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Ausstellung:Die vergessenen Werke der Frauen

Erst 1956 kam das 1885 entstandene stupende "Selbstbildnis" der 21-jährigen Sabine Lepsius in das Museum.

Die Alte Nationalgalerie in Berlin entdeckt ihre Künstlerinnen aus der Zeit vor 1919 wieder. Es zeigt sich: Die größte Feindin der malenden und meißelnden Frauen war am Ende die Kunstgeschichte.

Erst 1956 kam das 1885 entstandene stupende "Selbstbildnis" der 21-jährigen Sabine Lepsius in das Museum.

Diese Ausstellung ist ein Eingeständnis: Mit der Präsenz von Künstlerinnen in historischen Kunstmuseen ist es nicht weit her. Gerade einmal zwei Prozent des Bestands der Berliner Nationalgalerie von vor 1919 stammt von Frauen; das auszustellen, passt in einige wenige Säle. Von den rund 80 Werken sind jetzt gut drei Viertel zu sehen (die anderen sind vor allem Kleinplastiken von der Bildhauerin Renée Sintenis, die in der Masse redundant gewirkt hätten). "Kampf um Sichtbarkeit" heißt die Ausstellung der Alten Nationalgalerie, und es handelt sich um einen Kampf, der bisher eher gegen die großen Museen als mit ihnen geführt wurde.

Wäre es anders, hätten historische Museen sich schon länger für Malerinnen und Bildhauerinnen interessiert, dann wäre im Jahr 2019 eine Schau hoffnungslos überholt, die Künstlerinnen unterschiedlicher Stilrichtungen und Jahrgänge versammelt, weil sie Frauen sind. Dann wären historische Kunstmuseen längst bei monografischen Ausstellungen einzelner weiblicher Persönlichkeiten angelangt und würden selbstverständlich Frauen in großer Zahl in Sammelausstellungen zu allen Themen integrieren. Doch die Lage ist so, dass auch im Jahr 2019 die Alte Nationalgalerie erst einmal aufarbeiten muss, welche Werke von Frauen sie eigentlich besitzt und unter welchen Bedingungen diese Künstlerinnen gelebt und gearbeitet haben.

Zwar war in dem Museum schon im Jahr 1975 eine wegweisende Schau zu sehen mit dem Titel "Deutsche bildende Künstlerinnen von der Goethezeit bis zur Gegenwart", also noch bevor die Kunsthistorikerin Linda Nochlin in Los Angeles die viel zitierte Ausstellung "Women Artists 1550 - 1950" zeigte. Da die von Claude Keisch kuratierte deutsche Schau aber in Ostberlin spielte und es kein Geld für eine große Publikation gab, geriet die Initiative bald in Vergessenheit. Die Kuratorin Yvette Deseyve hat nun wieder praktisch bei null begonnen, Werk und Leben der Künstlerinnen in den Beständen zu erkunden.

Käthe Kollwitz, Liebespaar II, 1913

Die meißelnden Frauen konnten sich zu ihrer Zeit durchaus durchsetzen, wie Käthe Kollwitz mit "Liebespaar II" aus dem Jahr 1913.

(Foto: bpk / Nationalgalerie, SMB / Rom)

Dabei zeigte sich, dass die Unterrepräsentanz der Frauen sicherlich nichts mit weiblicher Demut zu tun hat. Auch die Künstlerinnen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts forderten ihren Platz ein. Bevor Frauen in Berlin 1919 an der Akademie zugelassen waren, fanden sie andere Wege, besuchten private Schulen, wanderten nach Paris aus. Und Paula Monjé beklagte sich 1911 bei der Direktion bitterlich, als diese ihr historisierendes Gemälde eines Volksfestes zugunsten von Schlachtenbildern abhängen ließ.

Manche Malerinnen waren erst Stars, dann wurden sie verdrängt

Groß waren die Widerstände um die vorige Jahrhundertwende, als bürgerliche Männer begannen, weibliche Konkurrenz zu fürchten. An den alten Fürsten- und Königshöfen war dagegen durchaus noch die eine oder andere Künstlerin untergekommen. Anna Dorothea Therbusch wirkte in den 1760er-Jahren als Hofmalerin in Mannheim, Vilma Parlaghy brachte es im späten 19. Jahrhundert zur Lieblingsporträtistin von Kaiser Wilhelm II. Doch die Institutionen des Kunstbetriebs blieben Frauen zumeist verschlossen. Um 1900 bemühten männliche Theoretiker das Konstrukt, Frauen könnten nur nachschöpfen, nicht erfinden. Es war die Zeit, in der manch ein Mann zugleich dem Fantasma der femme fatale anhing. Das Weibliche galt als potenziell gefährlich, besonders da, wo es als nicht mehr kontrollierbar erschien.

Die größte Feindin der malenden und meißelnden Frauen war am Ende die Kunstgeschichte. Etliche der ausgestellten Künstlerinnen, darunter die russische Avantgardistin Natalja Gontscharowa, galten in ihrer Zeit als Stars, wurden aber im späteren 20. Jahrhundert als nachrangig herabgewürdigt. Das trifft selbst die Ausnahmekünstlerin der Schau, Paula Modersohn-Becker. Wer den intensiven, traurigen Blick des jungen Mädchens sieht, den sie um 1901 in Worpswede einfing, fragt sich, wie jemals irgendwer daran zweifeln konnte, hier ein Talent vom Rang Pablo Picassos vor sich zu haben.

Modersohn

Gleichauf mit Picasso: "Mädchen mit Blütenkranz im Haar" von Paula Modersohn-Becker (um 1901).

(Foto: Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Jörg P. Anders)

Nicht alle ausgestellten Werke haben diese Strahlkraft. Es gibt auch die Stücke der Anpasserinnen, die sich dem jeweils herrschenden Geschmack unterwarfen, um überhaupt mitspielen zu dürfen. Manches wirkt arg konventionell. Dann aber tritt einem Sabine Lepsius entgegen, mit einem frühen Selbstbildnis und so versonnen-kühlem Blick, als gehöre ihr nicht nur die Palette, sondern auch die Welt. Schon dafür lohnt der Besuch.

Kampf um Sichtbarkeit. Berlin, Alte Nationalgalerie. Bis 8. März 2020.