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Ausstellung über Gurlitt-Nachlass:Was übrig ist vom angeblichen "Nazi-Schatz" der Gurlitts

In Bern und Bonn eröffnen Ausstellungen mit Werken aus dem Nachlass von Cornelius Gurlitt.

(Foto: AFP)

Vier Jahre nach dem Fund wird der Nachlass Hildebrand Gurlitts in Bern und Bonn gezeigt. Ohne es zu wollen, verklärt die Schau den Kunsthändler jedoch zum tragisch-zynischen Antihelden.

Kurz nach dem Tod von Cornelius Gurlitt 2014 hatte Kulturstaatsministerin Monika Grütters eine kühne Idee: Sie wollte die Werke, die der Verstorbene von seinem Vater, dem Kunsthändler Hildebrand Gurlitt, geerbt hatte, in einer großen Ausstellung zeigen. Wie viele war auch sie frustriert von dem Schneckentempo und der Heimlichtuerei der Provenienzforscher. Warum die Sammlung also nicht herzeigen, wo der Staat schon so viel Aufwand um sie getrieben hatte? Und, wer weiß, so fügte sie damals hinzu, vielleicht würde der eine oder andere internationale Besucher ja sogar ein Bild vom Großvater wiedererkennen.

Diesen großen Auftritt bekommt die Sammlung jetzt in der Bundeskunsthalle in Bonn und im Kunstmuseum Bern, dem Gurlitt die Sammlung vermacht hat. Die Themen der beiden Schauen ergaben sich aus dem Deal, den Bern mit der Bundesrepublik ausgehandelt hat: Bern übernimmt nur die Werke, die frei sind vom Raubkunstverdacht, der mehr oder minder problematische Rest wird weiter in Deutschland "beforscht". Deshalb zeigt Bern aus Gurlitts Beständen die "Entartete Kunst", während Bonn die Aufgabe zufiel, den Rest der Gurlitt-Sammlung mit ihren vielen losen Enden darzustellen und an ihr gleichzeitig das NS-Kunstraubsystem zu erklären. Doch wer hoffte, mit der Bonner Ausstellung würde wenigstens ansatzweise zurechtgerückt, was seit der Beschlagnahmung der Sammlung schiefgegangen war, täuscht sich. Die Ausstellung, die am Freitag eröffnet wird, fügt den verworrenen Kapiteln des Falls Gurlitt ein weiteres hinzu.

Fragt man nach dem Konzept, wird man auf den Titel verwiesen: "Bestandsaufnahme Gurlitt". Statt letztgültigen Antworten wird nur ein Zwischenstand versprochen, Korrekturen seien wegen laufender Ermittlungen jederzeit möglich. Und tatsächlich: Just eine Woche vor der Eröffnung wurde ein Gemälde von Thomas Couture als geraubt klassifiziert. Doch die Suggestion, es handle sich um einen Kunstskandal, dessen Aufklärung wir hier verfolgen können, ist absurd. Ohnehin hat die Ausstellung nichts von einer kühlen "Bestandsaufnahme". Stattdessen erzählt sie einfühlsam die Geschichte von Hildebrand Gurlitt und seiner Verstrickung in den NS-Kunstraub.

Wie die deutschen Behörden übernimmt auch die Ausstellung reflexartig die Täterperspektive

Es ist ja auch faszinierend, wie dieser Museumsmann wegen seines Engagements für die Avantgarde erst in Zwickau, dann in Hamburg aus seinen Ämtern gejagt wurde, dann aber - trotz seiner jüdischen Großmutter - einer der wichtigsten Kunsthändler Hitlers wurde und schließlich nach dem Krieg als Chef des Düsseldorfer Kunstvereins wieder zeitgenössische Ausstellungen zeigte. Nur kehrte er eben abends außer zu Frau und Kindern auch zu Werken von Renoir oder Monet heim, von denen er behauptete, sie seien zum großen Teil verbrannt.

Noch unwiderstehlicher war diese Geschichte für die Kuratoren, weil sie sich so wunderbar illustrieren lässt durch die Fotos, Briefe, Einkaufslisten und anderen Dokumente aus Gurlitts Nachlass. Weil sie sich anreichern lässt durch die Landschaftsmalerei von Hildebrands Großvater Louis und die Blätter seiner Schwester, der Expressionistin Cornelia. Ebenso verführerisch war es wohl für die Kuratoren, den zusammengerafften Bilderhaufen zu sortieren. So stellen sie nun eine kleine Impressionismus-Sektion zusammen, erklären den japanischen Farbholzschnitt und die Marinemalerei. Sie haben Gurlitts Bestände sogar durch Leihgaben ergänzt. Auf dem Cover des Katalogs hängt Monets "Waterloo Bridge" noch an einem Stahlgitter wie im Depot, in der Ausstellung ist sie effektvoll inszeniert. Obwohl die Kuratoren immer vom Gurlitt-"Konvolut" sprechen, tun sie alles, um dieses Konvolut zur Sammlung zu adeln.

Ohne es zu wollen, werten sie Hildebrand Gurlitt mit all dem nicht nur als Sammler auf, sie machen ihn auch zum tragisch-zynischen Antihelden der Ausstellung, zu einem Geschichts-Chamäleon, dessen Lebensweg wir gebannt und mit einiger Sympathie verfolgen - bis zu seinem Grab. Die Gräber der jüdischen Sammler, deren Bilder Gurlitt zusammenkaufte, sind nicht abgebildet. Viele haben keines, weil sie im KZ ermordet wurden. Doch immerhin ihre Geschichten und die ihrer Sammlungen hätte man ja ausführlicher darstellen können. Stattdessen werden sie nur in kühlen Worten zusammengefasst, als "Fallbeispiele". Gurlitt darf Mensch sein, sie sind Opfer. Damit bleibt man hier demselben Prinzip treu, das schon die Aufarbeitung des Falls so beschämend machte, als man die Nachfahren der Beraubten wie Bittsteller behandelte und ihnen immer neue bürokratische Hindernisse baute.

Die Ausstellung nimmt reflexhaft die Täterperspektive ein

Wie die deutschen Behörden übernimmt auch die Ausstellung reflexartig die Täterperspektive. Besonders auffällig ist das dort, wo die Texte beschreiben, wie bestimmte Werke in Gurlitts Sammlung kamen. Über Spitzwegs Zeichnung "Das Klavierspiel" aus dem Besitz des jüdischen Musikverlegers Henri Hinrichsen heißt es, dieser habe "das Blatt offenbar für 300 RM an Gurlitts Hamburger Kunstkabinett verkauft". Und über Adolph von Menzels Zeichnung "Inneres einer gotischen Kirche" aus der Sammlung Wolffson: "Es ist anzunehmen, dass der Verkauf der Menzel-Zeichnungen Ende 1938 der Finanzierung der bevorstehenden Emigration diente." Wer nicht weiß, dass diese Werke unter Druck und zu Schleuderpreisen verkauft wurden und deshalb als "verfolgungsbedingt entzogen" gelten, wird nicht verstehen, warum das eine als Raubkunst klassifiziert, das andere bereits restituiert ist.

Doch auch der Versuch, aus Gurlitts Karriere und den gezeigten Werken ein Gesamtbild des Nazi-Kunstraubs zu entwickeln, kann nicht glücken. Nicht nur, weil der Nicht-Nazi Gurlitt sich als exemplarischer Protagonist für die Nazi-Kunst-Verbrechen schlecht eignet. Sondern auch, weil außer den erwähnten Beispielen kaum Raubkunst zu sehen ist. Zwar behaupten die Provenienzforscher, die Mehrzahl der gut 250 Werke sei raubkunstverdächtig. Fragt man nach, ist aber nur noch von 52 die Rede - doch wird sich der Verdacht jemals konkretisieren? Es sieht nobel aus, diesen pauschal auch bei der kleinsten Provenienzlücke zu erheben. Doch solange in vielen öffentlichen Sammlungen auch klare Fälle mangels Geld und Personal nicht bearbeitet werden, hilft man damit weder der Aufklärung des deutschen Raubkunstproblems noch den Nachfahren weiter. Man vernebelt und entwertet die Kriterien eher. Bei den hier gezeigten Werken war das schon deshalb nützlich, um zu rechtfertigen, warum man den ganzen Aufwand überhaupt getrieben hat.

Bestandsaufnahme Gurlitt. Ab Freitag, bis 11. März 2018. Bundeskunsthalle, Bonn. Katalog: 29,90 Euro. www.bundeskunsthalle.de.

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