Zentrum für Kunst und Medien in Karlsruhe:Manhattans Atem

für Evelyn Vogel

Die Arbeit "My 21st Century. Breathing New York" ist in der Ausstellung "BarabásiLab. Hidden Patterns" im ZKM zu sehen.

(Foto: Albert-László Barabási, Michael Danzinger, Alice Grishchenko, Ryan Qi Wang. Screenshot: ZKM Karlsruhe/SZ)

Albert-László Barabási zeigt, was man aus Daten herauslesen kann.

Von Evelyn Vogel

Es atmet. Wie Lungenflügel bläht es sich auf und zieht sich zusammen. Tag für Tag, Nacht für Nacht, unter der Woche stärker, am Wochenende schwächer. Und doch regelmäßig, verlässlich, immer entlang der gezackten Time-Line in der Mitte der Darstellung. Zu Beginn schreibt man den 18. Februar 2020. Noch deutet nichts darauf hin, was sich am 22. März dieses Jahres ereignen soll: Der totale Kollaps dieser Lunge - einer atmenden Systemdarstellung der Mobilfunkkommunikation im Herzen New Yorks. Was bleibt? Zwei winzig dünne Fetzen, schmalen Küstenlinien ähnlicher als der dicht bebauten Insel Manhattan, deren Umrisse sie zeigen. Menschen mussten tatsächlich am eigenen Leib erleben, was es heißt, nicht mehr atmen zu können, und New York ging in den Lockdown.

Die Visualisierung von Netzwerkentwicklungen ist das Kerngebiet des ungarisch-amerikanischen Physikers und Netzwerkwissenschaftlers Albert-László Barabási. Doch mit der Video- und Fotoarbeit "My 21st Century. Breathing New York" ist ihm und seinem Forschungslabor die wohl eindrucksvollste Umsetzung eines im Laufe der Corona-Pandemie kollabierenden Systems gelungen. Eine wissenschaftlich fundierte, metaphorische Darstellung, leicht verständlich und menschlich berührend zugleich.

Auch Desinformation kann man sehen - als Sporenkapsel, die ihren Inhalt verbreitet

Seit 25 Jahren forscht Barabási zu Datenknoten und Netzwerken und stellt sie in oft surreal schönen, federleichten und farbenfrohen Strukturen und Mustern dar. Die Ausstellung "BarabásiLab. Hidden Patterns" im Zentrum für Kunst und Medien (ZKM) Karlsruhe zeigt zahlreiche Beispiele aus Natur, Gesellschaft, Sprache und Kultur, aus Biologie, Medizin, Pharmazie und Physik, die Barabásis Labor in Form von großformatigen Fotografien, Modellen, Skulpturen, Videos und interaktiven Installationen visualisiert und im ZKM installiert hat. Beeindruckend auch die 3D-animierte Arbeit zu "Fake News" von 2018. Die Darstellung wirkt wie eine tausendfach ausgreifende, filigrane Samen- oder Sporenkapsel - stets bereit, ihr epidemisch wirkendes Desinformationsmaterial auszuspeien.

Die Videoarbeit zu "My 21st Century. Breathing New York" endet mit dem 20. April. Kurzatmig, zittrig, schmalbrüstig ist der Verlauf bis dahin. Die Lungenflügel, die die Nutzungskapazität der Mobilfunkdaten visualisieren, blähen sich nicht einmal mehr halb so stark auf wie in vorpandemischen Zeiten in der Nacht. Noch hielt die Schockstarre an, in die Manhattan am 22. März 2020 gefallen war. Die Arbeit ist eine überraschend lebendige Vorstellung davon, wie sich die Abermillionen Verbindungsdaten, die unsere moderne Gesellschaft produziert, als Gesamtheit zeigen. Fast wie von selbst.

BarabásiLab. Hidden Patterns - Netzwerkdenken, ZKM Karlsruhe, bis 3. April 2022

© SZ/sus
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