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Ausstellung:Kästners Katze

Das Literaturmuseum der Moderne des Deutschen Literaturarchivs Marbach lädt zum Besuch bei den Familien berühmter Schriftsteller - und zeigt die enge Verbindung von Verwandtschaft und Fiktion.

Von Johan Schloemann

Aber ich kann die Meinigen ja nicht, weil ich will, abschaffen." Das sagt sich der Protagonist immer wieder in Thomas Bernhards Anti-Familienroman "Auslöschung. Ein Zerfall". Und jeder Mensch denkt das irgendwann auch einmal über seine eigene Familie. Wobei "abschaffen" ja nicht immer gleich auslöschen meinen muss. Es kann auch heißen: sich emanzipieren und es doch miteinander mehr oder weniger gut aushalten. Oder?

Auf der Schillerhöhe über dem Neckar, im Museum des Deutschen Literaturarchivs in Marbach, sind jetzt die Korrekturfahnen zu sehen, in die Thomas Bernhard handschriftlich die letzten Änderungen für den Verlag eingetragen hat. Der Autor verbessert da aber nicht bloß Schreibfehler oder Stilistisches - sondern er ändert in letzter Minute auch das Wort "väterlicherseits" in "mütterlicherseits". Familie, Literatur und Abstammung - das ist offensichtlich ein Verhältnis, in dem Obsession und Verfremdung eng zusammengehören.

Die einen erfinden sich Vorfahren. Die anderen haben vergessen, wie sie hießen. Die dritten denken mit Bildern im Kopf und in der Hand an ihre Kindheit oder an die Lieben, die woanders sind: Natürlich ist die Familie "der mythische Raum schlechthin". So sagt es die neue, faszinierende Marbacher Ausstellung, in der man tief in Literaten- und Denkerfamilien hineinschauen darf. Am Ende des Besuchs meint man aber weniger die Wohn-und Kinderzimmer kreativer Genies durchschritten oder ins Privatleben privilegierter und geistesadeliger Milieus gespäht zu haben - obschon davon einiges geboten wird -, sondern vor allem auch umgekehrt erfahren zu haben, wie in jeder Familie Fiktion und Realität ineinandergreifen.

Händeringend sucht Rainer Maria Rilke mit dem Stift nach einer adeligen Abkunft

Der zentrale Raum der Ausstellung handelt von den Bildern, die sich die Familien von sich selbst gemacht haben: von Stammbäumen, Alben und Gruppenfotos. Der Ursprung war eigentlich ein Forschungsvorhaben, das die Geschichte des modernen Schriftsteller-Porträts in den Beständen des Literaturarchivs untersucht. Doch schnell wurde klar, dass dieses Thema ohne die herumwuchernden Angehörigen überhaupt nicht zu erfassen ist.

Das "Wuchern" ist hier nicht despektierlich zu verstehen, sondern wörtlich: In der Metaphorik des Baumes, die ein Wachstum nach Plan suggeriert, hat man rund um berühmte Autoren immer wieder Ahnentafeln und Stammbäume angelegt. Und Stammbäume behaupten eine im Anfang angelegte Ordnung, enden aber oft im Gestrüpp. Der Dichter Rainer Maria Rilke etwa sucht mit dem Stift händeringend nach einer adligen Abkunft, dringt aber leider nie dorthin vor. Die Familie von Eduard Mörike probiert diverse grafische Varianten schwäbischer Verzweigungen, in denen die bekannten Leute immer überproportional hervorgehoben sind. Und bei Erich Kästner prallen furchtbarer Ernst und Absurdität der Wurzel-Suche aufeinander. Neben seinem "Ahnenpass" zum Nachweis "arischer" Herkunft in der NS-Zeit hängt der Stammbaum der Angora-Katze des Schriftstellers. Dieses Miezchen namens "Madame Nitouchev Borutta" kann, mit Stempel attestiert vom "Zuchtbuchamt Nürnberg" im August 1954, Ahnen wie "Schnucki von Lerchenau" und "Patty of Allington" vorweisen.

Von da ist es nicht weit zu erdachten und erweiterten Familien und geistigen Genealogien, in die sich Künstler und Denker einreihen. Walter Benjamin zeichnete aus Freundeskreisen sein "Graphisches Schema meines Lebens", zuvor der Theologe David Friedrich Strauß einen "Stammbaum stoisch-philosophischer Märtyrer". Die Stammbaum-Metapher wurde auf Sprachfamilien und Textkritik ausgeweitet, und ebenfalls in grafischer Anordnung arbeitete der Germanist und Medientheoretiker Friedrich Kittler über die Familienverhältnisse in der romantischen Literatur und nannte dies sein "strukturalistisches Gesellenstück" an der Ruhr-Universität.

All diese Originaldokumente sind eindrucksvoll genug, aber dann kommt der Umschwung von den Ahnen-Schemata zum Familienalbum. Dies ist, weil die Fotografie sich Mitte des 19. Jahrhunderts verbreitet und erschwinglicher wird, auch eine Bewegung vom Genealogischen zum Erzählerischen. Zunächst bedeutet das, dass sich die Schriftstellerclans genauso wild knipsen (lassen) wie alle anderen bürgerlichen Familien auch. Aber ihre Gruppenfotos kann man auch als sehr bewusste Kompositionen betrachten: die Familien Döblin, Schnitzler, Hesse, Mann, Mommsen, Jaspers, Jünger, Enzensberger in sprechenden Posen. Intellektuelle lassen sich in selbstgewählten Traditionsräumen abbilden, teils mit Bildern und Erbstücken aus der biologischen, teils mit Büchern und Porträts aus der literarischen Verwandtschaft. Gerhart Hauptmann zeigt sich mit Goethe, Wolf Biermann mit Klampfe vor Che Guevara. Und mehr als 2000 Familienfotos hat Marbach von der Weizsäcker-Sippe übernommen.

Auffällig (und sehr menschlich) ist, dass Stammbäume wie Familienalben oft unvollendet bleiben. Von dort gelangt man schnell ins Reich der Literaturfamilien, die viele Bücher hervorbringen und sie wiederum mit Familien bevölkern. Der deutsche Paradefall darf da nicht fehlen, die Manns: Gezeigt wird Thomas Manns Taufkleid sowie das Typoskript von Bruder Heinrichs autobiografischer Skizze von 1904, die mit den schlagenden Worten beginnt: "Man kennt meine Herkunft ganz genau aus dem berühmten Roman meines Bruders."

Und so, wie man aus dieser "Buddenbrooks"-Nummer nicht mehr rauskommt, gibt es noch viel mehr bewegende Familien-Dokumente: Franz Kafkas nicht abgeschickten "Brief an den Vater" im Original. Bernward Vespers "Die Reise", umgekehrt ein Vater-Sohn-Gespräch. Überall hohe Erwartungen, was die junge Geno Hartlaub zeichnend karikiert (unser Bild). Ihr Vater, der Kunsthistoriker Gustav Friedrich Hartlaub, hatte zuvor ein Buch veröffentlicht. Es hieß: "Der Genius im Kinde".

Folgerichtig beginnt das Ganze mit Einfluss und Erbe. Goethe schenkt Hegel ein Kristallglas, Max Frisch dem Regisseur Volker Schlöndorff seinen Jaguar. Mit dieser Ausstellung ist das Deutsche Literaturarchiv, das nun weitere Bundesmittel zum Ankauf von Verlags- und Familiennachlässen bekommt, also ganz bei sich. Denn für alle Verwalter von Hinterlassenschaften trifft ihre These zu: "Am Anfang der Familie steht das Archiv, am Anfang des Archivs die Familie."

Die Familie. Ein Archiv. Literaturmuseum der Moderne, Marbach, bis 29. April 2018. Der Katalog kostet 30 Euro. Info: www.dla-marbach.de

© SZ vom 21.09.2017

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