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Ausstellung:Reisen unter erschwerten Umständen

Die Suche nach dem Nicht-Mehr-Vorhandenem: Ulrike Ottingers 1967 verschollenes Gemälde "Modele cybernétique" existierte lang nur mehr als Fotografie. In diesem Jahr hat Ottinger das verlorengegangene Bild neu interpretiert und von einer Stoffwerkstatt umsetzen lassen.

(Foto: Roman Keller)

Die Dada-Künstlerin Hannah Höch führte ein bewegtes Leben. Etliche ihrer Collagen sind verschollen - und inspirieren gerade deshalb ein Projekt des Künstlers Jaro Straub in der Memminger Mewo-Kunsthalle

Hannah Höch war eine der wenigen Frauen im Kreis der Dada-Künstler. 1904 schuf sie ihre erste Collage. Da war sie 15 Jahre alt und wusste noch nicht, dass sie sich viele Jahre später mit einem ihrer Lebensgefährten, dem Dadaisten Raoul Hausmann, darüber streiten würde, wer von ihnen beiden die zeitkritische Fotomontage erfunden habe. Damals verschenkte sie viele ihrer Collagen, tauschte oder verkaufte sie, manches ist seither verschwunden. Doch gerade die "Verschollenen" faszinieren den Berliner Künstler Jaro Straub.

Aufgewachsen ist er in einem Haus des chinesischen Architekten Chen Kuen Lee (1915-2003). Der besaß zwei Bilder Höchs: die Guache "Dunkler Mond" und eine Collage. Erstere kaufte Straubs Vater, letztere ist bis heute verschollen. "Aber sie hat mich interessiert, weil es darin um Architektur geht", sagt Straub. Im Höch-Archiv der Berlinischen Galerie fand er tatsächlich ein Schwarz-Weiß-Foto der gesuchten Collage. Und entdeckte noch knapp weitere 30 Collagen, deren Verbleib ungewiss ist.

Gemeinsam mit dem Installationskünstler Martin G. Schmid beschloss er, die Verschollenen als Basis eines künstlerischen Projekts zu verwenden und andere Künstler zu bitten, die nur mehr auf Fotos existenten Bilder neu zu interpretieren. Zwei Ausstellungen liegen bereits hinter ihnen, eine in Berlin, die andere in Zürich. Jetzt gastiert das sich fortentwickelnde Projekt in der Memminger Mewo-Kunsthalle, eine animierende Auseinandersetzung zum Thema Reisen unter erschwerten Umständen.

Höch, von den Nationalsozialisten als "Kulturbolschewistin" verunglimpft, führte in den späten Dreißigerjahren ein unruhiges Reiseleben. 1935 hatte sie den 25-jährigen Kurt Matthies kennengelernt, einen Vertreter, der von Messe zu Messe reist und 1937 als Exhibitionist verhaftet wird. Kaum aus der Haft entlassen, heiratet Höch den jungen Mann. Die beiden kaufen sich den Wohnanhänger "Karawane" und fahren durch Deutschland, Italien und die Niederlande. Zwar scheitert die Ehe, doch der nierenförmige Anhänger taucht später in Höchs Collagen auf. Die Künstlerin hielt die Reisen stichwortartig in ihren Tagebüchern fest. Im Archivraum im ersten Stock liest man sich schnell fest in den Aufzeichnungen aus dem Jahr 1939, die dort als umlaufendes Fries hängen. "Herzberg zurück aus dem KZ, war fünf Monate dort, ist kein Mensch mehr", schreibt sie. Oder "Donnerstag: wollte gerade fortfahren, da kam die Polizei...." Unten im "assoziativen Teil" der Ausstellung (Straub) landet man im Lichthof vor der Installation "Den ganzen Tag gemalt im Wagen," die Christl Mudrak, gebürtige Memmingerin und dritte im Bund der Kuratoren, dreidimensional aus Kaktus, Vogel und Auto geschaffen hat. Gegenüber eine Arbeit von Laure Prouvost, die heuer den französischen Pavillon auf der Biennale in Venedig bespielte. "For Forgetting" ist eine 2014 entstandene Multimedia-Installation, die, einer Collage ähnlich, mit Holz, Farbe, Video und anderen Requisiten eine schnelle Welt aus widersprüchlichen Bildern bietet.

Die Filmemacherin Ulrike Ottinger greift auf eigene Erfahrungen mit verschwundenen Arbeiten zurück. In den Sechzigerjahren lebte sie als Malerin in Paris, ihr Gemälde "Modèle cybernétique" kehrte 1967 von einer Ausstellung nicht zurück. Als Stoffapplikation hängt es nun in Memmingen. Dazu passen die "Häuser", die der Schweizer Roland Dostal aus vielschichtig bemalten Kartoffelsackwänden baut. Martin G. Schmid hat eine der verschollenen Collagen nachempfunden und sie in eine "Zeitkapsel" mit Erde aus Höchs Garten im Berliner Stadtteil Heiligensee gebettet, eine Erinnerung daran, dass die Künstlerin dort in Kisten Werke emigrierter Freunde vergraben und gerettet hat.

Karavane. Verschollene Collagen von Hannah Höch, bis 1. März 2020, Mewo-Kunsthalle, Memmingen