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Literaturverfilmung:Wäre der mal in der Unterwelt geblieben

Artemis Fowl

Statt im Kino auf Disney Plus: "Artemis Fowl" von Kenneth Branagh.

(Foto: Disney Enterprises)

Kenneth Branaghs Verfilmung der Jugendbuchreihe "Artemis Fowl" sollte so etwas wie Disneys "Harry Potter" werden. Ganz so dürfte es nun wohl doch nicht kommen.

Von Ana Maria Michel

Von seinem Vater hat Artemis Fowl Junior (Ferdia Shaw) alles erfahren, was es über Elfen, Zwerge oder Trolle zu wissen gibt. Nun muss er lernen, dass die Welt der Fabelwesen nicht bloß Fantasie ist, sondern gefährliche Realität. In Kenneth Branaghs Adaption der Jugendbuchreihe von Eoin Colfer auf Disney Plus wird Artemis Fowl Senior (Colin Farrell) von einer bösen Kreatur entführt. Sie fordert den sogenannten Aculos, den Artemis beschaffen soll, wenn er seinen Vater wiedersehen will.

Für den Zwölfjährigen endet damit eine recht unbeschwerte Zeit an der Küste Irlands, die er vor allem damit verbrachte, in der Schule viel besser zu sein als alle anderen. Artemis ist ein Genie, das Schachweltmeister besiegt und Ziegen klont. Mit Gleichaltrigen kann er nicht viel anfangen, was offenbar ein Problem ist. Diese Informationen werden in den ersten Minuten dieses hektischen Films abgespult, es reicht nicht, um einen adäquaten Eindruck von Artemis' Charakter zu vermitteln. Bald ist auch schon der geliebte Vater verschwunden.

Mindestens eine Fortsetzung wird es geben

Auch die Polizei sucht ihn, er soll kostbare Dinge aus Museen gestohlen haben. Dass sein Vater ein Dieb sein soll, schockiert Artemis so sehr, dass ihm prompt eine Milchflasche aus der Hand rutscht. Anders als in Eoin Colfers Buchvorlage ist er im Film nicht von Anfang an als Spross einer Gangsterfamilie ein Antiheld mit krimineller Energie. Bei Branagh erklärt sich der Junge erst am Ende selbst zu einem Verbrechergenie, wobei er sich in den vergangenen 90 Minuten nicht unbedingt als solches bewiesen hat. Aber auch wenn das Drehbuch von Conor McPherson und Hamish McColl vieles im Dunkeln lässt, ist klar: Man hat es auf mindestens eine Fortsetzung angelegt.

Der Vater der Elfe Holly Short (Lara McDonnell), die Teil einer Untergrund-Polizei ist, wird ebenfalls für einen Dieb gehalten. Er soll den Aculos aus der Welt der Fabelwesen gestohlen haben. Der magische Gegenstand ist das, was für Alfred Hitchcock ein MacGuffin war, also ein beliebiges Objekt, das dazu dient, die Handlung voranzutreiben. Wofür der Aculos genau gut ist? Man weiß es nicht. Mal soll er eine Waffe sein, mal ein Schlüssel, mal eine magische Quelle. Sicher ist nur, dass er verschwunden ist und dass Artemis Seniors Entführerin, die ihr Gesicht stets unter einer Kapuze versteckt hält und über die man so gut wie nichts erfährt, ihn unbedingt haben will.

In den Händen böser Mächte kann der Aculos sowohl der unterirdischen Welt der Fabelwesen, als auch der der Menschen gefährlich werden. Irgendwie ist es nun an Artemis Junior, beide zu retten, was er ganz zeitgemäß von zu Hause aus erledigt, bis kurz vor Schluss verlässt er das Anwesen nicht. Dafür kommen die Elfen zu ihm, er braucht sie, um den Aculos zu finden, und hat deshalb Holly Short gefangen. Mit seinem treuen Butler (Nonso Anozie) trifft er in Men-in-Black-Manier in schwarzen Anzügen und mit Sonnenbrillen vor Fowl Manor auf die Elfen-Armee, die von der beinahe 803-jährigen Commander Root (Judi Dench) angeführt wird.

Erzählt wird diese verworrene Geschichte in Rückblenden von Mulch Diggums, der wegen der Museumsdiebstähle verhaftet wurde und von einem gesichtslosen Ermittler verhört wird. Josh Gad spielt den übergroßen, kleptomanischen Zwerg, der zwar nicht kohärent handelt, aber zumindest ein kleines bisschen Witz mit in die Erzählung bringt.

2017 verfilmte Kenneth Branagh Agatha Christies "Mord im Orient-Express". Nun also "Artemis Fowl", hinter dem die Hoffnung stand, so etwas wie Disneys "Harry Potter" zu werden; nicht von ungefähr erinnert der bärtige Mulch Diggums an Hagrid. Als 2001 der erste Band der achtteiligen Romanserie erschien, wurden bereits Pläne für eine Verfilmung gemacht. Autor Colfer bezeichnete sein Buch immerhin selbst als eine Art "Stirb langsam mit Elfen". Doch das Projekt steckte in der Entwicklungshölle fest, so sagt man in Hollywood, wenn nichts vorangeht; dann musste man sich noch von Harvey Weinstein trennen, der "Artemis Fowl" mit Disney produzieren sollte. Wegen der Corona-Pandemie verzichtete der Konzern nun auf einen Kinostart, der Film ist, wie bald auch "Mulan", nur auf der eigenen Streamingplattform zu sehen. Nein, Glück hatte Branaghs "Artemis Fowl" wirklich nicht, was schade ist für die jungen Darsteller. Doch angesichts des komplizierten Plots und der oberflächlichen Charakterzeichnungen wünscht man sich fast, er wäre auf ewig in der Entwicklungshölle geblieben.

Artemis Fowl, USA 2020 - Regie: Kenneth Branagh. Buch: Conor McPherson, Hamish McColl. Kamera: Haris Zambarloukos. Mit: Ferdia Shaw, Lara McDonnell, Judi Dench, Colin Farrell, Josh Gad, Nonso Anozie. Disney Plus, 95 Minuten.

© SZ vom 17.08.2020/vbl
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