bedeckt München
vgwortpixel

Ausstellung:Unterhosenmann

Martin Kippenberger wirbelte den Kunstbetrieb auf und klammerte sich ironisch an den historischen Augenblick. Die Bundeskunsthalle Bonn zeigt eine herrliche Retrospektive.

Es geht doch. Man kann Frösche kreuzigen, sie mit heraushängender Zunge, Spiegelei und Bierkrug versehen. Man kann die Friedensbewegung mit einem Weihnachtsmann assoziieren, der eine abstürzende Taube reitet - wer an Abrüstung glaubt, mag das suggerieren, der glaubt auch an den Mann mit Rute und Bart. Und wenn einen die Kritiker dann einen politisch unzuverlässigen, ständig alkoholisierten Zyniker nennen, ist dies die beste Anregung für eine ironisch-selbstironische Skulptur: So steht ein lebensgroßer, bieder bekleideter Künstler mit Holzkopf (in anderer Fassung mit durchsichtigem Schädel voller Kippen) mit dem Gesicht zur Wand in der Ecke und schämt sich (oder auch nicht).

All dieser Spott ist möglich, will man das widerständige, auch in offenen Gesellschaften noch anstößige Potenzial der Kunst stärken, will man sagen: Kunstfreiheit ist nicht nur für den konsensorientierten Mainstream da, sondern sie eröffnet Räume der Fantasie zum Spiel mit allem und jedem. Auch mit den Normen und Werten der Mehrheit.

Der Konzeptkünstler, Maler und Bildhauer Martin Kippenberger wirkte vor allem in den Achtziger- und Neunzigerjahren, 1997 starb er mit 44 Jahren. Er wusste nichts von den Gräben, die sich heute durch die deutsche Kulturlandschaft ziehen, vom erbitterten Streit über Künstler und Moral und darüber, dass man angeblich "sehr aufpassen" müsse, wenn man heute seine Meinung öffentlich äußere (so zitiert das aktuelle Zeit-Cover eine Umfrage). Er wusste auch nicht, wie rechte Denker einmal versuchen würden, das vage "Man-darf-nicht-mehr"-Gefühl zu vereinnahmen für ihren Kampf gegen den "tiefen Staat" und "das System".

Kippenberger passte nicht auf, musste das natürlich auch nicht, und provozierte, polemisierte, witzelte herum, wie es ihm und seinen Kumpels gefiel. Damit mussten Katholiken, Pazifisten oder alle anderen Herausgeforderten klarkommen, auch wenn sie Kippenberger mitunter geschmacklos fanden, weil sie selbst nie Tauben zu Tode reiten und besoffene Frösche ans Kreuz nageln würden.

Die Feier der Kunstfreiheit sieht unverbittert, albern aus. In den Neunzigern ging das

Und sie kamen damit klar. Die Kunst- und Redefreiheit auszukosten, das ging in den Neunzigerjahren leichterhand, ohne deshalb Gewaltopfer und deren Angehörige wie beispielsweise die Mütter von Srebrenica zu kränken.

Wie unverbittert, albern so eine Feier der Kunstfreiheit aussehen kann, führt eine Kippenberger-Retrospektive in Bonn vor Augen. Wobei sich erstaunlicherweise zeigt, wie manches, was heute prägend ist, damals schon angelegt war. Die ständige visuelle Selbstbespiegelung beispielsweise, die nicht mehr heroisch, sondern bewusst lächerlich ist: Kippenberger hat sie in seinen zahllosen Selbstporträts vorgelebt. Die hängende Unterhose wird zu seinem Attribut. Denn Picasso besaß weite Shorts, in denen er sich in seinem ganzen Meisterkünstler-Stolz fotografieren ließ. Bei Kippenberger wird daraus ein schlabbernder Lappen, der ihm unförmig um die Schenkel baumelt; nicht immer hat dieser Unterhosenmann auch einen Kopf, dafür aber reichlich Bauch. Oder der Künstler malt sich nach seinem, wie es im Werktitel heißt, "Dialog mit der Jugend": Sein ganzes Gesicht ist bandagiert, er kann die Augen kaum noch öffnen, durch das Nachbarbild hüpft eine Ratte. Kippenberger war, so die Legende, von einer Kreuzberger Punkerin verprügelt worden. Grinsen kann er trotzdem noch.

Das Lachen vergeht ihm auf den gezeigten Werken eigentlich nur einmal. Kippenberger bezieht sich diesmal auf Théodore Géricaults "Floß der Medusa". Zuerst lässt er sich in den Körperhaltungen der Schiffbrüchigen fotografieren - in der Sicherheit seines Betts, er nimmt die Sache nicht ganz ernst. Auch dem gewebten Teppich mit konstruktivistischen Floßmotiv geht das Pathos ab. Dann aber malt er sich von hinten als Ausgesetzter, der vergeblich mit seinem Taschentuch ein Schiff herbeiwedeln will. Der dicke bleiche Leib ist geschunden, vielleicht sollte der wacklige Urinstrahl, den er abgibt, lustig sein, doch das Bild hat tatsächlich etwas anrührend Verzweifeltes. Keine Pose mehr, dieses Selbstmitleid wirkt ausnahmsweise echt.

Ansonsten aber ist sein Körper ihm vor allem Medium und Material. Wie er in allen Farben seiner Palette glitzert, in dem bunt betupften Gewand, das doch gar nicht zu dem klobigen grauen Gesicht passen mag. Überhaupt das Feminine: Er hat offenbar weniger Berührungsängste als manch andere Männer seines Alters. Einmal pinselt er gemeinsam mit dem Kollegen Albert Oehlen alles Mögliche, darunter einen Ford Capri, mit orange lackiertem Haferbrei an. Dann schmiert Oehlen die Tür einer gynäkologischen Praxis mit der Pampe ein; später berichtet er, währenddessen habe Kippenberger sich auf dem Gynäkologenstuhl in den Hintern fotografieren lassen.

In dem Gemälde "Sympathische Kommunistin" unterwanderte er die Idee, dass Ost und West ästhetisch nichts miteinander zu tun haben

Das Delegieren eines Teils des Produktionsprozesses hat bei Kippenberger System. So wie er den Haferbrei Oehlen überlässt, so kopieren später Assistenten seine Werke (die er dann zerstört und im Abfallcontainer ausstellt, weil sie ihm zu perfekt vorkamen). Und er engagiert "Meister Werner", einen kommerziellen Plakatmaler, für seine Serie "Lieber Maler, male mir". Nach Schnappschüssen Kippenbergers von einem mobilen Souvenirladen der DDR und anderen Straßenszenen pinselt "Meister Werner" drauflos, und Kippenberger hat sich so nicht nur über den expressiven, ich-betonten Gestus der Neuen Wilden lustig gemacht, sondern auch über Gerhard Richters Fotorealismus. Nebenbei unterwandert er, wie auch in seinem Gemälde "Sympathische Kommunistin", die Idee, West und Ost hätten ästhetisch nichts miteinander zu tun.

Ob diese vielen Seitenhiebe auch einer viel späteren Nachwelt noch verständlich sein werden? Nicht unbedingt. Dass Kippenberger für den grauen Couchtisch in einer Installation (angeblich) als Platte ein monochromes Bild Gerhard Richters verwendet hat, muss man schon wissen, um es zu goutieren. Es ist eine Stärke Kippenbergers, den Kunstbetrieb aufzuwirbeln, gleichzeitig aber klammert er sich mit seiner unbedingten Zeitgenossenschaft, seinem ironischen Grundton am historischen Moment fest und verharrt in ihm.

Unsere Gegenwart aber ist noch nah genug dran am späten 20. Jahrhundert, um sich beflügeln zu lassen von dieser unverschämten Leichtigkeit, mit der Kippenberger immer wieder auch Sinnfragen verhandelt. Der gekreuzigte Frosch ist ja nicht nur eine Toleranzprobe. Er ruft tatsächlich die Schöpfungskraft auf, wenn er das Ei als Symbol bemüht, das, etwa auf einem Madonnenbild Piero della Francescas, für Fruchtbarkeit und die große Welt im Kleinen steht. Und Kippenbergers 1984 geschaffenes Gemälde "Heil Hitler Ihr Fetischisten", das silikonbeschmierte Bild eines kaputten gereckten Arms, spielt vielleicht mit dem Tabu von Nazisymbolen, vor allem aber führt es Faschisten, ähnlich wie es einst Salvator Dalí tat, als auch emotional verblendete Fanatiker vor.

Dieser Kämpfer für die Freiheit der Kunst achtete genau drauf, sich keine falschen Freunde zu machen.

Martin Kippenberger, BITTESCHÖN DANKESCHÖN, Bundeskunsthalle in Bonn, bis 16. Februar. Katalog: 49 Euro im Museum (snoeck Verlag).