Anschlag auf "Charlie Hebdo" Tapfere Spötter

Die Franzosen lassen der Satire besonders weiten Raum, auch gegenüber Religionen.

(Foto: Getty Images)

Satire darf ziemlich viel. Wo die Grenzen sind, ist von Gesellschaft zu Gesellschaft unterschiedlich. Klar ist aber, was die Geschmähten nicht dürfen: mit Kalaschnikows auf Satiriker schießen.

Ein Kommentar von Stefan Ulrich

Sie haben auf ihre Weise geantwortet. Mit dem Zeichenstift. In ihrer neuesten Ausgabe druckten die Spötter der Zeitschrift Charlie Hebdo wieder Karikaturen Mohammeds ab, trotz des Massenmordes, den islamistische Terroristen wegen solcher Zeichnungen in ihrer Redaktion angerichtet hatten. Das Titelbild mit dem die Untat beweinenden Propheten ist, wie viele Karikaturen, mehrdeutig. Man kann auch eine obszöne Bedeutung herauslesen, muss das aber nicht.

Die Kritik aus der muslimischen Welt ist jedenfalls stark. Schon das bloße Abbilden Mohammeds empfinden viele Gläubige als Frevel. Auch manche Nichtmuslime in westlichen Ländern klagen, da werde Öl ins Feuer gegossen, es sei unklug, wenn nicht unverantwortlich, friedliche Muslime zu verletzen und Fanatiker noch mehr aufzustacheln.

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Ein türkisches Gericht lässt alle Internetseiten blockieren, die die Mohammed-Karikatur auf dem Titel von "Charlie Hebdo" zeigen. Eine türkische Zeitung druckte die Zeichnungen trotzdem nach - und trickste die Polizei mit einer Finte aus, die den toten "Charlie-Hebdo"-Machern gefallen hätte.

Damit steht, konkret und in bedrohlichem Kontext, die alte Frage im Raum: Was darf Karikatur und damit Satire? Doch vielleicht muss vor einer Antwort geklärt werden, was Satire eigentlich ist. Eine exakte Definition ist kaum zu finden. Wesentlich ist jedenfalls eine spöttische Betrachtung von Gott und Welt, bei der selbst Todernstes ins Lächerliche gezogen wird, um Tabus aufzubrechen, zum Nachdenken anzuregen, Missstände aufzudecken oder Mächtige zu kritisieren.

Wertvoller Beitrag zum Meinungskampf

Mokerie, Übertreibung, Respektlosigkeit und Verhöhnung gehören zum Wesen der Satire sowie von deren Tochter, der Karikatur. Das kann für die, denen der Spott gilt, verletzend sein - und für die Satiriker selbst gefährlich. Goethes Schwager Christian August Vulpius schrieb in einem Glossar, ein Satiriker sei "ein Mann, der seines Lebens nicht sicher ist, weil er die Wahrheit zur Schau trägt". Prophetisch.

Ein tolerantes Land schützt die Satire als nicht nur witzigen, sondern auch wertvollen Beitrag zum Meinungskampf. In der Satire bestätigt sich die offene Gesellschaft zugleich ihre Freiheit. Wo die Satire nichts mehr darf, da herrscht die Diktatur, einer Religion, einer Ideologie, einer Partei oder eines Menschen. Demokratische Länder dürfen daher nie zulassen, dass Satire, Kunst, Presse- und Meinungsfreiheit von den Tabus und Vetos einzelner Gruppen gefesselt werden.

Satire darf nicht alles

Darf Satire also alles? Nein. Verlässt sie den geistigen Meinungskampf und hetzt, wie einst der Stürmer, zu Mord und Totschlag auf, so gehört sie verboten. Unzulässig ist Satire auch, wenn es ihr nicht darum geht zu kritisieren, herauszufordern und aufzudecken, sondern nur darum, andere Menschen herabzuwürdigen. Wo die Grenzen verlaufen, lässt sich nicht für alle Länder und Zeiten einheitlich festlegen. Jede Kultur muss für sich herausarbeiten, was selbst Satire nicht darf. Deutschland zum Beispiel tut aufgrund seiner Geschichte gut daran, sehr streng zu sein, wenn es um Volksverhetzung geht.

Die Franzosen wiederum lassen der Satire besonders weiten Raum, auch gegenüber Religionen. Der geistreich-spöttische Disput gehört zum Esprit des Landes. Frankreich, das einst als "älteste Tochter der Kirche" galt, hat sich die Trennung von Kirche und Staat hartnäckig erkämpft. Es ist stolz auf diesen Laizismus. Karikaturisten, Künstler und Intellektuelle verteidigen ihn, weil sie wissen, dass er die Basis ist, auf der Muslime, Juden, Christen, Ungläubige und Menschen vieler anderer Bekenntnisse gedeihlich zusammenleben können. Keiner darf den anderen die absolute Wahrheit vorschreiben. Jeder muss sich der Kritik und auch dem satirischen Spott stellen, auch wenn er, wie bisweilen bei Charlie Hebdo, im Gewand eines frivolen Altherrenwitzes daherkommt.

Toleranz ist nicht einfach, aber sie lässt sich erlernen. Die Terroristen von Paris gingen mit Kalaschnikows dagegen vor. Charlie Hebdo hat die richtige Antwort darauf gegeben. Es spottet weiter wie bisher.