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"Ai Weiwei" in der Kunstsammlung NRW:"Ich bin ein Künstler, und für mich ist jede Geste in Ordnung"

  • Die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen hat dem chinesischen Künstler Ai Weiwei eine Werkschau gewidmet.
  • Das Ergebnis ist die in jeder Hinsicht denkwürdige Zusammenstellung einiger seiner monumentalsten Arbeiten.

Ai Weiwei mag Heinrich Heine, den sarkastischen Romantiker, vor allem das Versepos "Deutschland, ein Wintermärchen", in dem der Sprecher seine subversiven Gedanken über die Grenze schmuggelt. Er möge auch die Faszination der deutschen Romantiker für Ruinen, für die Schönheit des Fragments, "das zugleich Teil der Vergangenheit und der Gegenwart ist", sagt Ai Weiwei. Eine interessante Fügung also, dass nun eine der bisher größten Werkschauen des Chinesen an diesem Samstag in Heines Heimatstadt Düsseldorf eröffnet.

Initiiert und mitkuratiert von Susanne Gaensheimer, Leiterin der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, ist die schlicht "Ai Weiwei" titulierte Werkschau das Ergebnis einer Planung, die 2013 mit der Zusammenarbeit zwischen Gaensheimer und dem Künstler bei der Kunstbiennale Venedig begann. Auf seine politischen Arbeiten habe man sich konzentrieren wollen, sagt Gaensheimer, womit sie streng genommen sein gesamtes Œuvre hätte einbeziehen müssen, denn für Ai Weiwei gibt es bekanntlich keinen Unterschied zwischen Kunst und politischem Aktivismus. Das Ergebnis ist die in jeder Hinsicht denkwürdige Zusammenstellung einiger seiner monumentalsten Arbeiten, die in beiden Ausstellungsstätten der Sammlung, dem K20 und dem K21, präsentiert werden.

Venedig

Was Sie auf der Biennale nicht verpassen sollten

Zum zweiten Mal überhaupt in seiner Gänze ist im K20 beispielsweise "Straight" zu sehen, ein Werk, dessen Schlichtheit und Monumentalität einen eigenen, sehr großen Raum verlangen. Als 2008 in der Provinz Sichuan ein Erdbeben schreckliche Schäden anrichtete, die unter anderem auf die minderwertige Bauweise öffentlicher Gebäuden zurückzuführen waren, kollabierten 20 Schulen. Rund 5000 Schulkinder verschwanden einfach. Ai ließ über Mittelsmänner die verbogenen Bewehrungsstäbe, die aus dem Schutt geborgen wurden - insgesamt 164 Tonnen Stahl -, aufkaufen und sie wieder begradigen. Die Wände bedecken die Namen der Schüler, die während des Erdbebens ums Leben kamen. Gewöhnlich in einer gewellten, geschichtete Landschaft ausgebreitet, die im Querschnitt betrachtet wie eine seismografische Kurve anmutet, sind die Stäbe in Düsseldorf in jenen Kisten zu sehen, in denen sie von Ausstellung zu Ausstellung transportiert werden. Damit bekommt die Arbeit eine ortlose Qualität, die man ebenso als Kommentar auf den globalisierten Kunstbetrieb wie auf den kriminellen chinesischen Baupfusch lesen kann.

Sein Studio in Peking haben sie abgerissen, das in Shanghai auch, seine Anwälte sind im Gefängnis

Ai Weiwei betrachtet sich selbst nach eigener Aussage als heimatlos. Doch seit vier Jahren arbeitet der 61-jährige nun schon von Berlin aus. Sein Studio in Peking, das er aus dem Exil leitete, ereilte im vergangenen August dasselbe Schicksal wie das in Shanghai 2010: Es wurde abgerissen. Seine beiden Anwälte sind im Gefängnis. Dasselbe befürchtet er auch für sich selbst, sollte er je nach China zurückkehren. Der Weg nach Düsseldorf war also nicht weit, und Ai Weiwei, der, bevor er sich äußert, erst mal ungefragt ein Doppelselfie knipst, wirkt ehrlich erfreut von der fertigen Schau: Es sei wie eine einzige, große Installation mit vielen Teilen, die "nirgends sonst funktioniert hätte", findet er.

Zu Deutschland, das ihm nicht nur einen sicheren Hafen, sondern auch eine Gastprofessur bot, hat Ai Weiwei eine differenzierte Meinung: Er sei hier frei. Deutschland habe eine "innere Kraft", die dem Land geholfen habe, sich der Flüchtlinge anzunehmen. Es sei "ein Land der Philosophie und Literatur", aber auch ein Ort der Auseinandersetzung, sagt er. Hier sei nichts einfach, die Menschen könnten nichts leichtnehmen, das sei "die deutsche Geisteshaltung". Deshalb habe er schon als Junge Karl Marx geliebt: "Ich verstand diese großen Wörter nicht, aber ich fand sie toll, gerade, weil sie nichts Alltägliches oder Unterhaltsames an sich hatten."

Aber im Alltag mache das alles schwieriger, weil es weniger Humor und Flexibilität gebe. "Die Leute hier wollen vor allem recht haben", findet Ai Weiwei. In dieser Hinsicht sei Deutschland wie China: "Es geht um die Reinheit der Haltung, nur mit dem Unterschied, dass das in China vom Staat vorgeschrieben ist und die Deutschen es sich selbst auferlegen." Seine im Vergleich zu früher weit weniger häufige Kritik an China begründet er mit seiner langen Abwesenheit: "Man muss in echter Gefahr sein, sich den Konsequenzen seiner Meinung stellen zu müssen, um legitim kritisieren zu können. Von hier aus ist es zu einfach. Viele sind deshalb sehr enttäuscht. Sollen sie enttäuscht sein."