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"Alicia" von Alicia Keys:Versöhnliche Wut

Cover von "Alicia"

(Foto: Sony Music)

Alicia Keys liefert auf "Alicia" eine Huldigung an gleich mehrere Generationen. Aber Vintage-Soul ist das Kraftzentrum ihres neuen Albums.

Von Jan Kedves

Der Siebziger-Soul-Vibe ist wieder da. Alicia Keys beschwört ihn im Song "Jill Scott" auf ihrem neuen Album "Alicia" (Sony Music) in einem wunderbaren "La-la-la-la-la"-Refrain, so verzückt und intim, dass man es nur als Verbeugung vor Minnie Riperton hören kann. Die war in den Siebzigerjahren die Königin der spirituell-psychedelischen Soulmusik und sang in ihrem Hit "Lovin' You" (1975) auch so ein laszives, weltumspannendes "La-la-la-la-la". Hier, in "Jill Scott" bei Alicia Keys, ist sogar die echte Jill Scott als Gast mit dabei, was im ersten Moment ziemlich verwirrend ist. Würde Lady Gaga einen Song mit einem Gastauftritt von Madonna "Madonna" nennen, oder Chris Martin einen Song mit Bono "U2"?

Dann wird aber klar: Es geht Keys hier um eine tiefe, beinahe demütige Huldigung an gleich mehrere Generationen, die ihr selbst vorausgingen und die die Tradition und das Erbe des afroamerikanischen Soul geprägt haben.

Das ist nicht unwichtig zum Verständnis dieses siebten, sehr gelungenen Albums der New Yorker Sängerin und Pianistin, die vor 39 Jahren als Alicia Augello Cook in Hell's Kitchen geboren wurde. Denn ansonsten singt Keys ja auch gerne mal Songs, bei denen nicht mehr so ganz klar ist, woher sie kommen, dafür aber umso klarer, wohin sie wollen: an die Spitze der Charts.

Soul in den Charts, das kann zwar vorkommen, aber meist nur dann, wenn noch viel hochtechnologisches Sound-Drama und auch ein wenig Elton-John-Haftigkeit drangebastelt wird, und wenn ein dickes Bass-Stampfen drunterliegt, solche Dinge. "Girl On Fire" war so ein Song, und der Refrain des Jay-Z-Hits "Empire State Of Mind", den Keys 2009 sang, hatte auch diese Qualität.

Auf "Alicia" gibt es solche Momente auch, aber gar nicht so viele: "Underdog" ist eine sehr breit angelegte Mitschunkelhymne inklusive "Und jetzt alle!"-Refrain. Hier hat Superstar Ed Sheeran mitgeschrieben und mitgezupft. Oder der Refrain von "Love Looks Better": Er klingt, als hätte vor seinem Tod noch der Schwede Tim Bergling alias Avicii seine Finger mit im Spiel gehabt, sprich: als könnten in jedem Moment die fiesesten Power-Synthies loszucken und sich das Ganze im Nu zum EDM-Rave-Spektakel wandeln. Vielleicht möchte ja jemand wild mitklatschen?

Vintage-Soul aber ist das Kraftzentrum dieses Albums. Selbsterkenntnismusik. Introspektive. In-sich-Hineinhorchen. Stille. "Das Verrückte ist: Mir ist bewusst geworden, dass ich lange gar keine Ahnung hatte, wer ich überhaupt bin", sagt die 15-fache Grammy-Preisträgerin über die Lebensphase, die den Aufnahmen unmittelbar vorausging. Die Arbeit an "Alicia" sei dann "die beste Therapie gewesen, die ich jemals hatte".

Gut möglich also, dass mit dem "you" in "You Save Me" gar nicht jemand anders gemeint ist, sondern dass Keys sich selbst dankt. Sie singt den Song mit der schwedisch-persischen R&B-Aufsteigerin Snoh Aalegra, deren Stimme sich nur in Nuancen von Keys' Stimme unterscheidet, wodurch das Ganze zum leicht gespenstischen Duett wird: zwei Soulstimmen, die eigentlich zusammen eine Soulstimme sind. Mit den zwei immer gleichen Akkorden ist der Song auch eine Etüde darüber, wie man das Herz weichklopfen, stärken und zugleich ein bisschen langweilen kann.

In der Phase, in der sie sich selbst kennenlernte, hat Alicia Keys offenbar auch viel Solange gehört, die Schwester von Beyoncé Knowles. Im zweiten Song, "Time Machine", gibt es diese Passage, in der sich Keys' Stimme genauso harmonisch auftürmt und sphärisch übereinanderschichtet wie im Solange-Hit "Cranes In The Sky" aus dem Jahr 2016. Das ist sicher auch als Hommage gemeint, so wie das "La-la-la-la-la" in "Jill Scott" eben eine Hommage ist. Solange hätte sich über eine kleine urheberechtliche Erwähnung bei diesem Song bestimmt gefreut.

Zum Schluss wendet sich Keys dem aktuellen Weltgeschehen zu. Gemäß der alten Lektion des Soul und der Psychotherapie: Je besser man sich selbst versteht, desto empathischer kann man anderen gegenüber werden. "Perfect Way To Die" ist eine polierte "Black Lives Matter"-Hymne, gesungen für George Floyd, Breonna Taylor und andere Opfer des Polizei-Rassismus in den USA. Und all die mies bezahlten Menschen in systemrelevanten Berufen, die in den vergangenen Monaten vielleicht Applaus von Balkonen bekamen, die aber immer noch mies bezahlt werden: Sie bekommen mit "Good Job" ihren Song. Keys hämmert den Song zugleich wütend und versöhnlich in ihr Klavier, und das "matter" aus dem Refrain ("Don't get too down / The world needs you now / Know that you matter") wiederholt sie dreimal. Damit es auch wirklich, wirklich, wirklich ankommt: Du zählst!

© SZ vom 23.09.2020
Sängerin Alicia Keys

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