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Reportage aus dem Silicon Valley:Unter Usern

kostenfreies Pressefoto Anna Wiener, Verlag Droemer Knaur

Anna Wiener berichtet heute als Tech-Korrespondentin aus San Francisco für den "New Yorker".

(Foto: Russell Perkins/Droemer Knaur)

Zeitzeugin der digitalen Revolution: Anna Wieners "Macht und Dekadenz im Silicon Valley" ist ein genauer, erhellender Bericht über Sexismus, Geld - und Einfalt.

Von Felix Stephan

Obwohl es in den USA allgegenwärtig ist, hat das "Memoir" in Europa einen miserablen Ruf, den es sich überwiegend selbst zuzuschreiben hat. Memoirs erzählen in der Regel eine erschütternde oder ermutigende persönliche Geschichte und auf dem Cover ist die Autorin abgebildet. Die Sache ist nun aber die, dass eines der schlausten und eindrucksvollsten Bücher, die in den vergangenen Jahren über das Silicon Valley erschienen sind, auch ein Memoir ist und das sogar ganz absichtsvoll. Das Buch heißt "Uncanny Valley", stammt von der amerikanischen Autorin Anna Wiener und trägt auf Deutsch den niederschmetternden Titel "Code kaputt".

In dem Buch erzählt Anna Wiener, wie sie Mitte der Nullerjahre als Assistentin in der scheintoten New Yorker Verlagsbranche arbeitet und dort vor allem für das leibliche Wohl ihrer Vorgesetzten zuständig ist. Als ihr aufgeht, dass sich an dieser Situation bis auf Weiteres auch nichts ändern wird, weil der Nachwuchs an jungen Geisteswissenschaftlerinnen, die für den Glanz der Literaturnähe zu arbeiten bereit sind, unerschöpflich ist, entscheidet sie sich für eine profane Tätigkeit, die aber wenigstens bezahlt wird: Sie fängt bei dem E-Book-Start-up "Oyster" an. Bis auf das beißende Gefühl, einen Verrat an sich selbst begangen zu haben, geht es ihr dort überraschend gut. Als die Firma ein paar Jahre später für kolportierte 30 Millionen Dollar verkauft wird und in dem Kosmos von Google Play Books aufgeht, lebt sie in San Francisco, arbeitet bei Github und verdient für eine Tätigkeit im Kundensupport, die sie als nicht besonders anspruchsvoll empfindet, mehr als 100 000 Dollar im Jahr. Insgesamt fällt ihr der Seitenwechsel leichter als erwartet, nur gelegentlich heult sie auf der Bürotoilette.

Aus all den anderen Silicon-Valley-Büchern, die rund um die Uhr erscheinen, ragt "Uncanny Valley" unter anderem deswegen heraus, weil es keine These hat und erst recht nichts aufdecken will. Das erzählerische Projekt ist ein anderes: Anna Wiener versucht auf fast protokollarische Weise aus dem seltsamen Zufall schlau zu werden, dass sie Zeitzeugin der digitalen Revolution ist. Und weil sie keine Indizien sammelt, sondern Beobachtungen, ist sie in erster Linie mit Widersprüchen konfrontiert. Weil jedes Detail bedeutsam sein kann für das Verständnis dessen, was das Silicon Valley einst gewesen sein wird, notiert Wiener die T-Shirt-Motive ihrer Kollegen, die Größe der Fenster ihrer 25-Quadratmeter-Wohnungen, die Berufe der Nachbarn und der Vormieter, den Wortlaut und die Schriftarten der Maklerwerbung in ihrem Briefkasten, die Zimmerbelegung der Ski-Ausflüge nach Tahoe, die ihre Arbeitgeber für die ganze Belegschaft organisieren. Sie protokolliert Begegnungen, die Techniken der Anbahnung und Freundschaften.

Niemand benutzte die Wörter "Insiderhandel" und "Überwachung"

Zu einem ihrer engsten Freunde in San Francisco wird "Patrick", der leicht als Patrick Collison erkennbar ist, der 1988 geborene Gründer des Bezahldienstes "Stripe", einer der jüngsten Milliardäre der Welt. Als sie auf einer Party einmal ein Mann anspricht, um ihr von seinem Stadtentwicklungsprojekt zu erzählen, für das er nur noch 50 Millionen Dollar brauche, fallen ihr auf seinem T-Shirt rechtwinklige Falten auf, "als hätte er es noch am selben Tag bestellt und erst vor einer Stunde ausgepackt, raffinierte Nachlässigkeit in Zeiten von on demand", und allein in dieser Beobachtung versteht man mehr über die Plastizität dieser Sphäre als auf 400 Seiten von Dave Eggers.

Wiener ist von Haus aus Soziologin und auch deshalb klingt das Buch immer wieder wie eine teilnehmende Beobachtung am eigenen Leben. Das Memoir wird in ihren Händen zu einem Instrument analytischer Feldforschung und die Zusammenhänge ergeben sich aus der bloßen Anhäufung der Dinge wie von selbst, als wollte sich die Wirklichkeit demjenigen nur umso dringender mitteilen, der keine Fragen an sie richtet.

In einem Datenanalyse-Start-up arbeitet sie im Kundensupport, was in der Hierarchie der Branche als läppische Nebentätigkeit gilt, weil es keine Entwicklertätigkeit ist. Aber es verschafft ihr eine besondere Perspektive. Zu ihren Kunden zählen zahlreiche andere Firmen aus dem Silicon Valley und um deren Probleme zu beheben, muss sie auf deren Systeme zugreifen und gewissermaßen in den Maschinenraum hinabsteigen, um dort direkt Hand anzulegen am Allerheiligsten: dem Code. Auf diese Weise erhält sie Einblicke, die ihr eigentlich zu weit gehen. Firmen, die als aufsteigender Stern gelten, haben in Wahrheit kaum Kunden, andere generieren im Stillen stabil Umsätze. Wieso durfte sie das alles sehen und wissen, wieso kontrollierte sie niemand? Außerhalb ihrer Selbstgespräche werden diese Fragen nicht gestellt. "Niemand benutzte je das Wort 'Insiderhandel'."

Ein anderes Wort, das niemand je benutzt, lautet "Überwachung". Erst als Edward Snowden die Totalüberwachung der NSA bekannt macht, die ohne das Silicon Valley nicht möglich wäre, regt sich unter den Angestellten so etwas wie ein kritisches Bewusstsein. Anna Wiener bemerkt es an sich selbst und an den Bemerkungen ihrer Kollegen. Als sie sich einmal mit einem Kollegen trifft, der entlassen worden war, nachdem er mehr Firmenanteile gefordert hatte, berichtet er, dass er jetzt wenigstens ein besseres Gewissen habe: "Ich fragte ihn, was er damit meinte. ,Na komm', sagte er, 'wir haben in einer Überwachungsfirma gearbeitet.'"

Die Gesellschaftsentwürfe dieser Leute sind von dubioser Einfalt

Drei Dinge sind Anna Wiener unheimlich im "Uncanny Valley", und sie gehen auseinander hervor: Zum einen die absurde Machtkonzentration in den Händen weißer, amerikanischer Männer in ihren Zwanzigern. Wiener ist geradezu umzingelt von ihnen, "hauptsächlich Männer. Männer hüben wie drüben. Männer auf der ganzen Linie." Zurzeit kann man sich diese Männer auch selbst anschauen, in der Dokumentation "The Social Dilemma", in dem ehemalige hochrangige Mitarbeiter von Facebook, Google, Twitter und einigen anderen Unternehmen erklären, warum sie ihre eigenen Kinder von Smartphones tunlichst fernhalten. Anna Wiener taucht in der Dokumentation nicht auf, obwohl sich eine der zentralen Oneliner des Films auch in ihrem Buch findet: Außer den Softwarekonzernen nennen nur noch Drogenhändler ihre Kunden "User".

Von Kurt Vonnegut stammt die Bemerkung, dass die eigentliche Hölle darin bestehe, eines Morgens aufzuwachen und festzustellen, dass die eigene Schulklasse die Geschicke des Landes lenkt, und ungefähr dieselbe Erfahrung macht Anna Wiener, als sie beobachtet, wie um sie herum skateboardende Techno-Enthusiasten in Kapuzenpullovern ganze Industrien abschaffen. Dass sich unter ihren Kollegen so viele ehemalige Doktoranden und Mittelschullehrer, Pflichtverteidiger und Kammersänger aus allen Teilen des Landes befinden, hängt nicht zuletzt damit zusammen, dass diese Branchen dem Nachwuchs keine verheißungsvolle Perspektive mehr anzubieten haben und ihr selbst ist es ja genauso gegangen.

Zum anderen ist es die dubiose Einfalt dieser Leute, wenn es um Gesellschaftsentwürfe geht. Jedes Start-up, jede Initiative geht von der Prämisse aus, dass das erste Interesse des Menschen darin besteht, seine individuelle Produktivität und Effizienz zu maximieren, wodurch beispielsweise ernsthafte Debatten über Designerbabys möglich werden, "die auf Attraktivität hin optimiert wurden, ohne das Thema Hautfarbe oder die Geschichte der Eugenik auch nur anzusprechen".

Und schließlich die Verwandlung, die sie selbst durchläuft. Eine Therapeutin in Berkeley eröffnet die Sitzung einmal mit der Frage, ob sie sich ihrer Einschätzung nach selber hasse: "Ziemlich starker Einstieg für die erste Sitzung, dachte ich, doch schon am nächsten Tag ertappte ich mich dabei, wie ich einem Haufen Risikokapitalgeber auf der Microblogging-Plattform folgte." Die Episode, in der Anna Wiener nach ihrer Verwandlung zurück nach New York zu ihren alten Freunden fliegt, die in Brooklyner Hinterhoftheatern nach wie vor ausdrucksstarke Inszenierungen auf die Bühne bringen, ist dann tatsächlich einigermaßen herzzerreißend. Ihre Freunde berichten ihr von seltsamen Zufällen, die sich in der Nähe ihrer Smartphones zugetragen haben: Twitter zeigte ihnen Werbung für ein Produkt an, das sie gerade gekauft hatten, eine Fotosharing-App schlug ihnen vor, sich mit einem verlorenen Bekannten zu vernetzen, den sie gerade in der U-Bahn gesehen hatten. Anna Wiener erlebt diese Gespräche so: "Ich blickte in die verwirrten Gesichter von klugen, hoffnungsvollen, gut informierten Mitgliedern der Zivilgesellschaft, die mir gegenübersaßen, und dachte bestürzt: Sie wissen es wirklich nicht."

Anna Wiener: Code kaputt. Macht und Dekadenz im Silicon Valley. Aus dem amerikanischen Englisch von Cornelia Röser. Droemer Verlag, München 2020. 320 Seiten, 18 Euro.

© SZ vom 26.09.2020
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