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Klassik-CD:Atemraubende Bergsteigerei

Verrät Bachs Werk nie an ausgefuchste Geigerei: Augustin Hadelich, Jahrgang 1984.

(Foto: Luca Valenta)

Augustin Hadelich ist einer der spannendsten Geiger weltweit. Jetzt hat er sich an Johann Sebastian Bachs sechs riesige Soli gemacht. Dieses Album ist rundum geglückt.

Von Harald Eggebrecht

Für jeden Violinisten von Rang ist das "Alte Testament", wie Yehudi Menuhin die "Sei Solo a Violino senza Basso accompagnato", die drei Solosonaten und drei Solopartiten von Johann Sebastian Bach, genannt hat, Herausforderung und Verpflichtung zugleich. Dennoch gibt es genug große Geiger, die sich an das Konvolut nur auszugsweise heranwagten und wagen, wenn sie einzelne Sätze als Zugabe spielen. Ob Fritz Kreisler oder Adolf Busch, ob Carl Flesch oder Bronislaw Huberman, ob David Oistrach oder Ivri Gitlis, um nur ein paar erlauchte Namen zu nennen, sie alle haben die "Sei Solo", 1720 in Köthen entstanden, nie komplett öffentlich präsentiert, sei es aus Respekt vor dem gedanklichen und geigerischen Anspruch oder aus Befangenheit vor dem Mythos Bach, oder sei es auch, weil nicht jedem diese Musik liegt beziehungsweise liegen muss.

Nun hat sich seit den Erkenntnissen und der Entfaltung der historisch informierten Aufführungspraxis seit den Fünfzigerjahren des vorigen Jahrhunderts so viel getan, dass sich heute kaum eine Geigerin oder ein Solist hinstellen kann und die "Sei solo" so denkmalartig statiös aufführen kann wie einst Henryk Szeryng oder rein violinistisch gelöst wie Jascha Heifetz oder auch so tiefernst schürfend wie Menuhin. Manche gehen das Korpus der sechs Stücke nahezu so an, als handele es sich dabei um Sakralwerke vom Gewicht der Matthäuspassion, andere versuchen sich mit ausgetüftelter Stakkato-Ästhetik und geschwinder Kurzatmigkeit vor der Größe und dem Glanz dieser tiefsinnigen, aber eben auch unmittelbar virtuosen Musik zu retten. Dagegen wirkt Nathan Milsteins positivistisch unbefangener Ansatz klanglicher Deutlichkeit und geigerischer Souveränität bis heute nach: "Ich spiele Bachs Musik einfach lebendig, dann entfaltet sich die in ihr steckende Brillanz."

Augustin Hadelich, Jahrgang 1984, einer der wichtigsten Geiger seiner Generation, hat sich jedoch darüber hinaus historisch informiert, ohne vermeintlicher Orthodoxie zu verfallen. Also traut er sich manchmal ein Ausdrucksvibrato und bleibt in hinzugefügten Verzierungen sparsam. Mit Barockbogen spielt er auf einer Guarneri del Gesú von 1744, einst im Besitz von Henryk Szeryng. Im Booklet erläutert er seinen Erfahrungsgewinn: "In ihrer Länge und ihrem Gewicht unterscheiden sich Barockbögen sehr, sie können aber im Allgemeinen alles, was ein moderner Bogen auch kann. Eine leichte, federnde Artikulation lässt sich mit einem Barockbogen leichter erzeugen. Ich empfand es als befreiend, Bach mit einem Barockbogen zu spielen: Die Saiten lassen sich mit viel mehr Energie anpacken, ohne dass ich mich sorgen müsste, dass der Klang zu rau oder zu expressionistisch wird. Passagen mit Dreier- und Viererakkorden klingen flüssiger, tänzerische Sätze tanzen mehr, langsame Sätze singen mehr." Entscheidend ist allerdings, wer den Bogen mit welcher Inspiration führt.

Die raschen motorischen Sätze wie etwa das Schluss-Presto der Sonate in g-Moll lässt Hadelich jedoch nicht stromlinienförmig abschnurren, sondern das blitzt und funkelt so originell wie ein Paganini-Capriccio. Das Allegro assai der Sonate in C-Dur, das oft zur Geläufigkeitsstudie verkleinert wird, hat bei ihm deutlich gezeichnete Kontur bis in die letzte Figuration hinein. Das Preludio der Partita E-Dur, häufig zur brav gefiedelten Etüde degradiert, entwickelt er zur strahlenden Eröffnung. Laut-leise-Kontraste werden in keinem Satz zu Fortissimo versus Pianissimo übertrieben, aber die Gegensätze sind so unmissverständlich, wie sie sich zugleich ergänzen.

Es ist in der Tat bizarr, ausgerechnet auf einem Melodieinstrument wie der Violine in diesem Zyklus gleich drei Fugengebirge zu türmen

Das vielleicht seltsamste Stück dieses Sechser-Konvoluts aber ist die erste Partita in h-moll: Die formale Anlage von vier eher akkordisch gehaltenen Hauptsätzen, denen jeweils ein variierendes, figurativ ausformuliertes Double folgt, bereitet vielen Violinisten Kopfschmerzen beim Versuch, einen möglichen Zusammenhang schlüssig herzustellen. Ganz anders Augustin Hadelich: Allemanda, Corrente, Sarabanda und Tempo di Borea erfüllt er mit feuriger Grandezza, ausartikuliert als exaltierte Charaktertanzstücke, die sich dann in den jeweiligen Doubles in Geschmeidigkeit, Eleganz und auch furiose Rasanz gleichsam auflösen. Dem strengen Korsett der Tanzformen folgt brillant ausgespielter Bewegungsfluss in unterschiedlicher Geschwindigkeit. Bachs Zeitgenosse Johann Mattheson hatte h-Moll als "bizarre, unlustige und melancholische" Tonart beschrieben. Bei Hadelich wirken die Tänze tatsächlich zugespitzt, exzentrisch, während die Doubles sich deren Zeremoniell wundersam leicht entwinden. Das ist so überraschend wie erhellend, plötzlich leuchten die vier Satzpaare der h-Moll-Partita in ihrer jeweiligen Gestalt und ergeben gerade dadurch ein Ganzes.

Als "barock" wurde zuerst etwas geringschätzig all das bezeichnet, das nach der Ordnung der Renaissance als schief, verzogen, befremdend, seltsam, bizarr erschien, bevor es sich dann als weltweit prägender Stil durchsetzte. Und es ist in der Tat bizarr, ausgerechnet auf einem Melodieinstrument wie der Violine in diesem Zyklus gleich drei Fugengebirge zu türmen, das große C-Dur-Stück ist eines der längsten Fugengebilde Bachs überhaupt.

Hadelich lässt sich voller Schwung auf den Aberwitz dieser Fugen ein, es werden bei ihm Abenteuer an klanglicher Steigerung, federnder Kraft ebenso wie an melodisch-lyrischer Durchdringung. Mit überlegenem Timing und nie nachlassender Intensität behält er die Übersicht und macht den Durchstieg durch diese immer Staunen erregenden Tongeflechte zum spannenden Hörerlebnis. Nie lässt er das Sprechende, Rhetorische, auch Deklamatorische dieser Musik außer Acht, verrät Bach nie an ausgefuchste Geigerei.

Hadelich glückt eine vitale Expedition durch die wilde Dramatik der triumphalen Steigerungen und durch die bitteren Schmerzlichkeiten der Ciaccona

Die langsamen Sätze, die den Fugenabenteuern folgen, wirken wie die jeweils fällige Entspannung nach so viel atemraubender Bergsteigerei. Hadelich lotet sie mit Genuss, ja, Freude aus, ohne aufgesetzten Tiefsinn, der entsteht vielmehr absichtslos durch melodische Schönheit und Zartheit der geigerischen Diktion. Auch die Sarabanden der Partiten entfaltet er behutsam, aber immer auf klangliche Präsenz und tänzerischen Gestus bedacht.

Und die berühmte riesige Ciaccona, die die d-Moll-Partita beschließt? Wer vor den Dimensionen, den geigerischen wie geistigen Herausforderungen dieses ungeheuren Stücks keine Angst hat, ist ihm nicht gewachsen. Spätestens hier helfen keine Routine und keine vermeintlichen Erfahrungssicherheiten mehr. Jedes Mal neu und anders, lautet die Devise. Selbst die sonst in ihrer Konzentration so unerschütterliche Hilary Hahn setzte die Geige mehrfach an, bevor sie begann. Und Nigel Kennedy stürzte sich kopfüber hinein, als ob er so der Macht der Ciaccona entkommen könnte. Doch im letzten Drittel hatte ihn der Zauber dieser Musik so gefangen genommen, dass er sich doch noch ihrem Anspruch stellte. Viele historische Aufnahmen sind geprägt von Heroismus und Groß-sein-Wollen. Aber das führt oft ins Mühsame, Verschwitzte oder Nur-Bewältigte.

Augustin Hadelich bleibt glücklicherweise seiner Linie von neugieriger Energie, violinistischer Unternehmungslust und hellwacher Aufmerksamkeit treu. So glückt ihm eine vitale Expedition durch die wilde Dramatik der triumphalen Steigerungen und durch die bitteren Schmerzlichkeiten des Werks. Er greift kühn zu, lässt sich nicht einschüchtern, gestaltet mit Leidenschaft und weiter Perspektive. Das alles lässt nur einen Wunsch offen: Endlich die "Sei Solo" live im Konzert von ihm hören zu können. (Warner Classics)

© SZ/mau
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