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Achte Station in Benamera, Mauretanien:Haus mit drei Wänden

In der zweiten Nacht leistete er sich keine Unterkunft, denn sein Bargeld würde wohl nicht reichen, um bei der gleichen Familie eine ganze Woche zu wohnen und ein so reichhaltiges Abendessen zu bekommen. Ein Mann mit bronzefarbener Haut und einem weißen, elegant geknoteten Tuch um den Kopf machte ein Feuer aus ein paar dürren Zweigen mit langen Dornen. Er setzte sich zu ihm, nickte zum Gruß und schlief bald zum Tuckern des einzigen Generators im Ort ein. Als er erwachte, war es bitter kalt, der Mann war verschwunden, und das kleine Feuer heruntergebrannt.

Eine Woche später sprang auch der Generator nicht mehr an. Drei Tage zuvor war der letzte kilometerlange Zug nachts durch das Dorf gerattert. Beim ersten hatte er dem Zugführer wild fuchtelnd zugewinkt; beim zweiten hatte er vergeblich versucht, aufzuspringen, und beim dritten war er einfach auf den Geleisen stehengeblieben. Als er aber keinerlei Zeichen einer Bremsung, sondern nur ein wildes, schrilles Hupen bemerkt hatte, war er im letzten Moment zur Seite gesprungen. Für den nächsten hatte er geübt, schon zu laufen zu beginnen, wenn er den Zug am nächtlichen Horizont ahnte, um sich dann in voller Geschwindigkeit an einer der Leitern, die auf die Erzwaggons führten, hochzuziehen. Aber da war eben kein Zug mehr gekommen.

Sein Geld war verbraucht, und der alte Mann, der ihm bisher erlaubt hatte, gegen ein paar kleinere Ouguiya-Scheine Zweige seines Baumes zu verbrennen, schüttelte nur den Kopf, als er fragte, ob er Holz auf Pump haben könne. Niemand sprach mehr mit ihm. Selbst den Kindern war er langweilig geworden, denn die Batterie seines Fotoapparates war leer, und die Bilder, die er von ihnen gemacht hatte, waren alle hundertmal angeschaut worden. Vom Bahnhofswärter bekam er für die Kamera, die keinen Mucks mehr machte, noch eine Dose Sardinen. Dieser Mann hatte also noch Hoffnung, von hier wegzukommen. Tröstlich.

Kraftwerk: "Autobahn"

Er wagte es nicht, mit den Resten seiner Dattelpampe in die nächste Stadt, die fünfzig Kilometer entfernt war, aufzubrechen. Die Funkgeräte im Bahnhof waren inzwischen auch verstummt, und das letzte Lied, das er auf seinem iPod gehört hatte, war "Autobahn" von Kraftwerk. Irgendwann fuhr eine endlose Karawane Militärfahrzeuge am Horizont entlang. Alle taten so, als sähen sie das nicht, aber am nächsten Tag bekam er im Tausch für seine Jeansjacke, eine Sonnenbrille und einen Leatherman ein Haus aus Lehm zugewiesen. Es hatte nur drei Wände.

Nach drei Monaten sprach er den hiesigen arabischen Dialekt in groben Zügen und wurde mit einer Witwe seines Alters verheiratet, worüber die anderen Männer im Dorf hinter seinem Rücken lachten. Er war recht zufrieden und hütete die Kamele seines neuen Schwiegervaters. Dass ein nagelneuer Toyota Landcruiser am 13. Januar um Mitternacht im Dorf ankam, verschlief er. Als er am nächsten Morgen aus seinem Haus trat, dessen vierte Wand er inzwischen wieder errichtet hatte, sah er ihn gerade in weiter Ferne wieder davonfahren. Niemand hatte ihn geweckt.

Sein Haus hatte keine Fenster, und so ging er frustriert daran, mit einem Stück Holz eines in den Lehm zu brechen. Seine Frau weinte leise vor sich hin, als er das tat. Als er fertig war, verbrannte er das Holz vor seinem Haus und schaute den Mond an. Ein Schulfreund hatte ihm in der vierten Klasse Volksschule einmal einreden wollen, dass es Ratten gab auf dem Mond. Damals hatte er ihm nicht geglaubt. Jetzt war er nahe daran, seine Meinung zu revidieren. Er betete auch schon fünf Mal am Tag. Das gab seinem Leben einen Rhythmus.

Seine Frau steckte ein Polster in die neue Öffnung in der Wand. Es war Winter, und sie wollte nicht, dass es kalt wurde im Haus.

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