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Auf der Suche nach dem wahren Bob Marley:Rastafahndung

Bob Marleys Musik erlebt eine Wiedergeburt. Es stellt sich die Frage: Darf man einen Popstar hassen, weil man seine Fans nicht leiden kann?

Andrian Kreye

Fab 5 Freddie kam neulich aus Jamaika zurück nach New York, und selten klang er so euphorisch. Er hatte die letzten Wochen mit Jonathan Demme auf der Karibikinsel verbracht, dem Regisseur, der für "Das Schweigen der Lämmer" einen Oscar bekommen hat. Fab 5 Freddie hatte ihm als Executive Producer zur Seite gestanden, weil Demme gerade an einem großen Dokumentarfilm über Bob Marley arbeitet. Nun ist Fab 5 Freddie seit fast dreißig Jahren schon der Pionier des Hip in New York. Er hat Hip- Hop aus der Bronx erst nach Manhattan und dann ins Fernsehen gebracht und Grafittikunst salonfähig gemacht, er fungiert derzeit als Brückenkopf des Hip- Hop in China, und wer kann schon von sich behaupten, dass Debbie Harry einen Song über ihn geschrieben hat? Man darf also ruhig viel Bedeutung hineininterpretieren, wenn Fab 5 Freddie an einem Bob-Marley-Film arbeitet.

Bob Marley, die Antipode des Hip, kehrt zurück. Doch die wenigsten seiner Jah-People-Fangemeinde verstehen seine Texte.

(Foto: Foto: ap)

Für den Hip-Hop hatte Marley bisher eigentlich keine Bedeutung. Überhaupt war Bob Marley eigentlich immer der Antipode des Hip. Seit seinem Tod im Frühjahr 1981 mutierte er zu einer Legende, die sich weit von der Popkultur entfernte, die ihn groß gemacht hat. Alle Anzeichen sprechen für eine Renaissance der Rastalegende. Erst neulich haben die Wailers in London das komplette "Exodus"-Album wieder aufgeführt. Marleys Söhne sind wieder im Studio, um Reggaealben aufzunehmen. Und dann ist da noch dieser üppige Band mit den Fotografien von David Burnett "Bob Marley - Soul Rebel", der Marley auf 176 großformatigen Seiten zum Heiligen verklärt.

"Hasche mal e Doller fürn Schpliff?"

Wenn er jetzt also mit Macht zurückkommt, sträubt es sich erst einmal im popsozialisierten Bildungsbürger. Das liegt weniger an Bob Marley als an seinen Fans. Darf man einen Popstar hassen, weil man seine Fans nicht leiden kann? Nun könnte man argumentieren, dass Musik über Antipathien und Ästhetik erhaben sein sollte. Doch da ist die Macht der Erinnerungen, und die fällt bei Musik oft schwerer ins Gewicht als das objektive Ohr. Die Erinnerung an einen Karibiktag am Frenchman's Cove Beach im Norden Jamaikas zum Beispiel. Es war ein herrlich ungestörter Tag, bis der junge blonde Mann in der Mehrzweckhose ohne Rücksicht auf Benimmregeln und Berührungsängste auf dem Handtuch Platz nahm. Unumwunden kam er zur Sache und fragt im reinsten Schwäbisch: "Ha woisch, hasche mal e Doller fürn Schpliff?"

Sicherlich ist der Genuss von Marihuana in Jamaika so zwingend wie der Konsum einer Maß Bier in München, und wer weiß schon, was für enorme Anforderungen durch Witterung und Terrain den jungen Mann dazu zwangen, eine so unvorteilhafte und bunte Hose zu tragen. Er schlich sich nach Ablehnung seines Gesuchs auch dankenswerterweise wortlos zurück zu seiner ebenso blonden und bunten Gefährtin, die das wetterfeste Gepäck der beiden bewachte. Es war dann fast zwangsläufig, dass nach einigen Minuten dieser Bob-Marley-Song aus ihrem Kassettenrekorder (ja, so lange liegt diese Anekdote schon zurück) erklang, der mit schepperndem Snaredrum, schwer mahlenden Gitarren und den Worten beginnt: "Exodus! Alri-i-ight! Movement of Jah people!"

Es ist nicht anzunehmen, dass der junge Mann und seine Gefährtin den biblischen Subtext des Songs verstanden. Da geht es um den Kern des Rastafari-Glaubens, den Bob Marley so inbrünstig vertrat. Der Glaube der Rastafari ist so schlicht und trotzdem so schwer nachvollziehbar wie so viele neue Glaubensrichtungen aus der Neuen Welt, egal ob ihn sich die Evangelikalen, die Mormonen oder die Scientologen ausgedacht haben. Demnach war Marcus Garvey, der panafrikanische Nationalist und Unternehmer aus Jamaika, eine Art Moses, der die Vertriebenen der afrikanischen Diaspora ins geheiligte Land zurückholen wollte. Dieses Land ist Äthiopien, wo Haile Selassie 1930 zum Kaiser gekrönt und damit zum ersten schwarzen Staatschef des Kontinents wurde. Die Rastafaris verehrten Selassie als gottgleichen "siegreichen Löwen von Juda", oder Jah. Der zitierte Exodus ist nach dem Glauben der Rastafari die Heimkehr nach Afrika, der ihnen vom Alten Testament prophezeit wurde.

Exodus? Zu kompliziert für den Strand

Die Rastafari waren die spirituellen Vorläufer der Black Power-Bewegung auf dem gesamten amerikanischen Kontinent und auf den Inseln der Karibik. Das ist komplizierte postkoloniale Geschichte. Viel zu kompliziert, um sich damit an einem Sandstrand auseinanderzusetzen. Aber so hat man Marleys "Exodus" sowieso nur selten gehört. Für Bob Marley hatte sein Album "Exodus" zwar eine besondere Bedeutung. 1976 hatte er sich nach einem Attentatsversuch ins freiwillige Exil nach London begeben. Fern der jamaikanischen Heimat war er aber nicht mehr der Kopf einer spirituell-politischen Bewegung, sondern in erster Linie Popstar, und "Exodus" 1977 sein internationaler Durchbruch.

Marley selbst verstand sich nie als Popstar. Doch die Macht der Rezeption war stärker. Es war nämlich keineswegs das schwarze Amerika oder die Kariben in London und Amsterdam, die ihn als einen der Ihren verstanden. In seiner Reportage "Innocents in Babylon" schrieb der legendäre Rockzyniker Lester Bangs 1976: "Marley und seine Gruppe the Wailers haben vier Alben veröffentlicht, die ihn bei der weißen Jugend in England zum Star gemacht haben, auch wenn er in Amerika gerade erst seinen Durchbruch erlebt, wo ihn die meisten weißen Hörer noch als Kuriosum betrachten und die meisten Schwarzen ihn ganz deutlich verachten."

Lesen Sie auf Seite 2, was Bob Marley, Che Guevara und Gandhi vereint.

Der edle Wilde

In den eineinhalb Jahren seines Londoner Exils wurde Marley zum Motor einer musikalischen Bewegung, die seinen Roots Reggae in den Soundtrack einer weltweiten Ökospaßbewegung verwandelte. Marley und seine Erben lieferten fortan die Begleitmusik für Generationen junger Wohlstandsbürger, die zwischen Abi und Magister ein wenig exotische Lebenserfahrung machen wollten, welche sie entlang der Billigrouten suchten, die ihnen die Reiseführer der "Lonely Planet"-Reihe vorzeichneten. Für diese Bürgerkinder wurde Bob Marley zu einer Stilikone, dessen Antlitz die Wandbespannungen in den Cafés an Bangkoks Khaosan Road genauso zierte wie die Trekkingbüros im peruanischen Cusco oder die Surfshops in Capetown.

Für diese Fans war nicht der Glaube der Rastafari entscheidend, sondern ihre Insignien. Die Rastalocken, die bunten Wollmützen und T-Shirts, die vegetarische Ernährung, die Spliffs voll reinem Marihuana, die plakative Systemkritik am "Babylon" der westlichen Welt. Das alles passte zu der politisch korrekten Konsumwelt linksliberaler Bürgerkinder, für die Solidarität mit der Dritten Welt bedeutete, sich im Urlaub kein teures Hotelzimmer, sondern eine billige Strandhütte zu mieten und sich mit ihrem informierten Ethnomusikgeschmack mit der lokalen Bevölkerung zu verbrüdern. Bob Marley lieferte das überschaubare Gerüst für ein Hippielebensgefühl, das zu nichts verpflichtete, weil man die exotischen Insignien ebenso schnell wieder ablegen konnte, wie man sie sich angeeignet hatte.

Prinzipiell ist so eine kurzfristige Aneignung exotischer Kulturinsgnien in jungen Jahren kein Problem und sicherlich sympathischer als etwa der heimische Hooliganismus junger Sportfans. Bob Marley aber rührte an etwas, das nicht zur Popkultur der Posthippiejahrzehnte passte. Die entfernte sich mit dem Punk ganz dezidiert von allen gefühligen Elementen, die den Rock und den Folk in den sechziger und siebziger Jahren bestimmt hatten. Leidenschaft, Inbrunst, Spiritualität, Poesie und Erotik standen im eindeutigen Widerspruch zu dem Credo der Coolness, des Nihilismus und der Ironie, das sich in den achtziger Jahren im Pop verankerte und seither sämtliche neuen Strömungen beeinflusst hat. Das ist kein Zufall.

Popkultur ist nach wie vor eine Domäne weißer, männlicher Teenager in Europa und Amerika. Die suchten im Pop vor allem ein Ventil für ihre jugendlichen Unsicherheiten. Keine Musik eignete sich dafür besser als der Rock in all seinen Spielarten. Mit elektrischen Gitarren über einem Viervierteltakt kann man eben eine Energie erzeugen und Posen einnehmen, die dem schlichten Männerbild des Halbstarken entgegenkommen. Hip-Hop kam dem später sehr nahe, doch auch der konnte sich erst durchsetzen, als er sich dem Rock annäherte.

Dieses Credo gilt bis heute. Deswegen wurden jede Popkulturströmung, jeder Star, jede Band, die da nicht ins Muster passten, mit wütender Leidenschaft abgelehnt. Bob Marleys spirituelle Inbrunst verstörte da genauso wie die operettenhafte Exaltiertheit der schwulen Discomusik, die romantischen Aufwallungen der lateinamerikanischen Popmusiken, oder auch die Yogafühligkeit von Sting und die katholizistischen Predigergesten von U2. Eine Figur wie Bob Marley lässt sich weder mit ironischem Kitschverständnis, noch mit dem Philologentum des Popintellektualismus brechen. "Als Bob endlich erscheint, macht sich Erleichterung breit: ein schlanker, barfüßiger, nicht allzu großer, ernsthafter Mann, der trotzdem eine Liebenswürdigkeit ausstrahlt, die im Widerspruch zu seinem Ruf steht. Dieser Typ wird als eine Art edler Wilder verkauft, als jamaikanischer kosmischer Revolutionär."

Coolness und Ironie heißt das Credo

Marley verstand sich perfekt darauf, diesen entwaffnenden Widerspruch seiner Person auszuspielen, egal ob auf der Bühne oder im Interview. Sieht man sich die alten Aufnahmen an, in denen er mit Reportern spricht, dann verblüfft einen die Schlichtheit, mit der er seine hippieske Weltsicht formuliert. "Jeder kann wie ein Rastamann leben. ... Wir sind alle nur Kinder dieser Erde. ... Reggae wird die Welt erobern." All diese Einlassungen waren stets mit reichlich "Yeahmon"-, "Irie"- und "I and I"-Einwürfen gespickt, die wie verbale Anker im nebligen Monolog bekiffter Überzeugung wirken.

Nun befand sich der Pop in dieser zweiten Hälfte der siebziger Jahre, in denen Bob Marley zum Weltstar aufstieg, in einer schweren Identitätskrise. Rock hatte seine Relevanz in den Exzessen der Stadionkonzerte verloren. Die Hitparaden wurden von Bubbglegum-Acts wie Peter Frampton, Abba und Kiss dominiert. Reggae, so schien es zunächst, könnte Rock und Pop mit einer ähnlich urwüchsigen Kraft wiederbeleben wie der Blues, mit dem Gruppen wie die Rolling Stones und Led Zeppelin das Fundament einer neuen Jugendkultur zimmerten. Hatte Reggae nicht sogar all jene Elemente, die dem Blues gefehlt hatten? Reggae war die Musik eines Volkes, das, von den Fesseln des Kolonialismus befreit, ein neues Selbstbewusstsein entwickelte. Hinter den karibischen Dur-Akkorden verbargen sich die Gewalttätigkeit und die Wut der Slums von Kingston, die dem Pop genau die politische Dimension zurückgaben, die er seit Woodstock verloren hatte.

Weit, weit weg ist Marley noch ein Prophet

Doch die Geschichte des Reggae im Pop ist eben keine Subkultur-, sondern eine Rezeptionsgeschichte. Es ist ja auch nicht so, dass sich der Reggae nicht weiterentwickelt hätte. Im Gegenteil - er hat den Zeitgeist der Coolness und des Nihilismus längst verinnerlicht. In jener Woche, in der sich der junge Mann aus dem Schwäbischen so ungeniert aufs Handtuch gesellte, drehte ein befreundetes Filmteam gerade in den Slums von Kingston eine Dokumentation über den Stand der Dinge im Reggae. Das ist wie gesagt schon eine Weile her, aber selbst damals, vor ungefähr fünfzehn Jahren, hatte der Reggae seine freundliche, friedliche Roots-Phase im Kielwasser von Bob Marley längst hinter sich gelassen.

Sounds Systems beschallten die Clubs von Kingston, mobile DJ-Kollektive, deren Dancehallplatten dem amerikanischen Gangsta Rap in Aggressivität in nichts nachstanden. Über spartanischen Elektrobeats in ohrenbetäubender Lautstärke überschlugen sich die Reimkaskaden der MCs, begleitet von Sirenengeheul und Pistolenschüssen. Die oft echte Schüsse waren, weil es im Kingston der frühen Neunziger als besonders emphatische Form des Applauses galt, eine Schusswaffe aus der Hose zu ziehen und in den Nachthimmel zu feuern. In Europa und Amerika blieb Dancehall immer ein Nischengenre. Aus ganz anderen Gründen, aus denen Marleys Roots Reggae zum Mainstreamklischee wurde - zu schwulen- und frauenfeindlich waren die Texte, zu aggressiv und spröde war die Musik.

Doch wer Bob Marley wirklich verstehen will, der wird seine wahre Größe nicht in den Reggae Clubs von Jamaika oder New York finden und schon gar nicht an den Treffpunkten der Rucksacktouristen. Weit weg von den Kulturschleifen der westlichen Welt ist die Figur Bob Marley zu einem übermenschlichen Mythos geworden. In den Nachtclubs von Abidjan und Dakar, in den Bars von Johannesburg und Lagos, auf den Straßen von Nairobi und Kinshasa gilt Bob Marley immer noch als ein Prophet, der die Wende in der Geschichte Afrikas prophezeihte. Seine Lieder von der Rückkehr der Sklaven in ihre Heimat, vom Kampf gegen das "Babylon" der Korruption und Unterdrückung sind hier mehr als Pop. Hier ist Bob Marley eine Figur, in der sich die Bedeutung von Bob Dylan, Che Guevara und Gandhi zu einem Bild vom freien Menschen vereint.

Es ist dieser Bob Marley, der nun von Jonathan Demme und David Burnett, von seinen musikalischen Mitstreitern und Erben wieder zum Leben erweckt wird. Er wird auch mit seiner posthumen Renaissance wieder gegen das Credo von Coolness und Ironie verstoßen. Wer sich darum aber nicht schert, der kann sich ja eine der Live-Aufnahmen aus den späten siebziger Jahren anhören. Denn dann wird klar, dass Bob Marley nicht nur einfach ein Popstar war, sondern ein Musiker, der all die Bedeutung und Inbrunst und revolutionäre Kraft, die man ihm andichtete, auch in Musik übersetzen konnte.

© SZ vom 08.08.2009/jeder

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