Actionfilm "Hardcore" Experiment Ich-Perspektive

Zu allem bereit: Regisseur Ilya Naishuller und Schauspieler Sharlto Copley als Jimmy.

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Einen Film komplett so erleben, als wäre man selbst der Protagonist: Was man aus Videospielen kennt, verspricht der russische Regisseur Ilya Naishuller für "Hardcore". Aber kann ein Actionfilm aus der Ich-Perspektive funktionieren?

Von Daniel Lehmann

Mit einer Schrotflinte bewaffnet und unterstützt von einem Begleiter, führt der Kampf durch ein enges Treppenhaus. Aus allen Richtungen schießen Gegner, sie werden nach und nach niedergestreckt. Schon greifen weitere Soldaten an. Ein Stützpfeiler bietet Schutz, bis der Gefährte Deckung gibt und schließlich die Flucht über ein Fenster nach draußen gelingt.

Was wie eine typische Videospielsituation aus Ego-Shootern wie "Counter Strike" oder "Call of Duty" klingt, ist eine Szene des Films "Hardcore". Allein in den drei Minuten des Teaser-Clips werden mehr als zwanzig Menschen getötet oder zumindest schwer verletzt - der Filmtitel kommt nicht von ungefähr.

Die Figur, deren Blickwinkel die Zuschauer einnehmen, heißt Henry. Ohne Erinnerungen, wird Henry von seiner Frau vor dem Tod gerettet. Dabei wird ihm allerdings eröffnet, nun ein Cyborg zu sein - eine Mischung aus Mensch und Maschine. Kurz darauf wird sie auch noch von einem psychopatischen Bösewicht mit telekinetischen Fähigkeiten entführt.

In einem dystopischen Moskau muss sich Henry nun gegen dessen Armee zur Wehr setzen, seine Frau wiederfinden und obendrein noch mit seiner zur Neige gehenden Stromversorgung als halber Roboter herumschlagen. Unterstützung erfährt er einzig vom geheimnisvollen Briten Jimmy, gespielt von Sharlto Copley ("Elysium", "District 9"). Und der Zuschauer erlebt in der Ich-Perspektive, wie Soldaten mit einem gezielten Granatenwurf oder in einem an Martial Arts erinnernden Nahkampf ausgeschaltet werden.

Erster Film in Ego-Perspektive ist von 1947

Dem russischen Regisseur Ilya Naishuller zufolge soll "Hardcore" der weltweit erste Actionfilm sein, der komplett aus der Perspektive einer Figur gezeigt wird. Im Englischen bezeichnet man diese Kameraeinstellung als Point-of-View-Shot (POV) oder First-Person-View (FPV), hierzulande ist der Begriff subjektive Kamera geläufig. Die Handlung wird durch die Augen eines Protagonisten erzählt und durch seine Sinneswahrnehmungen beeinflusst beziehungsweise sogar eingeschränkt. Doch kann ein Film in der Ego-Perspektive überhaupt funktionieren?

"Hardcore" ist nicht der erste Film dieser Machart. Schon 1947 setzte Robert Montgomery in "Die Dame im See" durchweg auf POV. Aber die Kriminalgeschichte kam weder beim Publikum noch bei den Kritikern an. Schlimmer noch: "Unsere Studenten müssen sich 'Die Dame im See' im ersten Semester als Beweis dafür ansehen, dass die Ich-Perspektive im Kino einfach nicht funktioniert", sagt Vinzenz Hediger.