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Rezension von Blake Gopniks Biografie "Warhol - Ein Leben als Kunst":Zerknitterter Schmetterling

Andy Warhol Artist 01 April 1965 PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONLY Copyright: MaryxEvansxAFxArchive 12045534 editorial use

"War seine Kunst Hochstaplerei oder war die Hochstaplerei seine Kunst?" Andy Warhol im April 1965.

(Foto: imago images/Mary Evans)

War seine Kunst Hochstaplerei oder war die Hochstaplerei seine Kunst? Blake Gopniks erfreulich klischeefreie Biografie des Pop-Art-Künstlers Andy Warhol.

Von Juliane Liebert

Andy Warhol war ein großer Fan von Greta Garbo. Zu Beginn seiner Karriere, als er noch keine Pop Art machte, sondern meistens Schuhe und Schmetterlinge produzierte, bekam er die Chance, sie zu treffen. Ein Freund nahm ihn mit, und er schenkte Garbo bei einem Picknick einen seiner Schmetterlinge. Die Schauspielerin zerknitterte ihn und warf ihn gedankenverloren weg, aber Warhol hob ihn wieder auf und nannte das Werk "Crumpled butterfly by Greta Garbo" - Zerknitterter Schmetterling von Greta Garbo.

Dass Warhols Versuche "ernsthafter Kunst" lange Zeit erfolglos blieben, verspottet und ignoriert wurden, wird angesichts seiner Omnipräsenz in jeder Art von Kunstdiskurs der vergangenen 40 Jahre oft vergessen. Blake Gopniks Biografie "Warhol - Ein Leben als Kunst" beleuchtet jetzt sein Leben auf nicht weniger als 1225 Seiten. Es ist leicht und brillant geschrieben, mühelos fordernd - und was ist in Zeiten wie diesen angenehmer, als sich in einem aufregenden Leben von jemand anderem zu vertiefen? Was ist überhaupt erfreulicher, als vom langjährigen Scheitern jener zu lesen, die es in den Augen der Welt "geschafft" haben? Und dabei ganz neue Aspekte zu entdecken?

Warhol wuchs in Pittsburgh auf - wo die Polizei 1948 eine sogenannte "Morals Squad" einführte. Die gab es nur, um Homosexuelle zu drangsalieren. In den ersten zwei Wochen nach ihrer Einführung erschoss sie zwei schwule Männer. Die Polizisten verstanden schnell, dass sie eine Geldmaschine in der Hand hatten. Viele derer, die sie als "homosexuell" festnahmen, zahlten lieber, als sich den Konsequenzen auszusetzen. Das führte dazu, dass auch Familienväter bestimmte Orte in der Stadt nicht betreten konnten, ohne "ihre Reputation, ihr Zuhause und ihre Familien zu gefährden", wie die Pittsburgh Press 1951 schrieb - ganz zu schweigen von jenen, denen die Drangsalierung eigentlich galt.

Blake Gopnik: Warhol - Ein Leben als Kunst. Die Biografie. C. Bertelsmann, München 2020. 1225 Seiten, 48 Euro.

Aus dieser Stadt floh Warhol als junger Mann nach New York - den Rest kennt man. Denkt man. "A Life As Art" beweist einem das Gegenteil.

Es ist mit großem Hintergrundwissen und Rechercheaufwand geschrieben, aber gibt nicht damit an. Stattdessen setzt sich Gopnik ernsthaft und mit einem zutiefst interessiertem Blick mit der Welt Warhols auseinander. Er schildert genau und weitgehend unvoreingenommen und zerlegt so Warhol-Klischee um Warhol-Klischee. Andy Warhol ist in diesem Buch nicht die Wachsfigur Andy Warhol, sondern einfach ein eigenwilliger Mensch und Künstler, der in einer gewaltigen Kraftanstrengung einen Abdruck in der Welt hinterlassen hat.

Nebenbei hat das Buch auch noch Witz, weil Warhol Witz hatte. "War seine Kunst Hochstaplerei oder war die Hochstaplerei seine Kunst? War er selbst ein Witz oder ein Genie, ein Radikaler oder ein sozialer Aufsteiger?" fragt Gopnik, und verrät, wie Warhol selbst wohl auf all diese Fragen geantwortet hätte: "Ja."

© SZ/crab
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