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Ausstellung über Los Angeles:Hölle unter Palmen

Tower Records, Sunset Strip, Los Angeles, CA, 1973 Julian Wasser Getty Architecture

Sehnsuchtsort und Fluch zugleich. Julian Wassers L.A.-Aufnahme "Tower Records, Sunset Strip, Los Angeles, CA" von 1973.

(Foto: Julian Wasser, Getty Architecture)

Kaum eine Stadt wird so leidenschaftlich gehasst wie Los Angeles. Eine Ausstellung im Getty Center zeigt nun: Alles eine Frage des Blickwinkels. Denn L.A. ist das Produkt von Stadtplanern, die es gar nicht so böse gemeint haben.

Von Peter Richter

Wann hat das eigentlich angefangen, dass Los Angeles nur noch als Hölle auf Erden gedacht werden konnte? Seit wann ist das so, dass sich naiv vorkommen muss, wer die Stadt eigentlich ganz schön findet?

Liegt das an Mike Davis, der Los Angeles in "City of Quartz" so instruktiv als Piranesi-Kerker aus Autobahnzubringern beschrieben hat, als ein Gefängnis, das fortwährend Insassen für die echten Gefängnisse reproduziert, vor allem Schwarze? Liegt das an den Riots von 1992, als der Rauch über Downtown selbst bis in die kleiner gemachten Näschen von Hollywood drang? Oder liegt das schon an Bertolt Brecht, der seinen Exilantenfrust in die berühmte Los-Angeles-Damnatio goss, wonach die Stadt schon deshalb der Hölle gleiche, weil es auch in der Hölle "diese üppigen Gärten" gebe, "mit den Blumen, so groß wie Bäume, freilich verwelkend, ohne Aufschub, wenn nicht gewässert mit sehr teurem Wasser".

Das war 1940. Aber da sind eigentlich schon so gut wie alle Topoi dabei, die von der Kultur- und Architekturkritik bis heute gegen die Stadt immer wieder vorgebracht werden. Hier etwa: die halsbrecherische Ökologie. Oder: die Oberflächlichkeit, die Maskenhaftigkeit, das Kulissenartige ("Obstmärkte mit ganzen Haufen von Früchten, die allerdings weder riechen noch schmecken.") Und natürlich: "endlose Züge von Autos (...), schimmernde Fahrzeuge, in denen rosige Leute, von nirgendher kommend, nirgendhin fahren. Und Häuser, für Glückliche gebaut, daher leer stehend, auch wenn bewohnt..." Kein besonders dankbarer Ort für einen strengen deutschen Marxisten. Oder eben gerade.

Jedenfalls findet sich hier auch schon das dialektische Grundargument aller Los-Angeles-Kritik: Es ist so schlimm, weil es so schön tut; es ist so gravierend, weil es so leicht daherkommt. Das Umschlagen ins Dystopische setzt aber nun einmal voraus, dass da auch mal der Vor- oder wenigstens Anschein des Utopischen war - und stellt ihn gleichzeitig immer unter Ideologieverdacht. So kommt es, dass es beinahe schon etwas Gewagtes hat, wenn das Getty Institut, selbst so eine aufgedonnerte Achtzigerjahre-Alhambra auf ihrem Burgberg im reichen Westen der Stadt, jetzt in der Ausstellung "Overdrive: L.A. constructs the future, 1940 - 1990" darauf hinweist, dass Los Angeles zum Teil auch aus guten Gründen so aussieht, wie es aussieht - und nicht nur aus solchen teuflischer Boshaftigkeit.

Die Schönheiten von Los Angeles sind aber irgendwann einmal ganz den Verfertigern von Coffee Table Books über die schmucken Wohn-Bungalows des Midcentury Modernism überlassen worden; eine museale Auseinandersetzung mit den größeren Zusammenhängen hat es dagegen schon seit der Zeit nicht mehr gegeben, als der Theoretiker Reyner Banham extra Autofahren lernte, "um Los Angeles im Original lesen zu können", also rund um 1970. Aber das Getty besitzt nun einmal auch üppige Sammlungen zur eigenen Heimatstadt, und kann dadurch zum Beispiel mit einer einzigen alten Karte zeigen, was für eine literarische Ohnmachtsgeste in dem Gerede vom chaotisch wuchernden, uferlosen "Sprawl" steckt. Denn das mag zwar die Empfindung orientierungsloser Neuankömmlinge beschreiben, aber nicht den wirklichen Sachverhalt.

Exakte Anordnung von Diners und Tankstellen

Natürlich ist auch Los Angeles ein Produkt überlegter Stadtplanung, mit großen Magistralen, die das Zentrum mit den Peripherien am Strand und in den Bergen schon verbanden, bevor die Zwischenräume ziemlich plangemäß besiedelt wurden. Die Ausstellung zeigt nun, wie exakt die Diners und Tankstellen entlang dieser Straßen in den Vierziger-, Fünfziger- und noch Sechzigerjahren nach den gleichen Prinzipien gestaltet waren wie die Autos, die sie mit diesen Designtricks auf ihren Parkplatz locken wollten. Sie erzählt auch noch einmal, wie sehr die heute so berühmten Architekturfotografien eines Julius Shulman dem Ziel dienten, den kalifornischen Bungalow-Modernismus überhaupt erst einmal gegen den neoplateresken Zuckertortengeschmack des Immobilienmarktes durchzusetzen - und gegen den Verdacht des gebauten Kryptokommunismus.

Denn die meisten dieser Häuser mögen, auch befeuert von neuen Prachtbänden über das Programm der Case Study Houses, heute Millionen wert sein, aber geplant und gebaut wurden die ja eben genau nicht als luxurierende Hollywoodproduzentenvillen, sondern als erschwingliche Alternative, als bezahlbare Version, den amerikanischen Traum zu leben, mit neuen, ungewohnten, experimentellen Materialien. Es ist die alte Geschichte von der Neugier und dem Optimismus, die ja nicht schon dadurch falsch wird, dass weiter hinten auch noch ein paar ernüchterndere Kapitel dazukommen.

Sogar die Architektur der Los Angeles School um Frank Gehry und Thom Mayne mit ihren splitternden Perspektiven und Industriematerialien wird im Getty eher aus einer spezifischen Poetik des Ortes erklärt, aus einem Aufgreifen dessen, was die Backyards von Santa Monica so hergaben, als über die Philosophie des Dekonstruktivismus, mit dem sie überwiegend erst rückwirkend in Verbindung gebracht worden seien.

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