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Briefwechsel von Krenek und Adorno:Atonale Freundschaft

Briefpartner: links der Komponist Ernst Krenek, geboren 1900 in Wien, gestorben 1991 in Palm Springs. Rechts Theodor W. Adorno, 1903 in Frankfurt am Main geboren und 1969 in Visp in der Schweiz gestorben.

(Foto: Votava/ullstein/Imagno/Getty Images/Ullstein via Getty)

Für die Entwicklung der Musik im 20. Jahrhundert waren die Werke von Ernst Krenek und Theodor W. Adorno entscheidend. Einig waren sie sich dabei nicht immer, wie ihre hervorragend neu edierten Briefe zeigen.

Von Jens Malte Fischer

Noch als alter Mann erinnerte sich der österreichische Komponist Ernst Krenek, einer der Großen der Musik des 20. Jahrhunderts, an die erste Begegnung mit Theodor W. Adorno. In Frankfurt wurde 1924 die Uraufführung von Kreneks Oper "Der Sprung über den Schatten" vorbereitet. Ein etwas überartikulierter Jüngling, wie er sich ausdrückte, versuchte, die Aufmerksamkeit des drei Jahre älteren Komponisten (Adorno war damals 20 Jahre alt) auf sich zu lenken. Schon damals gab es also einen Moment des Vorbehalts bei Krenek, der dennoch sofort gefesselt war vom Scharfsinn und der Formulierungsoriginalität des jungen Mannes.

Adorno war gerade dabei, an der Universität seiner Heimatstadt in Philosophie mit einer Arbeit über Edmund Husserl zu promovieren. Quasi nebenbei hatte er am Konservatorium Komposition studiert. Der ehrgeizige, intellektuell überragend und frühreif talentierte Adorno wollte Krenek dringend kennenlernen, der auf seine Art ebenfalls ein Phänomen der Frühreife war.

Im Gegensatz zu Adorno hatte er als Komponist schon erhebliche erste Erfolge zu verzeichnen, zu denen vor allem die Uraufführung der Zweiten Symphonie 1923 in Kassel zählte, ein einstündiges Orchesterwerk mit den Dimensionen einer Mahler-Symphonie. Adorno war auch in Kassel dabei gewesen, war von diesem Werk enorm beeindruckt und blieb es sein Leben lang. Seinerseits hatte er bereits seine Freundschaften mit Siegfried Kracauer, Max Horkheimer und Walter Benjamin initiiert.

Adorno sah früh die Schwierigkeiten von Kreneks Karriere voraus

Fast gleichzeitig mit Krenek lernte er ebenfalls in Frankfurt Alban Berg kennen; auch der war zu einer Uraufführung eines Orchesterstückes nach Frankfurt gekommen. Schnell entschloss sich Adorno, Berg zu fragen, ob er nach Wien kommen und bei ihm Komposition studieren dürfe, was dann auch 1925 für ein halbes Jahr in die Tat umgesetzt wurde. In Wien lernte Adorno dann natürlich auch Arnold Schönberg und dessen weiteren Kreis kennen.

Dem Kontext Berg und Schönberg blieb Adorno sein Leben lang verhaftet. Die Beziehung zu Krenek zeichnet ein anderer Akzent aus. Der Briefwechsel zwischen diesen beiden Musik-Menschen ist schon einmal veröffentlicht worden, 1974 von Wolfgang Rogge. Was jetzt, herausgegeben von Claudia Maurer Zenck, neu erscheint, ist keineswegs eine nur leicht überarbeitete Neuauflage. Sondern eine neue Edition, die, bei allen Verdiensten der alten, die Beziehung zwischen Krenek und Adorno in ein noch klareres Licht rückt. Einige wichtige Briefe sind seither entdeckt worden, die Beschäftigung mit dem einen wie dem anderen ist inzwischen auf einem deutlich höheren Niveau angelangt. Der Umfang der neuen Edition ist fast doppelt so groß wie der der früheren.

Es ist eine spannungsvolle Beziehung zwischen diesen beiden Männern. Adorno war von Krenek fasziniert, weil er ihn als eine Erscheinung ansah, die auf merkwürdige Weise aus den Kategorien des Musikbetriebes herausfiel. Das ließ ihn sehr früh die Schwierigkeiten der Komponistenkarriere Kreneks voraussehen. Es reizte ihn gerade, dass er es nicht vermochte, ihn auf eine Formel zu bringen, dass er für ihn rätselhaft blieb. Krenek war von Adorno fasziniert, weil er als Musikschriftsteller und Musikphilosoph früh das meiste überragte, was zu der Zeit über Musik zu Papier gebracht wurde.

Die Freunde treffen sich in Amerika im Exil wieder

Eine Zeit lang gingen die beiden jungen Männer in ihrer Beurteilung der zeitgenössischen Musik fast konform, zumindest so lange, wie Krenek sich kompositorisch im Bereich der sogenannten freien Atonalität bewegte, repräsentiert etwa in der Oper "Wozzeck" des gemeinsam bewunderten Alban Berg. Adorno blieb bis zuletzt diesem Idiom, dieser Welt treu, während der geradezu unheimlich wandlungsfähige Krenek, wie es in einem Lexikon formuliert worden ist, sich tonaler, freitonaler, dodekaphoner, serieller und aleatorischer Techniken bediente. Trotz seiner Bewunderung für Schönberg hielt Adorno die sogenannte Zwölftontechnik in ihrer rigiden Form für nicht den richtigen Weg, weil sie einer von allen Zwängen befreiten und dennoch nicht auf Form verzichtenden Musik - seinem Ideal - zu viele Regeln in den Weg stellte. Er hat dies dann später in seiner "Philosophie der neuen Musik" wirkungsvoll formuliert.

Der Briefwechsel bildet, obwohl er einige Lücken und Pausen aufweist, das frühe Zusammenkommen und spätere Auseinanderstreben der befreundeten Männer präzise ab. Immer wieder schreibt Adorno sehr lange, für seine Musikanschauung fundamentale Briefe an Krenek, um etwa seine Bedenken gegen die Zwölftontechnik des großen Opernprojekts "Karl V.", komponiert in den frühen Dreißigerjahren, zu formulieren. Es ist merkwürdig zu beobachten, dass Krenek, ein Mann von überragender musikalischer und auch literarischer Bildung, auf die ausführlichen und präzise vorgebrachten Problematisierungen Adornos eigentlich nie adäquat antwortet, zumindest nicht in den überlieferten Briefen. Auch politisch gibt es Unterschiede, nicht nur in Nuancen. So warnt Adorno Krenek davor, allzu große Hoffnung in den sogenannten christlichen Ständestaat von Dollfuß und Schuschnigg zu setzen.

Im amerikanischen Exil treffen sie sich wieder. Danach trennen sich ihre Wege: Adorno kehrt nach Frankfurt zurück, Krenek bleibt, trotz vieler Kontakte nach Europa, in den USA. Die Differenzen werden größer. Krenek mag die "Philosophie der neuen Musik" nicht wirklich, findet die Kritik an der Zwölftontechnik zu rigide und sieht zu viel Weltuntergangsperspektive in dem Buch, ja konstatiert sogar eine Nähe zu Oswald Spengler. Das konnte Adorno nun wirklich nicht gefallen.

Und dann gibt es da noch einen offenen Brief Kreneks für die Festschrift zu Adornos 60. Geburtstag, die dem zu Ehrenden wiederum auf den Magen schlagen musste. Krenek wusste doch, dass eine der großen Lebenswunden von Adorno seine Unproduktivität als Komponist war. Für die hatte Ernst Krenek wenig Verständnis, der Mann der über 240 Opusnummern, bei Adorno waren es eben gerade mal acht. Dass in einem Festschriftbeitrag darauf Bezug genommen wurde, das goutierte der Geehrte nicht sehr, spielte dem Gratulanten gegenüber jedoch gute Miene vor.

Worum beneideten sich der Komponist und der Philosoph?

Aber gerade das macht den Reiz dieses Briefwechsels aus. Hier korrespondieren nicht zwei, die Arm in Arm das Jahrhundert in die Schranken fordern, sondern die immer wieder divergierende Standpunkte einnahmen - bei einem grundsätzlichen Konsens über die gesellschaftliche Rolle der Musik, die bei Krenek schwächer, bei Adorno stärker betont wurde.

Adorno hat mal schön formuliert, dass Arnold Schönberg Alban Bergs Erfolge beneidete, während Berg Schönbergs Misserfolge beneidete. Adorno beneidete Kreneks enorme schöpferische Produktivität. Aber was beneidete Krenek, der selbst ein fruchtbarer Schriftsteller war, nicht zuletzt mit einer tausendseitigen fesselnden Autobiografie, bei Adorno? Als Philosoph, Gesellschaftskritiker und Musikdenker war dieser ihm deutlich überlegen, aber in diesen Feldern hatte Krenek keinen ausgeprägten Ehrgeiz.

Es gibt auch noch andere Unterschiede. Man vergleiche nur die Reaktion auf den Tod des von beiden geliebten Alban Berg. Adorno findet Worte der Empathie und der tiefen Erschütterung. Krenek bleibt nüchtern. Genauso nüchtern blieb er, als er 1969 von Gretel Adorno vom Tod ihres Mannes erfuhr. Der Brief an die Witwe ist zusammen mit einer ganzen Fülle von zusätzlichen Dokumenten hier abgedruckt. Claudia Maurer Zenck hat einen Briefwechsel (mit vielen hilfreichen Anmerkungen) umfassend und vorbildlich neu ediert, der für die Physiognomie der beiden Briefschreiber wie auch für die Entwicklung bedeutender Musik im 20. Jahrhundert eine so farbige wie perspektivenreiche Quellensammlung darstellt.

Theodor W. Adorno, Ernst Krenek: Briefwechsel 1929-1964. Herausgegeben von Claudia Maurer Zenck. Suhrkamp, Berlin 2020. 483 Seiten, 44 Euro.

© SZ/masc
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