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Politisches Erzählen:Als sich das Justemilieu schämte

Anti-Corona-Demonstration

Pandemiepanorama mit polarisierter Gesellschaft: Am 18.November 2020 wird in Berlin gegen aktuelle Corona-Maßnahmen protestiert.

(Foto: Regina Schmeken)

Was man sieht, wenn man die Gegenwart wie ein monumentales Historiengemälde abschreitet: Kathrin Rögglas preisgekrönter Essay "Bauernkriegspanorama".

Von Hanna Engelmeier

Manche Kunstwerke sind so groß geraten, dass sie mit einem eigenen Ausstellungsort ausgeliefert werden müssen. Das im Stil des magischen Realismus gehaltene, an Vorbildern wie Cranach oder Dürer orientierte Monumentalgemälde "Frühbürgerliche Revolution" gehört dazu. In der Nähe von Bad Frankenhausen in Thüringen steht eine große Rotunde aus Beton, genannt "Bauernkriegspanorama", in der man diese Arbeit des Malers Werner Tübke besichtigen kann. Es entstand ab 1975 in Erinnerung an Thomas Müntzer und die von ihm agitierten thüringischen Bauern. Diese Darstellung der Aufstände der Reformationszeit war eine Auftragsarbeit des Kulturministeriums der DDR, das nicht lange nach der Fertigstellung des Gemäldes 1987 seiner Auflösung entgegenging. Monumentalkunst mit historischen Motiven ist selten für den Privatgebrauch geschaffen, sondern dient dazu, ästhetisch ein Verhältnis zwischen Betrachtenden, Künstler und der auftraggebenden Instanz zu vermitteln: Am kleinsten ist dabei in der Regel die Betrachterin.

Kathrin Rögglas "Bauernkriegspanorama" greift die Auseinandersetzung um solche Größenverhältnisse auf und ironisiert sie derart, dass am Ende vor allem die Frage bleibt, warum noch mal monumentale Ereignisse in monumentalen Kunstwerken behandelt werden müssen. Ihr Text, den Essay oder auch Erzählung zu nennen sicher nicht verkehrt, aber auch nicht wirklich zufriedenstellend wäre, begnügt sich mit 25 Seiten. Darin schreitet sie ein Panorama ab, das ähnlich wie das von Tübke das politische Personal einer Epoche zeigt. Diese Epoche ist aber die Gegenwart, weshalb die Opfer der NSU-Morde ebenso vorkommen wie eine Oma gegen rechts, Wutbürger, Christdemokraten und Grüne, Konsumenten, Frauen, alte Männer, Privatiers, der Klerus und so weiter.

All diese Figuren begegnen Röggla als typische Vertreterinnen und Vertreter ihrer jeweiligen Gruppe, und nicht zuletzt trifft die Erzählerin ihr eigenes Milieu an: "Es ist der wiederkehrende Alptraum, der mir sagt, dass ich keinen Ort mehr habe in meiner gewohnten Welt, dass auch ich rausrutschen könnte aus den gemeinsamen Kiezversammlungen gegen Rassismus und den Straßenkonzerten des Karnevals der Kulturen, den Prinzessinnengärten und dem Weltacker, von dem mir eine ,Oma gegen rechts' erzählte, flüsternd neben der Bühne einer proeuropäischen Demonstration, wo Erstunterzeichner den großen Max machen."

Röggla nimmt sich die Gegenwart anhand der Polaritäten vor, die in politischen Auseinandersetzungen des sogenannten juste milieu mit all denen auftreten, die seinen progressiven Kurs nicht mitgehen wollen. Vielleicht kein Wunder, wenn Begegnungen mit allen, die nicht dazugehören, derart vorformatiert sind: "Das Fremdschämen ist die äußerste Annäherung an den anderen." Es wäre auch in Ordnung gewesen, allein für diesen Satz den Wortmeldungen-Preis der Crespo-Foundation an Röggla zu verleihen, das Preisgeld von 35 000 Euro soll immerhin insbesondere die kurze Form in der deutschen Literatur fördern, wie dem Vorwort des Buches zu entnehmen ist. So weit ist es leider noch nicht, aber es ist dennoch äußerst erfreulich, dass sich die Jury dazu entschlossen hat, einen derart voraussetzungsreichen Text zu prämieren.

Röggla geht auch die dominante Position des erzählenden Ichs an

Es ist berückend: Röggla geht immer weiter am Panorama entlang und schlägt dabei den atemlosen Ton einer Sprecherin an, die sich gerade heftig bewegt und zugleich bewegt wird von der historischen Tragweite dessen, was sie sieht. Dabei beschreibt sie doch ihre eigene Vision, in der sich Gegenwart zu einem archaisch anmutenden Schlachtfeld verdichtet. Kunstwerke denen möglichst genau zu beschreiben, die sie selbst nicht anschauen können, wird seit der Antike Ekphrasis genannt. Es scheint sich erübrigt zu haben, seit es eher selten geworden ist, dass Kunstwerke nicht auch ein Zweitleben als Fotografie führen. Dabei könnte die Ekphrasis aber genau ein Erzählverfahren sein, das Bilder nicht allein als Abbild einer wie auch immer gearteten Realität, sondern vielmehr als Darstellungen einer subjektiven Analyse einer politischen Autorin sichtbar macht. Das zeigt Kathrin Röggla mit ihrem "Bauernkriegspanorama".

Es wäre genug, mit unauffälliger Eleganz ein so anspruchsvolles formales Programm zu entwickeln. Röggla arbeitet in diesem Text aber auch daran, die derzeit dominante Position des erzählenden Ichs anzugehen, um herauszufinden, was von ihr aus überhaupt beobachtbar wird, und was ihr verborgen bleibt: "Ja, einmal dachte ich, ich wäre beteiligt an diesem Bild, man hat mich persönlich beauftragt, das war ein lächerlicher Irrtum, aber ich sagte mir, es bräuchte wahrlich ein neues Bauernkriegspanorama, jede Nacht zählte ich schon die Teile, die ich tagsüber gesammelt hatte, ob sie noch alle vorhanden sind, und immer kamen mir welche abhanden, es war ein Abzählreim, der nie ein Ende fand, die Zahlenreihe ging nie auf. Immer würden es mehr Teile sein, als Platz ist, immer wird etwas überstehen, immer kam etwas hinzu, das eben noch nicht da war, oder es war bereits verschwunden, obwohl davon ausgegangen werden konnte, es würde bleiben, von den Abgehängten über die Wendeverlierer zu den Wessis in Weimar."

Liest man Absätze wie diesen in dem Tempo, das die vielen, treibenden Nebensätze vorgeben, mögen die Oppositionen, mit denen Röggla arbeitet, etwas holzschnittartig wirken. Sie sind immer wieder um einen zentralen Gegensatz organisiert: Hier die Bobo-Schichten in urbanen Zentren und da die gerade eben erst Mistgabel und Fackel entwachsenen Leute in zersiedelten Landstrichen. Dieser auffällige Schematismus ist nicht falsch beobachtet, sondern betont Rögglas Anliegen. Differenziert geschildert wird weniger der Beobachtungsgegenstand ihres Textes, als die Beobachtung selbst, in all ihren Schwächen und ihrem Unwissen.

Kathrin Röggla

Die österreichische Dramatikerin, Essayistin, Erzählerin Kathrin Röggla, Jahrgang 1971.

(Foto: Jessica Schaefer)

Die Crespo-Foundation scheint auf die Entscheidung, genau diesen Text prämieren zu wollen, einerseits stolz gewesen zu sein, andererseits liefert sie ihn nun mit so vielen Beistücken im Verbrecher-Verlag aus, dass unklar ist, ob sie dem Publikum zutraut, die Brillanz ihrer Auswahl zu erkennen. Vorwort und Laudatio geben sich Mühe, keine Unklarheiten mehr darüber zuzulassen, dass es hier um Relevanz und Aktualität geht - die Förderung literarischen Anspruchs unterliegt offenbar erhöhtem Druck, Verwendungszwecke von Poesie anzugeben. Diese Art von Rahmung ist im Literaturpreis-Geschäft üblich, erfreulich wäre es dennoch, gerade in solchen Zusammenhängen noch einmal genauer über das Verhältnis von Didaktik und Ästhetik nachzudenken.

Röggla hat das längst getan. Das Panorama der Gegenwart, das sie zeigt, ist voller Unruhe - und wie sollte es das auch nicht sein? Aber ruhige Zeiten erkennt man wohl immer erst im Nachhinein. Nicht ausgeschlossen, dass das Jahr 2020 irgendwann als vergleichsweise gemütlich betrachtet wird. Dennoch trifft Röggla einen gewichtigen Punkt in ihrem Text, der auch als balladeskes Prosagedicht nicht falsch abgelegt wäre: Das Tübkesche Panorama wie auch seine Vorläufer im Genre besitzen die Kraft, begrenzte Einsicht vorzuführen. Es ist niemals möglich, das Kunstwerk ganz zu sehen. Unabhängig davon, welchen Standpunkt man ihm gegenüber bezieht, ist immer nur ein Ausschnitt zu sehen, das Auge kann nie die Geschichte im Ganzen erfassen. Das gilt auch für das Erleben von Gegenwart als historischem Prozess. In manchen anderen Jahren wird das vielleicht weniger spürbar. Dass sich in diesem Jahr nicht wenige Menschen ihrer Einschränkungen bewusst wurden, bleibt zumindest in Kathrin Rögglas "Bauernkriegspanorama" dokumentiert.

Kathrin Röggla: Bauernkriegspanorama. Verbrecher, Berlin 2020. 62 Seiten, 12 Euro.

© SZ/masc
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