Anschlag auf Krimiautor Jetzt sind die Fenster verbarrikadiert

Die Polizei vermutet, dass der Anschlag mit Matthias P. Giberts aktuellem Krimi "Tödlicher Befehl" zu tun hat.

(Foto: privat)

Der Schriftsteller Matthias P. Gibert veröffentlicht einen Krimi über den türkischen Geheimdienst. Dann fliegen Molotow-Cocktails auf sein Haus. Ein Anruf beim Autor.

Interview von Alex Rühle

In der Nacht auf den 29. September wurde auf das Haus des Krimiautors Matthias P. Gibert ein Brandanschlag verübt. Neben dem Molotowcocktail wurden Bilder des türkischen Präsidenten Erdoğan gefunden. Gibert wollte zunächst nicht an die Öffentlichkeit gehen, hat den Anschlag nun aber doch publik gemacht.

SZ: Herr Gibert, was genau ist überhaupt in jener Nacht passiert?

Matthias Gibert: Ich wurde nachts um kurz nach drei von einem Knall geweckt. Als ich draußen schauen wollte, was passiert ist, brannte der ganze Hauseingang. Der Brandbeschleuniger hat aber "keine Nahrung gefunden", wie das die Ermittler ausdrückten und das Feuer ging schnell aus. Im Hof lagen 70 A-4-Blätter, darauf ein Foto des türkischen Präsidenten vor einem Rednerpult und einer türkischen Flagge. Erdoğan war da gerade auf Staatsbesuch in Berlin und Köln.

Die Polizei vermutet, dass der Anschlag mit Ihrem aktuellen Krimi "Tödlicher Befehl" zu tun hat, der Anfang August im Gmeiner-Verlag erschienen ist. Warum?

Man weiß nicht, wer es war. Die Polizei hat niemanden konkret im Verdacht. In meinem Krimi geht es um einen fiktiven türkischen Staatspräsidenten, der einem Geheimdienstmitarbeiter den Auftrag gibt, einen Dissidenten in Deutschland zu ermorden. Und um die Angst, die sich in der türkischen Community breit macht.

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Warum dieses Thema?

Meine Frau ist befreundet mit der Frau eines türkischstämmigen Lokalpolitikers. Durch sie habe ich zuerst mitbekommen, wie tief der Riss ist, der mittlerweile quer durch die türkischstämmigen Familien geht und Freundschaften zerrüttet. Ein Graben der Angst und des gegenseitigen Belauerns. Ich hab dann viel in der Community recherchiert und immer wieder gehört, dass man früher sehr offen über Politik gestritten habe, sich aber heute nur noch anschweigt. Kennen Sie EGM?

Nein, was ist das?

Eine App. EGM steht für Emniyet Genel Müdürlüğü, auf deutsch Zentralbehörde der türkischen Polizei. In Deutschland lebende Türken werden aufgerufen, mittels der App Arbeitskollegen oder Familienmitglieder anonym zu denunzieren, die sich kritisch gegenüber Erdoğan äußern.

Was hat sich denn in Ihrem Leben seit dem Anschlag geändert?

Ich hab' überall auf dem Anwesen Lichter montiert und ich kann nachts den Mond nicht mehr sehen, weil wir seither hinter verbarrikadierten Fenstern schlafen. Wir wohnen in einem großen Haus. 24 Fenster, bisher fand ich das wunderschön, jetzt denke ich: Fette Angriffsfläche. Plötzlich ist da eine Grundangst, mein bisheriges Leben steht auf dem Prüfstand. Meine Lesungen sind eigentlich sehr unterhaltsam. Das hat sich geändert, weil mir im Moment der Humor doch etwas abgeht.

Warum gehen Sie jetzt, drei Wochen nach dem Anschlag, an die Öffentlichkeit?

Weil ich sonst keine Lesungen mehr veranstalten könnte. Die Leser müssen vorher wissen, dass eventuell etwas passieren kann. Auf den letzten Lesungen habe ich jeweils gesagt, was geschehen ist und dass Polizei da ist und wenn es jemandem zu gefährlich sein sollte, bekommt er oder sie das Geld zurück. Sind alle dageblieben.

Heißt das, Sie stehen unter Polizeischutz?

Nur auf den Lesungen. Aber die Streife fährt öfter als früher durchs Viertel, Polizisten begehen regelmäßig das Grundstück.

Bereuen Sie es, an die Öffentlichkeit gegangen zu sein?

Im Gegenteil, ich hab mich in den Wochen zuvor sehr einsam gefühlt, jetzt erfahre ich sehr viel Solidarität und Zuspruch.

Wurden Sie seither noch mal bedroht?

Nein. Und wie gesagt, ich weiß auch nicht, wer dahintersteckt.

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