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Andy Warhol zum 80.:Andys Liebling

Der Künstler mit der Platinfrisur wollte neben der Kunstwelt auch den Journalismus neu erfinden. Seine Zeitschrift "Interview" wird nun wieder zu Pop.

Andrian Kreye

Begegnete man Andy Warhol zum ersten Mal persönlich, dann war seine Wirkung auf Kunst, Pop und die Stadt New York schwer nachvollziehbar.

Hatte immer ein paar Ausgaben von "Interview" dabei, um sie an die Stars zu verteilen: Andy Warhol.

(Foto: Foto: ddp)

Bis kurz vor seinem Tode war es dabei ganz einfach, ihm in New York über den Weg zu laufen. Bei Kinopremieren, Galaveranstaltungen, in Lokalen wie Mr. Chow und Raoul's, in Clubs wie Area und Nell's war er wie eine Art Gradmesser für den Höhepunkt des Abends.

"Andy ist da", wurde dann plötzlich geflüstert. Und dann sah man ihn auch schon, in steifer Haltung, das scheue Lächeln, das sein Gesicht zur Maske erstarren ließ, die weißblonde Perücke. Er war die Antithese jenes Glamours, den er doch erfunden hatte, diese flüchtige Form des Ruhms, für die er schon bald nach der Zäsur des Anschlags ein Forum fand.

Fester Bestandteil der Glamourwelt

Im August 1968 hatte ihn die radikale Feministin Valerie Solanas niedergeschossen. Erholt hat er sich nie wieder. Die verkrampfte Haltung verdankte er einem Korsett, das erstarrte Gesicht dem Schock. Und so kanalisierte er seine Sehnsucht nach Glamour in das Projekt, das ihn einmal mehr zur Schlüsselfigur im Universum der Eitelkeiten machen sollte. Gemeinsam mit dem britischen Journalisten John Wilcock gründete er die Zeitschrift Interview.

Das Prinzip war einfach. Anstatt über die Reichen, Schönen und Berühmten zu berichten, sollte Interview fester Bestandteil der Glamourwelt werden.

Auf den Seiten sollten die kulturellen Chiffren der Zeit nicht mehr analysiert, sondern gesetzt werden. Die Interviews wurden nicht von Journalisten geführt. Stars, Künstler und all die glamourösen Unbekannten, die Andys Versprechen von den 15 Minuten Ruhm in New York einlösen wollten, unterhielten sich ganz zwanglos miteinander.

Diese Gespräche wurden dann ungekürzt und unredigiert abgedruckt. Das stellte, einerseits, den Anspruch auf die Wahrheit der Massenmedien in Frage. Andererseits hatte die Redaktion von Interview den unschlagbaren Vorteil, aus dem Inneren jener Szene heraus zu produzieren, an deren strengen Türen die Journalisten immer öfter scheitern mussten.

Warhol selbst war das Projekt so wichtig, dass er immer und überall ein paar Ausgaben der Zeitschriften bei sich trug. Die verteilte er dann an die Stars und Hipster, die er für Interviews gewinnen wollte und an potentielle Werbekunden. Erst in den letzten Jahren seines Lebens zog er sich aus der Redaktion zurück und überließ es Bob Colacello, aus dem Kunstprodukt eine traditionellere Zeitschrift für Mode und Kultur zu machen.

Schluss mit der Nostalgie

Heute bleibt Interview Vorbild für Generationen von Zeitschriftenmachern, denen die inhaltlichen und gestalterischen Grenzen des traditionellen Journalismus zu eng sind. Interview selbst wird nach wie vor jeden Monat veröffentlicht. Zwei Jahre nach seinem Tod übernahm Ingrid Sischy die Zeitschrift. Unter ihrer Ägide stiegen die Anzeigeneinnahmen, doch die Aura verblasste.

Nun allerdings soll es noch einmal einen neuen Anfang geben. Glen O'Brien übernahm diesen Sommer die Chefredaktion; unter Warhol arbeitete er als Musikredakteur.

Die Sommerausgabe war denn auch dem Urvater der Szene gewidmet: Auf dem Titel sieht man Modestar Marc Jacobs - als Warhol maskiert. Viele Gedächtnistexte und -fotos stehen im Blatt; doch mit der Nostalgie ist es nun vorbei: Interview erfindet sich neu, ganz im Sinne von Pop. Dessen größte Qualität bleibt nämlich nach wie vor: die Kurzlebigkeit.

© SZ vom 06.08.2008/pak

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