Architektur Häuser wie titanische Zahnstocher

Der "432 Park Avenue"-Turm ist das zweithöchste Gebäude Manhattans.

(Foto: Andre Tan / Unsplash)
  • In New York werden die Hochhäuser immer schmaler. Fast monatlich werden neue Pläne für geradezu aberwitzige Konstruktionen bekannt.
  • Die Gründe für die anorektisch anmutenden Wolkenkratzer sagen viel über das Bauen unserer Zeit aus.
Von Gerhard Matzig

Die Baugeschichte kennt allerlei Varianten des Höhenrausches. Hohe Häuser - in Deutschland gelten schon Häuser ab 22 Meter als Hochhäuser - unterscheidet man nicht nur der Höhe ("size matters"), sondern auch der Form nach. Zum Beispiel erheben sich Punkthochhäuser über zentrierten Grundrissen, während sich das Scheibenhochhaus aus einer längsrechteckigen Grundfläche in die Höhe stemmt. Insofern wäre das Empire State Building (1931) in New York ein Punkt - und das Arabellahaus (1969) in München eine Scheibe.

Der Burj Khalifa (2010) in Dubai als derzeit höchstes Bauwerk der Welt, 828 Meter hoch, ist ein pyramidal sich nach oben verjüngendes Sternhochhaus. Daneben gibt es auch noch "T"-förmige Geschossgrundrisse und eine etwas seltsame deutsche Erfindung namens "Windmühlenhochhaus", das poetisch an den Flügelkranz einer Windmühle erinnert. Günstigstenfalls. Leider sieht das Gebilde auch aus wie ein Hakenkreuz.

Die Phänotypologie der Hochhäuser und Wolkenkratzer (über 150 Meter) wird derzeit abermals erweitert. Vor allem New York ist gerade dabei, das Hochhaus neu zu erfinden: als Baukunst der Magersucht. Die Anorexie-Hochhäuser der Kleidergröße Zero, in den USA bekannt als Super-Slenders, kann man sich wie überlange Lineale oder titanische Zahnstocher vorstellen. Wahlweise auch, wie es im Schweizer Tagesanzeiger einmal so schön hieß: als "Stinkefinger der Superreichen".

Teuer im Bau - äußerst rentabel als Extrem-Immobilien

Das zielt auf den damals noch im Bau befindlichen Wohnwolkenkratzer "432 Park Avenue", der nach Plänen von Rafael Viñoly Architects vor zwei Jahren in Manhattan eröffnet wurde. Der Bau, ein Punkthochhaus über einer quadratischen Grundfläche, 28 mal 28 Meter, ist 426 Meter hoch und bietet Platz für 104 Wohnungen. Drei Wohnungen sind derzeit auf dem Markt. Die günstigste kostet knapp 40 Millionen Dollar. Die Super-Slender-Skyscraper, die über einen besonderen Bau-Body-Mass-Index verfügen, also sehr hoch und gleichzeitig sehr volumenarm gebaut werden, sind eine Logik für sich. Einerseits extrem teuer im Bau - und andererseits auch äußerst rentabel als Extrem-Immobilien.

Was aber Rendite verspricht, wird gerade in einer Stadt, die sich Big Apple nennt, erst zur Versuchung, dann zum Trend. Fast monatlich werden derzeit neue Überlegungen zu immer schmaleren und konstruktiv immer aberwitziger erdachten Zahnstocher-Häusern bekannt. RB Systems planen beispielsweise ein superschlankes, 400 Meter aufragendes Bürohochhaus westlich vom Times Square. Das "One 57" von Christian de Portzamparc dominiert die 57. Straße. Neue ausgehungerte Häuser stammen von BIG, David Chipperfield und Richard Meier.

Die anorektischen Gebilde passen in die Zeit. Zum einen gibt es kaum mehr Baugrund in New York, das sich nun auch mit den nischenhaften Super-Slenders nachverdichtet; zum anderen machen neue Konstruktionsweisen und Materialvarianten sowie die digitalisierte Planung die drastische Diät erst möglich. Zum Vergleich: Die Zwillingstürme des dem Terror zum Opfer gefallenen World Trade Centers hatten, was das Verhältnis von Gebäudehöhe zur Kantenlänge des Grundrisses angeht, einen auch schon erstaunlichen Schlankheitsgrad von 7 : 1. Das übliche Verhältnis für Hochbauten liegt bei 4 : 1. Der im Bau befindliche "Steinway Tower", 435 Meter hoch, der seinen Bewohnern einmal einen grandiosen Blick auf den Central Park als ultimatives Distinktionsmittel in ikonisch aufgeladenen Instagram-Zeiten ermöglichen soll, wird einen Schlankheitsgrad von 24 : 1 haben.

Baulich ist das möglich, auch wenn allein die Kosten der Tragwerksplanung wegen der Windlasten bei derart schlanken Gebilden überproportional zum Flächengewinn in astronomische Dimensionen geraten. Ab etwa dreihundert Meter sind schon normale Hochhäuser wegen der immer höheren Baukosten kaum mehr ökonomisch. Wenn aber in 400 Meter Höhe nur noch zwei bis drei Wohnungen den Versorgungsaufwand rechtfertigen müssen, dann geht es tatsächlich nur noch um Raum für Supersuperreiche. Auch architektonisch scheint nun zu gelten: Armut macht dick, Reichtum dünn.

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