Architektur Das Gute von gestern

Welche Zukunft haben Industriebauten aus den Sechzigerjahren in München? Eine Diskussion und eine Kunstaktion in der ehemaligen Deckel Maschinenfabrik

Von Jürgen Moises

Der Blick vom obersten Stockwerk auf die Stadt, der ist fantastisch. Denn nicht nur, dass das ehemalige Verwaltungsgebäude der Deckel Maschinenfabrik mit seinen sieben Etagen in Obersendling wie ein Solitär in der weitgehend von Wohngebäuden geprägten Stadtlandschaft steht. Es befindet sich außerdem oberhalb des Greinerbergs, was den Standpunkt noch erhöht und den Panoramablick zusätzlich weitet. Umgekehrt ist auch der Industriebau in der Plinganserstraße 150 selbst eine Sehenswürdigkeit, zumindest wenn man das nötige Auge dafür hat. Entworfen hat ihn Walter Henn Anfang der Sechzigerjahre: im Geiste des Funktionalismus und der internationalen Architekturmoderne, und inspiriert von amerikanischen Vorbildern wie der 1960 gebauten Pepsi-Cola-Firmenzentrale in New York.

Prägende architektonische Elemente des Baus sind die funktionalistische Trennung, die vorgehängte Fassade, die Lobby und die geöffneten Großraumbüros. Offenheit, Transparenz und Demokratisierung, so lauteten die damit verbundenen Maximen, womit das Gebäude gleichzeitig auch die Aufbruchsstimmung in den Sechzigerjahren symbolisiert. Dass es damit in geschichtlicher, künstlerischer und wissenschaftlicher Hinsicht Seltenheitswert besitzt, das hat inzwischen auch die Münchner Stadtverwaltung erkannt und das Verwaltungsgebäude genauso wie zuvor schon die zugehörigen Produktions- und Fertigungsgebäude der ehemaligen Fabrik unter Denkmalschutz stellen lassen.

So wirklich selbstverständlich war das aber nicht, sondern im Gegenteil ein juristisch schwieriger Kampf mit mehreren Etappen, wie man am Freitagabend von Burkard Körner vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege erfuhr. Zusammen mit den Architekten Gunter Henn und Muck Petzet, den Fotografinnen Vilma Pflaum und Gita Cooper-van Ingen sowie dem Geschäftsführer der Neuhof-Schulen, Jürgen Meyer, war Körner zu einer Podiumsdiskussion eingeladen, die im Erdgeschoss des aktuell im Umbau befindlichen Gebäudes stattfand. Veranstaltet wurde die gut besuchte Diskussion vom Lehrstuhl für Neuere Baudenkmalpflege der TU München, und von dessen Inhaber Andreas Putz wurde sie auch geleitet.

Welche Zukunft hat die Industriearchitektur der Sechzigerjahre in München? Die von Walter Henn entworfene Deckel Maschinenfabrik in Obersendling steht inzwischen unter Denkmalschutz.

(Foto: Heinrich Heidersberger)

Verbunden war die Gesprächsrunde mit einer von Vilma Pflaum initiierten Kunstaktion, welche das Haus über sechs Stockwerke hinweg mittels Licht, Fotografie und Musik in eine Multimedia-Installation verwandelte. Und die von ikonischen Architekturfotografien von Heinrich Heidersberger aus den Sechzigerjahren angeregt war. Ziel der mit "The Adventure Of The Empty House" betitelten Gesamtveranstaltung war es, einen neuen Blick auf die von Walter Henn geschaffene Architektur zu ermöglichen und das Bewusstsein für deren Bedeutung zu schärfen. Dass es daran mangelt, das konstatierte jedenfalls dessen Sohn, der Architekt Gunter Henn. Und so formulierte er entsprechend sein Bedauern: "Ich finde es schade, dass sich München dazu nicht bekennt."

Wieso nicht? Weil Industriegebäuden wohl der Weihrauchduft fehle, ergänzte Henn leicht spöttisch, der heute selbst zu den bedeutendsten deutschen Architekten zählt. Das vom ihm geführte, international tätige Architekturbüro Henn verfügt über Niederlassungen in München, Berlin und Peking und war zuletzt aufgrund des gewonnenen und wegen peinlicher Verfahrensfehler dann doch nicht gewonnenen Wettbewerbs für die Generalsanierung des Gasteigs in der Diskussion. Auf die behördlichen Fehler reagierte Henn zumindest in der Öffentlichkeit auffallend gelassen. Und auch jetzt wirkte er vergleichsweise besonnen, als er über das missachtete Erbe seines Vaters sprach.

Denn tatsächlich gab es bis 2018 noch eine Art Zwillingsbau in München. Ein nahezu identisches Verwaltungsgebäude, das sich auf dem ehemaligen Osram-Gelände in Untergiesing befand. Dieses wurde trotz Denkmalschutz zugunsten neuer Wohnungen abgerissen und existiert heute nur noch auf Heidersbergers Fotografien. Das gleiche Schicksal hatte zeitweise auch dem Obersendlinger "Zwilling" gedroht. Von der Alternativ-Idee, darin Wohnungen unterzubringen, ist man laut Burkard Körner inzwischen abgerückt. Weil man letztlich erkannt habe, dass das einfach nicht passt. Wer oder was stattdessen nun dort einziehen wird, ist aktuell noch offen. Wobei am Ende wohl doch nur eine Büro-Nutzung in Frage kommen wird.

Der Osram-Zwillingsbau in Untergiesing wurde im vergangenen Jahr abgerissen.

(Foto: Heinrich Heidersberger)

Für das benachbarte Fertigungsgebäude gibt es dagegen feste Pläne. In Zukunft werden dort nämlich die neuen Turnhallen der Neuhof-Schulen und ein Kindergarten untergebracht sein. Für den Neuhof-Geschäftsführer Jürgen Meyer bedeutet das die "einmalige Gelegenheit", das langjährige "Sport-Problem" der Schulen zu lösen. Was, so Meyer, aber nur mit Unterstützung funktionieren wird, weil Turnhallen nicht soviel Profit wie neue Wohnungen abwerfen. Den Charakter des Hauses wird das jedenfalls verändern. So wie laut Andreas Putz die Herausnahme der Teppiche und alten Haustechnik sowie die Auflösung des ursprünglichen Fabrik-Ensembles auch jetzt schon der Identität des Verwaltungsgebäudes geschadet hat.

Der Architekt Muck Petzet sieht darin trotz allem "ein tolles Gebäude", eine "hohe architektonische Ressource", die man transformieren könne. Und zu den alten Fotos vom Haus, die während des Gesprächs auf eine Leinwand projiziert wurden, meinte er: Die Leute, die man da in den Großraumbüros im Gebäude arbeiten sieht, das waren die Hipster von damals. Genauso verkörperte auch die Architektur Walter Henns einmal die neueste Mode, und Moden, die kommen und gehen. Wer weiß: Vielleicht ist die Zeit ja endlich reif dafür, dass man in München über das exemplarische Schaffen von Henn die Industriearchitektur der Sechzigerjahre wiederentdeckt. Vorausgesetzt natürlich, es ist noch genügend Beispielhaftes davon vorhanden.