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Am Set mit Helen Mirren:Zu cool für eine Königin

"Ich musste erst ins Rentenalter kommen, um bei Regisseuren so begehrt zu sein wie ein junges Mädchen": Eine Begegnung mit Helen Mirren, die am Set ihres neuen Films "Brighton Rock" mit 65 Jahren beschäftigter denn je ist - und sexy wie nie.

"Schauen Sie mal", sagt Sam Riley und wirkt selbst ein wenig verdattert, "meine Hände zittern." Tatsächlich. Wenige Minuten, bevor er wieder aus seinem Set-Wohnwagen gerufen wird, hat das Lampenfieber vollständig Besitz vom drahtigen Körper des britischen Shooting-Stars übernommen. Wer könnte es ihm verdenken? Kommt schließlich nicht jeden Tag vor, dass man eine nationale Institution wie Dame Helen Mirren bedrohen, bespucken und mit dem C-Wort beleidigen soll.

Helen Mirren

"Seit Jahrzehnten wird mir erzählt, dass Frauen in einem gewissen Alter nicht mehr auf die Leinwand gehören. Ach ja? Ich habe eher den Eindruck, dass sich Hollywood zu lange auf die Bedürfnisse von jungen Männern und ihren Penissen eingeschossen hat": Dame Helen Mirren.

(Foto: AP)

Doch nichts anderes steht an diesem trüben Novembertag auf dem Drehplan. Dicht gedrängt wartet die Crew im Wintergarten eines ehemaligen Restaurants vor den Toren Londons auf eine Schlüsselszene der Verfilmung von Graham Greenes "Brighton Rock", die am Donnerstag in die Kinos kommt. Riley, 31, ist der schuldzerfressene, selbstzerstörerische Straßengangster Pinkie, den Mirren als Wirtin des Mordes verdächtigt. Aussprechen muss sie das nicht. Während Riley in der Szene explodiert und panisch mit seinem Dolch fuchtelt, schlägt ihn Mirren allein mit anklagenden, verächtlichen Blicken in die Flucht.

Nichts leichter als das für eine theatergeschulte Oscar-Gewinnerin ("Die Queen"), die seit mehr als vierzig Jahren im Geschäft ist. Mirren macht sich auch gar nicht wichtiger als nötig, als sie erzählt, dass ihr dieser Gig nicht wirklich schwerfalle. "Das Kostüm ist die halbe Miete", tiefstapelt sie - als ob eine rote Perücke und eine zerschlissene Kellnerinnenuniform ernsthaft für ganz großes Kino reichten. Für raunende Bewunderung sind andere zuständig. Als Mirren die Location verlässt, teilt sich vor ihr die Crew wie das Meer vor Moses. Wenn es das britische Understatement nicht verböte, würde ihr Abgang wahrscheinlich mit Applaus begleitet.

Wen immer man nach Helen Mirren fragt: Stets finden die Kollegen vor Ehrfurcht anfangs gar keine Worte und lassen dann die Superlative prasseln. "Ich bin mit ihrer Arbeit aufgewachsen", sagt Sam Riley, "und sehe sie als beste britische Schauspielerin der Gegenwart." Noch höher zielte unlängst Skandalkomiker Russell Brand, der mit Mirren ab Mai im Komödien-Remake "Arthur" zu sehen ist: "Elizabeth II. macht ihre Sache sehr ordentlich, doch dass Helen eine viel coolere Königin wäre, darüber sind wir uns ja wohl alle einig." Alle, außer Helen Mirren.

"Königlich", das ist so ungefähr das letzte Adjektiv, dass einem bei einer Begegnung mit ihr einfällt. Ganz im Gegenteil legt sie Wert darauf, um Himmels willen nicht mit der Rolle ihres Lebens verwechselt zu werden. "Ich hatte mich schon daran gewöhnt, meine Karriere in Charakterrollen ausklingen zu lassen", erzählt sie schmunzelnd, "doch nach dem Oscar für ,Die Queen' war ich zumindest für Hollywood wie neu geboren. Ich ploppte regelrecht zurück ins Geschäft und habe bis heute den Verdacht, dass mich mancher für blaublütig hält, nur weil ich ein sauber akzentuiertes Englisch spreche."

Strenggenommen verfügt Mirren als Enkelin eines russischen Aristokraten tatsächlich über einen Stammbaum mit Blaustich. Doch nach entbehrungsreicher Jugend, als ihr immigrierter Vater die Familie in London als Taxifahrer ernährte, zog es sie nicht zum Establishment. Sondern zu den Provokateuren und Rebellen. Bis heute denkt sie gar nicht daran, ihr Mitwirken in "Caligula" zu bereuen, diesem berüchtigtsten aller Historienfilme, der viel lieber ein Porno gewesen wäre. Sie glänzte als Sexsymbol des denkenden Mannes in Peter Greenaways "Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber", trank das Ensemble von "Excalibur" nonchalant unter den Tisch und wagte Mitte der Achtziger den Sprung nach Amerika, wo sie ihren Mann kennenlernte, den Regisseur Taylor Hackford.

Nicht verschwiegen werden darf, dass Mirren vor "Die Queen" viele Jahre lang kaum hochwertige Kinoangebote erhielt und Eindruck eher in Krimis für die BBC hinterließ. Nun kommt es natürlich häufiger vor, dass die Branche aus der Mode geratene Könner wieder entdeckt und ihnen einen goldenen Herbst beschert - auch Sir Anthony Hopkins teilt sein Leben in die Zeit vor und nach "Das Schweigen der Lämmer". Doch Mirren nutzt ihren "Queen"-Kredit auf ihre Weise.

Lesen Sie weiter auf Seite 2, warum Helen Mirren nicht ans Aufhören denkt.

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