Ausstellung Schau! Er ist dein Spiegel

Ein ästhetisches Ereignis – Fritz Langs Film „Frau im Mond“ aus dem Jahr 1929.

(Foto: Horst von Harbou / Deutsche Kinemathek)

Die Ausstellung "Der Mond" im Museum Louisiana bei Kopenhagen zeigt, wie der Begleiter der Erde für die Menschen an Bedeutung gewann, je heller die Nächte in den Großstädten wurden.

Von Thomas Steinfeld

Als der Dichter Matthias Claudius das "Abendlied" anstimmte, im späten 18. Jahrhundert, verschwanden, wenn die Sonne untergegangen war, nicht nur Wälder und Wiesen im Dunklen. Auch in den Städten wurde es finster. Allenfalls mindere himmlische Leuchtkörper sorgten dann noch für ein wenig Helligkeit: "Der Mond ist aufgegangen, / Die goldnen Sternlein prangen".

In diesen Versen, geschrieben zu einer Zeit, als man in Paris noch mit ölgefüllten Laternen experimentierte, kündigte sich indessen schon das Ende der halben Ewigkeit an, in der das Leben der Menschen an den Lauf der Sonne gebunden war. Bis zur artifiziellen Erleuchtung der Welt war die Nacht ein Schicksal gewesen. Erst das künstliche Licht und, daraus resultierend, die Bewirtschaftung zunächst der Städte rund um die Uhr ließen eine ästhetische Vorstellung von der natürlichen Nacht entstehen, eine Idee von ihrer Schönheit und ihrer sanften Stille.

Der Mond, schrieb der Philosoph Arthur Schopenhauer, "leuchtet, ohne zu wärmen"

Nicht der Nacht, aber doch dem Mond ist eine Ausstellung gewidmet, die gegenwärtig in Louisiana zu sehen ist, dem Museum für moderne Kunst nördlich von Kopenhagen. Zu diesem Zweck wendet sich das Museum ab von der nordischen Landschaft, die durch die großen Fenster zu sehen ist, von den alten Eichen im Park, vom Öresund und von der in Ferne zu erkennenden Insel Ven, auf der im späten 16. Jahrhundert der Astronom Tycho Brahe seine "Sternenburg" betrieben hatte. In größtenteils verdunkelten Räumen sind stattdessen die Aquarelle zu sehen, die Galileo Galilei im Jahr 1609 anfertigte, nachdem er, als einer der ersten Menschen überhaupt, den Mond durch ein Fernrohr betrachtet hatte.

Es hängen dort Caspar David Friedrichs "Meeresküste im Mondlicht" (1818) und Edvard Munchs "Mondschein am Strand" (1893). Und es sind, als hätte der Anblick des Mondes weniger die Romantiker, sondern mehr noch die ästhetische Moderne und ihre Nachfolger beflügelt, an die hundert Werke der jüngeren und jüngsten Kunst zu sehen, von Salvador Dalí und Max Ernst, von Robert Rauschenberg und Yves Klein, von Katie Paterson und Camille Henrot. Wenn der Mond nun schon ein ästhetisches Ereignis sei, scheinen sich die Kuratoren gedacht zu haben, dann solle er auch ganz zu einem solchen werden - weshalb dann auch eine mittlerweile gelblich verfärbte Replik des Anzugs im Saal steht, mit dem Neil Armstrong im Juli 1969 als erster Mensch den Mond betrat.

Der Mond, schrieb Arthur Schopenhauer im Jahr 1819, wirke "so wohltätig, beruhigend und erhebend", weil er ein "Gegenstand der Anschauung, aber nie des Wollens" sei: "In Folge dieses ganzen wohltätigen Eindruckes auf unser Gemüt wird der Mond allmählich der Freund unseres Busens, was hingegen die Sonne nie wird, welcher, wie einem überschwänglichen Wohltäter, wir gar nicht ins Gesicht zu sehen vermögen." Zugleich dient der Mond, so keusch, kalt und gleichmäßig, wie er seine Runden zieht, zur Vergegenwärtigung von Vergänglichkeit und Zufall.

In den Nachtstücken, die es in der Malerei seit dem frühen 16. Jahrhundert gibt, erscheint der Mond oft auf diese Weise, gleichsam als fremder Gefährte in belebter Landschaft. Doch waren, als der Philosoph diese Sätze niederschrieb, in London zum ersten Mal Gaslaternen zur Beleuchtung eines Stadtteils installiert worden. Und wieder war es so, dass der Schriftsteller eine Erfahrung beschrieb, die für ihn gegolten haben mag, ihren künftigen Gegensatz aber schon in sich trug. Wenig später sind Literatur, Wissenschaft und Kunst voller Visionen, wie dem Gegenstand der absoluten Anschauung zu Leibe zu rücken sei, vom "Großen Mond-Schwindel" (1935), bei dem die New York Sun berichtet, der britische Astronom John Herschel habe Fledermaus-Menschen auf dem Mond entdeckt, über Theodor Storms Märchen "Der kleine Häwelmann" (1849) bis hin zu Jules Vernes fantastischem Roman "Von der Erde zum Mond" (1865).

Ein Himmelskörper war der Mond stets nur bedingt. Er mag nach wie vor, wenn er sich langsam und immer kleiner werdend hinter dem Horizont erhebt, unerreichbar wirken, dem Zugriff der Menschen entzogen. Doch immer war er auch das der Erde nächste Gestirn, in der niedersten aller Sphären angesiedelt und auch insofern beinahe noch der Erde zugehörig, als er als der einzige Himmelskörper erscheint, der über ein Eigenleben verfügt. Wenn die Kinder in diesen Tagen mit ihren Laternen durch die Straßen ziehen, "Sonne, Mond und Sterne" singend, dann tun sie es im fahlen Schein eines Monds, der nicht mehr Neumond und noch nicht Viertelmond ist. Dieser Satellit der Erde besitzt zudem eine eigene Physiognomie, ein "Gesicht", das bei Vollmond und klarem Wetter mit bloßem Auge sichtbar ist. Und er wechselt die Farben.

Die Geschichte des Mondes in der Kunst der vergangenen zweihundert Jahre, von den biedermeierlichen Gemälden Wilhelm Eckersbergs, in denen der Mond einsam über dem Meer leuchtet, bis hin zu Isa Genzkens "Vollmond" aus dem Jahr 2015, ist eine Geschichte seiner allmählichen Integration in die Sphäre des Irdischen.

Die Mondlandungen erweisen sich im Rückblick als Akte der Verschwendung

Ein Gedicht des argentinischen Schriftstellers Jorge Luis Borges, zuerst veröffentlicht im Jahr 1977, haben die Kuratoren an den Anfang der Ausstellung gesetzt: "Der Mond der Nächte ist nicht jener Mond, / den Adam sah. Lange Jahrhunderte /menschlichen Wachens habe ihn erfüllt / mit alter Klage. Schau. Er ist dein Spiegel." Das Komplement dieses Gedichts ist eine Fotografie Man Rays mit dem Titel "Le Monde" (1931), das den Mond, mitsamt seinen Gebirgen und Kratern, als Lampe zeigt, versehen mit elektrischem Kabel und Schalter. Auch in diesem Werk kündigt sich eine Entwicklung an, die der Künstler selbst kaum hätte voraussehen können: die Aufhebung der natürlichen Differenz, die zwischen den Mondphasen und den Kalendermonaten besteht, unter der Voraussetzung einer entwickelten Industriegesellschaft. Walter Benjamin mochte, in einer kleinen literarischen Fantasie aus dem Jahr 1933, vom Mond als einer "Gegen- oder Nebenerde" sprechen, die nächtens eine solche Macht entwickeln könne, dass die Erde als Satellit des Mondes erscheine. Wer würde heute auf einen solchen Gedanken kommen?

Großen Raum widmet die Ausstellungen den Mondlandungen, einem aus der Konkurrenz der Großmächte hervorgegangenem Projekt, in dem ein imperialistisches Vorhaben so weit getrieben wurde, dass es beinahe ins Nichts vorstieß. Sechs Mal landete ein amerikanisches Raumschiff auf dem Mond, zuletzt im Dezember 1972, und zumindest im öffentlichen Bewusstsein blieb von diesen Reisen kaum mehr übrig als die schlichte Gewissheit, es seien dort einst ein paar Menschen umhergewandert. Insofern fallen die Mondlandungen, als mit einem gigantischen medialen Aufwand begleitete Akte der Verschwendung, gleichsam von sich aus der Kunst zu - und keineswegs nur, weil etwa der Künstler Robert Rauschenberg ("Stoned Moon Book", 1970) von der Nasa eingeladen worden war, den Start der Apollo 11 zu begleiten.

Und noch etwas qualifiziert die Mondlandungen für die Verwandlung ins Ästhetische: der Umstand, dass diese technischen Abenteuer, eben weil (vielleicht nur vermeintlich) fruchtlos, längst dem Sentimentalischen anheimgefallen sind, das dem Mond seit mindestens zweihundert Jahren überhaupt zueignet. Damien Chazelles Film "Aufbruch zum Mond", in Deutschland in dieser Woche angelaufen, dürfte noch ein spätes Dokument dieser Sentimentalität sein, mit seinem einsamen, verlorenen Helden, der beinahe aus Verzweiflung zum ersten Mann auf dem Mond wird. "Er leuchtet, ohne zu wärmen", hatte Arthur Schopenhauer gesagt.

The Moon. From Inner Worlds to Outer Space. Louisiana Museum of Modern Art, Humlebæk. Bis 20. Januar. Der Katalog ist auf Dänisch und Englisch erhältlich und kostet 198 dänische Kronen (ca. 26,50 Euro).