich einander so zugewandt und im besten Sinne symphonisch, auf gleicher musikalischer und technischer Augenhöhe, zusammen so ehrlich und ernsthaft in diesen Werkkosmos zu vertiefen, dass das Beethoven-Projekt zum Ereignis von je überzeugender Instrumentalindividualität und begeisternder Gemeinsamkeit wird. Das jedenfalls war der Eindruck von der Einspielung der ersten vier Sonaten. Nun also die Fortsetzungs-CD mit den Sonaten 5 bis 7. Zum Glück haben Zimmermann/Helmchen nicht eine Art Beethoven-Passepartout im Sinn, der für alle zehn Etappen dieser Expedition genügen könnte, sondern sie lassen sich auf jede Sonate in ihrer Eigenart, auf die von Beethoven je angestrebte Werkindividualität ein bis in die Einzelsätze hinein.

So wirkt die Landschaftlichkeit, das Pastorale der "Frühlingssonate" op. 24 nicht wie meist behaglich und biedermeierlich, sondern frisch gespannt, in der zügig fließenden Melodik ungemein wachsam achtend auf die Plötzlichkeiten von Dynamik, der Kontraste, Farbwechsel und Stimmungen. Präsenz und Prägnanz der jeweiligen musikalischen Gestalten werden unmittelbar lebendig gerade in den seltener gespielten Stücken wie etwa bei der A-Dur-Sonate op. 30,1. Besonders im unvergleichlichen Adagio wagen die beiden wirklich wie verlangt ein extremes, doch nie forciertes "molto espressivo", um diese einzigartige Insel Beethovenscher Innigkeit magisch zu beschwören. Op. 30, 2 in c-Moll wird dagegen von beiden Musikern als geradezu verstörendes, düster-wildes, bis ins Atemlose gejagtes, dunkelfarbiges Drama mitreißend gestaltet. Das Unnachahmliche von Zimmermann/Helmchen ist aber ihre Kunst des untrüglichen Timings, die diese Musik so unmissverständlich klar zum Sprechen bringt. (Bis)

Auch das Quatuor Modigliani (Amaury Coeytaux, Loïc Rio, Violinen; Laurent Marfaing, Viola; François Kieffer, Violonccello), seit gut fünfzehn Jahren eines der besten Streichquartette unserer Zeit, verfolgt mit Vitalität, sinnlicher Kraft und berauschender Ensemble-Virtuosität ein hoch ambitioniertes Projekt: Deutlichkeit des Stimmengeflechts, Schärfe der Konturen, Klangfarbenvielfalt ohne Manierismen und Ausdrucksfeuer ohne Gewalt stets im Dienste der jeweiligen Musik. Die neue CD bietet drei absolute Meisterwerke: Joseph Haydns Op. 76, 2, das "Quintenquartett", erklingt so konzentriert, lustvoll, energiegeladen und inspirationsfreudig, als sei es eben komponiert. Béla Bartóks 3. Quartett, so knapp in den melodischen Formulierungen wie vielfältig in den Erkundungen von perkussiven, den Klang verfremdenden oder überspitzenden Instrumentalfarben, verwirklichen die "Modiglianis" als umwerfendes, nahezu orchestrales Ereignis. Und Wolfgang Amadé Mozarts "Dissonanzenquartett" C-Dur KV 465 strahlt in unerschöpflicher Experimentierfreudigkeit, bedrohlicher Abgründigkeit ebenso, wie die Musiker den Gestaltenreichtum dieses Instrumentaltheaters großartig inszenieren. (Mirare)

Isabelle Faust, Violine, Jean Guihen Queyras, Violoncello, Alexander Melnikow, Klavier - drei weltberühmte, in ihrer Originalität und Sensibilität einzigartige Musikerpersönlichkeiten haben es schon seit geraumer Weile erreicht, sich ohne falsche Einbußen der jeweiligen Eigenart auf einer staunenswert glücklichen gemeinsamen Musizierebene zu treffen. Die historisch informierte Mischung aus solistischer Unverwechselbarkeit und dem Streben nach kraftvollem kammermusikalischem Miteinander bekommt dem oft nur schwerfällig und klebrig bewältigten Tripelkonzert op. 56 von Beethoven äußerst gut. Queyras nimmt das meist unterschätzte Stück nicht als vermeintliches Cellokonzert, Melnikow liefert kein beiläufiges Klavierspiel, und Faust begnügt sich nicht mit einzelgängerischer Geigerei: Endlich erscheint hier das Werk als effektvolle echte Sinfonia concertante, an der das Freiburger Barockorchester unter Pablo Heras-Casado gehörig glänzenden Anteil hat. Das klingt insgesamt fabelhaft durchsichtig, rhythmisch immer elastisch, virtuos geschmeidig und melodiös so elegant wie lyrisch schön. (harmonia mundi)

© SZ/rjb
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