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Georg Patzers "Arno Schmidt und Ulm":Knollige Theorien

Arno Schmidt im Jahr 1950. Fünf Jahre später meldet sich die Hochschule für Gestaltung in Ulm.

(Foto: Alice Schmidt/Arno Schmidt Stiftung)

Im Herbst 1955 wurde Arno Schmidt eine Dozentenstelle an der Ulmer Hochschule für Gestaltung angeboten. Das Vorstellungsgespräch geriet zur Groteske.

Von Willi Winkler

In der Arno-Schmidt-Gemeinde ist die Geschichte natürlich bekannt, aber als Paradebeispiel für einen kleinen Kampf der Kulturen in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts doch so lehrreich und gleichzeitig so komisch, dass sie im Spuren-Heft Nummer 121 des Deutschen Literaturarchivs noch einmal ausführlich erzählt und dokumentiert wird.

Arno Schmidt war, wie man überall jenseits des "Literarischen Quartetts" weiß, der Hungerkünstler der deutschen Nachkriegsliteratur, doch früh schon konnte er Verehrer seiner Kunst um sich scharen, die sich des solipsistischen Wortmetzen unermüdlich annahmen. Alfred Andersch, damals Redakteur beim Süddeutschen Rundfunk, brachte Schmidts "Seelandschaft mit Pocahontas" 1955 in der ersten Ausgabe seiner Zeitschrift Texte und Zeichen heraus. "Zur Rechten flimmerte's wie Gestade: Bäume aus Rauch geblasen; das Dunsttrapez eines Daches; Schatten wollten unter Gasfontänen: aus heißer Grauluft die Idee einer Küste."

Für die etwas Jüngeren, für Günter Grass und Walter Kempowski, war das die schönste deutsche Liebesgeschichte, während sich Karl Korn, der Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen, rechtschaffen empörte, weil es in der Geschichte "unter fadenscheinigen Vorwänden auf nichts weiter als aufs Rammeln ankommt". Als wäre das nicht schon schlimm genug, bedachte der Autor auch noch die Restaurationsbemühungen der Adenauer-Regierung mit etlichen Sottisen und beleidigte beiläufig die dem Kanzler treu ergebene Kirche mit Sätzen wie diesem: "Der 'Herr', ohne dessen Willen kein Sperling vom Dache fällt oder 10 Millionen im KZ vergast werden: das müsste schon ne merkwürdige Type sein - wenn's ihn jetzt gäbe!"

Die Behörden zogen gegen Heinrich Böll und Arno Schmidt zu Felde

Was es auf jeden Fall gab, das war die Amtskirche, die in Gestalt des Kölner Erzbistums Strafanzeige nach § 166 StGB (Gotteslästerung) und § 184 StGB (Verbreitung unzüchtiger Schriften) stellte. Schmidt wohnte damals in Rheinland-Pfalz und vor allem im katholischen Kastel, wurde also aufs Amtsgericht bestellt und wegen eines Textes verhört, "der Religionsbeschimpfungen und Gotteslästerungen enthält und weiterhin Schilderungen sexuellen Charakters bringt, die geeignet sind, das Scham- und Sittlichkeitsgefühl gesund empfindender Menschen in geschlechtlicher Hinsicht zu verletzen". Es drohte ernstes Ungemach; Schmidts Frau Alice notierte verzweifelt im Tagebuch: "A. ist jetzt völlig geknickt über die Prozeßaussicht. 10 Jahre Elendsleben als Krönung dann noch die Gefängniszelle."

Das ist kein Witz, sondern die Zeit, in der der Volkswartbund gegen Schmutz und Schund zu Felde zog und in einem Entwurf des Bundesinnenministeriums Schmidts Name neben dem von Heinrich Böll und Hans Werner Richter beim amtsschimmeligen Versuch der "Zurückdrängung des Einflusses linker Schriftsteller" auftauchte. Dabei war Schmidt vergleichsweise harmlos und hätte besagtem Sperling nie auch nur das Federkleid bestäubt. Er suchte nur ein "festes Pünktchen, von dem aus ich die Welt dann mit aller Behaglichkeit aus den Angeln heben kann". In der finanziellen und juristischen Not erwogen die Eheleute die Ausreise in die Schweiz, sogar von Flucht in die damals "Zone" genannte DDR war die Rede.

Da traf, zwar nicht mit reitendem Boten, aber doch mit der Post ein Brief von Max Bense aus Stuttgart ein. Bense war außerplanmäßiger Professor an der dortigen Technischen Universität, Konkreter Poet und ein erklärter Fan Schmidts. Er bietet ihm eine Dozentur in Stuttgart an, dazu soll er ein Seminar an der Ulmer Hochschule für Gestaltung, nun ja: gestalten, also "Ihre Vorstellungen von Epik, Texten, prosaischen Kurzformen, letztere besonders, lehrend, etwa im Rahmen eines Studios, dem Sie vorstehen, entwickeln".

Das Vorstellungsgespräch in Ulm wird zu einer Groteske

Schmidt könnte das angebotene Geld - 750 harte Mark - dringend brauchen, dazu käme, was im Moment vielleicht noch wichtiger wäre, eine Wohnung weit weg vom katholischen Zugriff, der im Trierischen droht. Schmidt grübelt nach seiner Weise: "Was ist Hochschule f. Gestaltung? Was gestaltet man? Kunstgewerbe oder so was?" Als Studenten fürchtet der im Zweifel eher klemmige Erotoman "irgend welch verrückte Frauenzimmer".

Die Ulmer Hochschule für Gestaltung war nach dem Krieg mit amerikanischem Geld gegründet und 1955 von Walter Gropius eröffnet worden. Am Aufbau hatten Otl Aicher und seine Frau Inge Aicher-Scholl mitgewirkt; auch Ilse Aichinger war dabei. Die Studierenden sollten in der Bauhaus-Nachfolge Design erlernen und auch experimentieren dürfen.

Der prospektive Junior-Professor fährt wenig begeistert nach Stuttgart, aber wohl ist ihm dabei nicht: "Ich brauche Stille und Ruhe, sonst holt mich literarisch der Deuwel", schreibt er seiner Frau. Bense setzt nach, bestellt Schmidt per Telegramm ein zweites Mal nach Stuttgart, gleich am nächsten Morgen soll er auf den Zug. Von Stuttgart geht es im Auto weiter nach Ulm. Es kommt, wie es kommen muss, zu einer Groteske, nämlich einem Vorstellungsgespräch beim Rektor, dem Schweizer Architekten und Bildhauer Max Bill.

Er "verfüge auch über ausreichend knollige Theorien", schrieb Schmidt

Bense hatte ihm Kunst vorgegaukelt, aber offenbar soll Schmidt den künftigen Designern "Reklametexte und Schlagworte" beibringen. Betreuer Bense wartet beim Vorstellungsgespräch mit seiner Assistentin draußen: "Es war totenstill in dem Zimmer. (...) Wir dachten, sie hätten sich gegenseitig umgebracht." Sie waren aber beide noch am Leben und hatten eben ein tiefschürfendes Künstlergespräch beendet. Bill: "Das, was Sie schreiben, Herr Schmidt, das habe ich mit 19 auch geschrieben." Schmidt: "Und das, was Sie malen, Herr Bill, die geraden Linien, die Sie ziehen, die habe ich in der Schule schon gemacht, ich bin nämlich Mathematiker."

Dabei war Schmidt einem Engagement in Ulm und Stuttgart nicht ungeneigt gewesen, schließlich sei er, wie er bescheiden verkündete, "randvoll von historischen und literaturgeschichtlichen Kenntnissen, verfüge auch über ausreichend knollige Theorien", aber die Ulmer Jugend musste ohne ihn auskommen. Wie es sich für den aufrechten Avantgardisten gehört, schickte Schmidt der Hochschule einen Fußtritt hinterher. "Wer in Ulm das Opfer des Intellekts bringen will, soll mich wundern; unter den jetzigen Vorzeichen ist es jedenfalls nicht Ihr: Arno Schmidt."

Er war halt doch ein bisschen beleidigt. Das angesprochene sacrificium intellectus waren andere gern zu erbringen bereit. Zeitweise lehrten in Ulm erlauchte Gäste wie Alexander Kluge und Hans Magnus Enzensberger; Peter Hamm waltete einige Monate als eine Art Pressereferent und war in eine lokale Ehebruchsaffäre verstrickt.

Schmidt hingegen schüttelte sich in der Erinnerung an seinen Besuch: "Sämtliche Schüler, bis zum unbedarftesten Pferdeschwanz hinunter, schwatzten, und rasend schnell, so viel von ontisch und semantisch, daß man nicht folgen konnte; dabei war alles eitel Zungengaukelei, und die Kerls verstanden den Teufel von dem, was sie so sicher vortrugen, wer nicht mitmachte war doof."

Die Schmidts fanden eine neue Wohnung in Darmstadt, wo sie vor katholischen Nachstellungen halbwegs sicher sein konnten; das Verfahren wurde schließlich eingestellt. Auf ein weiteres Angebot aus Ulm, mit dem Bills Nachfolger zwei Jahre später sogar nach Darmstadt reiste, wollte Schmidt gar nicht mehr eingehen, sondern lehnte wegen "Arbeitsüberlastung" ab. Seine Frau, die zwischendurch auf einen Volkswagen gehofft hatte, wars zufrieden. Als Erstleserin der "Seelandschaft mit Pocahontas" hatte sie auch die erste Literaturkritik zu Papier gebracht: "Ein neues Meisterwerk!" und "Was ein großer Dichter ist doch Arno!"

Georg Patzer, "Arno Schmidt und Ulm". Deutsche Schillergesellschaft, Marbach am Neckar 2020. 16 Seiten, 4,50 Euro.

© SZ/fxs
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