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Pop:Die Diskrepanz zwischen Stadt und Land

Was macht man also so, da in Vogt, da in der Provinz? Ein bisschen mit dem alten Fiat der Mama durch die Gegend fahren, trinken, rauchen, feiern, abstürzen, sich verlieben und wieder trennen. All diese Erfahrungen, die man macht, wenn man die Welt erleben will, aber in der Nähe von Ravensburg wohnt. Man muss sich sein Amerika dann selbst bauen. "Unsere Musik handelt viel von Naivitäten: wie man Dinge als junger Mensch wahrnimmt, wie man Liebe wahrnimmt, die Diskrepanz zwischen Land und Stadt."

Diese Diskrepanz sieht man ganz gut im Musikvideo zu "Was uns high macht". Ein Dutzend junge Menschen sitzen in Kneipen, an denen in Frakturschrift "Wirtschaft" steht, laufen über leere Straßen und kleiden sich so, wie man in Vogt denkt, dass Menschen in Berlin aussehen müssen. Leopardenmuster, übergroße Jeansjacken und der blaue Pulli mit den zwölf Sternen, der vor der Europawahl 2019 auf Instagram sehr beliebt war. Zeitgeist, handmade in Vogt.

"Was uns high macht" ist ein leichter Song, einer der Aufbruch verspricht und die Vorfreude auf den Rausch. Und es ist auch der Durchbruch für die vier im Sommer 2019. Auf Spotify ist es bis heute der meistgehörte Song. Beim Konzert in München singen die meisten Zuschauer jedes Wort mit.

Für einen Videoanruf reicht das Internet nicht

Doch das war im Januar. Zeit für ein Update. Geplant war ein Videoanruf, aber dafür sei das Internet in Vogt "wirklich zu schlecht", informiert das Management. Also dann das Telefon. Ein resignierter Waizenegger fasst Albumaufschub, Tourabsagen und den geplatzten Festivalsommer zusammen: "Irgendwie hat man sich mit der Situation jetzt abgefunden, auch wenn es am Anfang natürlich schmerzhaft war." Ein paar Alternativen wurden geschaffen, es gibt jetzt Picknickkonzerte, Livesessions auf Youtube und Instagram-Konzerte. Das Wahre ist es nicht. Andererseits hat Waizenegger auch keine große Lust, irgendwas hinterherzutrauern. Hilft ja nichts.

Über die sozialen Netzwerke hielt man den Kontakt zu den Fans und beteiligte diese spontan als Protagonistinnen und Protagonisten am Video zum Song "Diego Maradona". Unzählige Selfie-Videos von singenden Fans inklusive Maradona-Lockenkopf-Instagram-Filter illustrieren jetzt den Refrain. Menschen alleine, doch im digitalen vereint. Der Videochat als Musikvideo. Kein Ersatz. Aber auch nicht nichts.

Und die Musik übersteht die Corona-Krise zwar nicht auf den Bühnen, dafür aber als eskapistischer Raum, als Momentaufnahme der Jugend und Ausdruck völliger Unbekümmertheit, in Zeiten, in denen diese Leichtigkeit nicht immer so selbstverständlich ist. "Wir bauten uns Amerika" fühlt sich an wie eine Partynacht, beginnend bei der hibbeligen Motivation und Überschwänglichkeit ("Mach Platz!", "Tanz für mich") über das "Schießen uns ab wie Diego Maradona" und den Turbulenzen zwischenmenschlicher Beziehungen ("Verlier dich", "Chaos") endend in der ruhigen Reflexion am nächsten Morgen ("Wenn die Party vorbei ist", "Nur Freunde"). Unbeschwertheit - in diesen Tagen ist das auch von Platte viel.

© SZ
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