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Ballettpremiere als Film:Wer hat Angst vor dem Bösen draußen?

Szene aus "Über den Wolf": Peter (Olga Garcia, vorne) traut sich nicht raus aus seiner Isolation. Denn draußen lauert die Gefahr, das Unbekannte, womöglich ein böser Wolf. Dort gibt es aber auch den springfröhlichen Vogel (Sofie Vervaecke).

(Foto: Jesús Valinas)

Der Nürnberger Ballettchef Goyo Montero ist ein Meister der Dunkelheit. In der digitalen Tanz-Uraufführung "Über den Wolf" interpretiert er Prokofjews musikalischen Klassiker "Peter und der Wolf" neu - als Parabel auf unsere Zeit.

Von Dorion Weickmann

Weit hinten thront die Kaiserburg, davor erstreckt sich der Dachfirst des Nürnberger Opernhauses, dazwischen drängeln sich puderzuckerschneebestäubte Häuser vor der Filmkamera. Schon gleitet das Objektiv abwärts, die Sandsteinfassade des Theaters hinab, bis ein kleiner Balkon in Sicht kommt, und mit ihm ein Mann. Im nächsten Moment verschwindet er im Labyrinth des Gebäudes, irrlichtert durch Studios und Gänge und erklärt nebenbei, warum er ausgerechnet dieses Tanzstück gemacht hat: "Über den Wolf". Schließlich schaut er vom Schnürboden auf die Bühne hinunter, die Kamera folgt seinem Blick und erfasst einen Bärtigen in schwarzem Anzug und rot-weißem Streifenshirt. Alle viere von sich gestreckt, scheint er zu träumen.

Weit gefehlt, denn gleich wird der Schauspieler Thomas Nunner fünfzig Minuten lang sämtliche Rollen sprechen, die eine Tänzerschar parallel dazu beatmet. Zusammen erschaffen sie das Bestiarium, mit dem Sergej Prokofjew 1936 sein musikalisches Märchen "Peter und der Wolf" bestückt hat: Vogel, Ente, Katze, Wolf, dazu Großvater und Enkel. Nur haben Goyo Montero, der Mann vom Balkon, und sein Komponist Owen Belton die Fabel in eine Parabel verwandelt: Der Wolf steht hier für reale Gefahr - und atmosphärisches Gift. Beides begleitet auch uns seit der Pandemie. Als Bewohner des Anthropozäns haben wir die virale Bedrohung freilich selbst heraufbeschworen.

Seit vergangener Woche ist der Tanzfilm "Über den Wolf" sowohl auf BR Klassik wie im Digitalfundus des Nürnberger Staatstheaters zu sehen, ein wunderprächtiges Pixelpräsent. Monteros packende Choreografie zeichnet die Figuren mit der Zuspitzung eines Comics. Zugleich eröffnet sie einen Spielraum, in dem sich die Beziehungen - liebevoll, feindlich, freundschaftlich oder angstbesetzt - in ihrer ganzen Unterschiedlichkeit entfalten können. Die Kamera setzt dabei eigene Akzente, bleibt aber dicht am Geschehen und trägt so dazu bei, dass der Sprung von der leeren Bühne des Staatstheaters ins Digitale glückt.

Diskret verweisen die städtischen Impressionen im Vorspann auf das enge Band, das Goyo Montero seit seinem Direktionsantritt 2008 zwischen Bürgerschaft und Ballettensemble geknüpft hat. Saison für Saison zieht die Tanzsparte des zweitgrößten bayerischen Staatstheaters rekordverdächtig viele Besucher an. Und das, obwohl der Chef die Herzen, Augen und Hirne unablässig herausfordert: mit impulsiver Kunst, die weder grelle Kontraste noch das Empfindsame und Zerbrechliche scheut.

Der mit dem Wolf tanzt: Goyo Montero, Ballettdirektor am Staatstheater Nürnberg.

(Foto: Denislav Kanev/DEDA Productions)

Montero, 1975 in Madrid geboren, ist ein Meister der Dunkelheit - suggestiv wie Goya, imaginationsgewaltig wie El Greco. Nachdem er selbst Klassiker wie "Dornröschen" oder "Cinderella" aufs Überraschendste renoviert hat, entpuppte sich seine letzte Prä-Lockdown-Produktion als Sensation: Im Orchestergraben heizte die furiose Nürnberger Generalmusikdirektorin Joana Mallwitz den Musikern ein, auf der Bühne entzündeten zwei Dutzend Tänzer ein "Sacre du printemps"-Fanal in Sci-Fi-Dimension. Halb Gral, halb Raumschiff, schwebt da ein Riesenreif in der Luft, dessen Lichtstrahlen vernichtende Energie emittieren. Die Rettung kann nur gelingen, wenn ein menschliches Wesen stirbt: freiwillig, altruistisch und aus eigenem Antrieb. Dieses ökokatastrophische "Frühlingsopfer" beschreibt die Gegenwart als permanente Krisenzone - und den Ausstieg als Opferhandlung aus Nächstenliebe.

In diesem Fall hat das Kino eine Fülle an Inspirationsmaterial geliefert, von Stanley Kubricks "2001: Odyssee im Weltraum" bis Roland Emmerichs "Independence Day". Anregungen für seine Kreationen - allein für Nürnberg summiert sich deren Zahl inzwischen auf mehr als zwanzig - holt sich Montero in der Kunst, im Alltag und in der Kooperation mit seinen Tänzern. Wer seine Intensität auf Proben beobachtet, der ahnt, dass der Mittvierziger sich hin und wieder bremsen muss. Er kombiniert rasch, reagiert blitzschnell und federt überschießende Agilität doch immer wieder klug ab - und sei es durch den Verweis auf ein soeben gelesenes Buch.

2020 lässt ihn nachdenklich zurück, in Sorge um die gebrechliche Mutter, den kleinen Sohn, aber optimistisch, was sein zweiundzwanzig Köpfe starkes Ensemble betrifft. Auch etliche auswärtige Choreografie-Aufträge, die coronabedingt gecancelt oder verschoben wurden, lassen sich nachholen. Außerhalb seines Herrschaftsgebiets namens Staatstheater Nürnberg Ballett ist Goyo Montero ein europaweit gefragter Gast, mit gelegentlichen Abstechern nach Russland und in die USA.

Seine Tanzsprache ist eher erdverbunden als ätherisch. Sie erschließt sich problemlos

Dieser Erfolg verdankt sich einer Tanzsprache, die mitteilsam ist und sich problemlos erschließt, ohne deshalb ästhetische Abstriche zu machen - ob sie nun von "Don Quijote" oder "Dürer's Dog" berichtet. Dabei hat sich der Choreograf im Lauf der Jahre sowohl von seiner klassischen Herkunft wie von der eigenen Tanzkarriere in Berlin, Leipzig, Wiesbaden und Antwerpen weit entfernt. Seine Spannkraft wirkt eher erdverbunden als ätherisch. Nie geizt sie mit feinstofflichen Bewegungsakzenten und hochdramatischer Gebärde. Kaum zufällig ging der Bayerische Kunstförderpreis zuletzt regelmäßig an Nürnberger Tanznachwuchskräfte - gerade erst an Sofie Vervaecke, die Monteros "Sacre"-Vision die erlösende Apotheose beschert hat.

Der Aufwärtstrend, 2018 mit dem Deutschen Tanzpreis für die Kompagnie gekrönt, wurzelt auch in der konsequenten Vermeidung künstlerischer Monokultur. Regelmäßig bereichern international renommierte Tanzdesigner von Ohad Naharin bis Marco Goecke das Nürnberger Repertoire. Montero nährt choreografische Vielfalt und damit auch die eigene Experimentierlust - eine Eigenschaft, die das Ego gerade im gesellschaftlichen Ausnahmezustand deblockiert. Als persönlicher Befreiungsschlag ist letztlich auch "Über den Wolf" entstanden. Nachdem der Ballettchef begriffen hatte, dass vorerst kein Weg auf die Bühne zurückführt, passte er das im ersten Lockdown skizzierte Projekt der aktuellen Realität an. Doch anders als Prokofjews Vorlage verhandelt Monteros Tanzfilm weniger äußere Gefahren als innere Zersplitterung. Die animalischen und menschlichen Treiber des Geschehens ähneln seelischen Introjekten, wie sie jedermann mit sich herumschleppt: vom faulen Stubentiger über den angriffslustigen Wolf bis zum besserwisserischen Großvater mit "Gestern-war-alles-besser"-Allüre.

Derweil hält Goyo Montero, der Mann vom Balkon, Ausschau nach neuen Tanz-Abenteuern. Als Nächstes wird er sich Bachs "Goldberg-Variationen" vorknöpfen. Ein gewagter Griff nach den musikalischen Sternen. Aber wer die herben Franken erobert hat, der braucht kein künstlerisches Risiko zu fürchten.

© SZ/C.D.
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