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Ausstellung:Schöner Totalschaden

Nicht immer sind die Schäden so offensichtlich wie bei den Gemälden von Miguel Florido (mitte) und Alexandre Dubuisson (rechts).

(Foto: No Longer Art: Salvage Art Institute)

Kunst, die keine mehr ist: Die Ausstellung "No Longer Art: Salvage Art Institute" von Elka Krajewska im Kunstbunker BNKR zeigt wertlos gewordene Kunst.

Von Evelyn Vogel

Dass der rote "Balloon Dog" aus Porzellan von Jeff Koons, der da in Scherben liegt, ein Totalschaden ist, steht außer Frage. Auch dass das Genre-Gemälde von Alexandre Debuisson aus dem Jahr 1850 durch den Riss, der wie ein Blitz vom Himmel auf den Strohhaufen hernieder fährt, seinen Wert eingebüßt hat, leuchtet ein. Aber warum um Himmels Willen gilt Helmut Dorners Arbeit "DCL" als Versicherungsschaden? Das fragt sich mancher Besucher der Ausstellung "No Longer Art: Salvage Art Institute", die im Rahmen der aktuellen Reihe "Stop making sense, it's as good as it gets" derzeit im Kunstbunker BNKR zu sehen ist.

Die Ausstellung versammelt eine Reihe von Bildern und Skulpturen, die von einer Versicherung als Totalschaden klassifiziert wurden und offiziell ihren Status als Kunstwerk verloren haben. Eigentlich hätten sie wohl für immer in den Lagern der Kunstversicherung verschwinden müssen. Denn kein Versicherer will riskieren, dass ein Werk, das mit der entsprechenden "Schadenersatzleistung" abgegolten wurde und damit als wertlos gilt, irgendwann wieder auf dem Kunstmarkt auftaucht - und womöglich erneut Gewinn erbringt.

Doch eines Tages wurde die Künstlerin Elka Krajewska auf diese Versicherungsschäden aufmerksam. Sie arbeitet mit unterschiedlichen Medien sowie verschiedenen kunsthistorischen und interdisziplinären Strategien. In ihre Arbeiten fließen oft auch biografische Elemente ein. 2009 gründete sie das "Salvage Art Institute" in New York, um sich diesen als Totalschaden deklarierten Werken zu widmen. Sie archiviert sie und stellt sie seither unter dem Label "No Longer Art" aus.

Das Interessante hinter dieser Aktion ist: Sie hat die "Kunstwerke" nicht nur vor der endgültigen Zerstörung gerettet und dokumentiert deren Werde- und zugleich Werte-Gang. Sie hinterfragt damit auch die Festlegung von finanziellen, ästhetischen und sozialen Werten von Kunst sowie unsere eigene Wahrnehmung davon, wie eng wir Kunst an den Marktwert koppeln. Und man muss gar nicht Lucio Fontanas Schnittbilder herbeizitieren, um deutlich zu machen, dass man längst nicht mehr mit den traditionellen Vorstellungen von der Unversehrtheit des Kunstwerks argumentieren kann.

Was nun Dorners Werk und seine Klassifizierung als Totalverlust betrifft: "DCL" ist als Triptychon konzipiert. Ein Teil ging beim Transport verloren. Zwei unversehrte Stücke machen eben kein Ganzes. Jedenfalls nicht auf dem Kunstmarkt.

No Longer Art: Salvage Art Institute; BNKR, Ungererstr. 158, Sa/So 14-18 Uhr, im Rahmen der Reihe "Stop making sense, it's as good as it gets" (bis 31. Juli); am 17. Jan., um 19 Uhr: "Antarctica as a project", Ausstellung und Gespräch mit Gustav Düsing, Marie-France Rafael und Nadim Samman sowie Screening "A Journey That Wasn't" von Pierre Huyghe

© SZ vom 10.01.2018/amm
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