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50 Jahre Miles Davis: "Kind of Blue":Der Gott der leisen Töne

Die erste Platte des Post-Jazz: Vor 50 Jahren erschien Miles Davis' "Kind of Blue", die meistverkaufte und meistimitierte Jazzplatte aller Zeiten.

1958 stieß ein neuer Musiker zur Band von Miles Davis. Bill Evans war Ende zwanzig, brav gescheitelt, der einzige Weiße unter Schwarzen, ein wahrer Milchbubi. Was er für Miles Davis bedeutete, konnte alle Welt bald hören. Am 17. August 1959 erschien das Album "Kind of Blue", die vielleicht meistgeliebte, meistverkaufte und auf jeden Fall meistimitierte Jazzplatte aller Zeiten. Bill Evans' Anteil war entscheidend. Gemeinsam mit Miles Davis hatte er nächtelang Chatschaturjan und Rachmaninoff gehört, hatte Miles mit Ravels "Konzert für die linke Hand" bekannt gemacht, mit ihm über Klangfarben und Skalentheorie diskutiert, und ob er nicht auch die Entwürfe für zwei der fünf Stücke von "Kind of Blue" geliefert hat, darüber wird immer noch gestritten.

Miles Davis' Trompetenspiel hatte diese coole, betörend-zurückhaltende Note, einen lyrischen Minimalismus, der auf "Kind of Blue" vollends zum Tragen kommen sollte.

(Foto: Foto: Getty Images)

Offiziell allerdings gilt Miles Davis als der Komponist des gesamten, im Frühjahr 1959 aufgenommenen Sextett-Albums. Es sollte sogar Davis' bahnbrechende, zur selben Zeit entstandene Orchesterproduktionen mit Gil Evans überstrahlen. "Im Grunde", so der Keyboarder Donald Fagen, "wurde ,Kind of Blue' rund sechs Monate nach seiner Veröffentlichung zur Bibel". Dass sich das New Yorker Aufnahmestudio von Columbia Records damals in einer ehemaligen Kirche befand, mag also kein Zufall gewesen sein.

Mit einer Hand voll Tönen

Was aber war für den großen Erfolg verantwortlich? Was war das Neue, Einzigartige an dieser Musik? Der Plattentitel scheint eigentlich nicht geeignet, Käufer anzulocken. ("Irgendwie betrübt" übersetzt die deutsche Ausgabe von Ashley Kahns Buch "Kind of Blue - Die Entstehung eines Meisterwerks" den Titel.) Und doch war es diese besondere, melancholische Stimmung, die "Kind of Blue" aus dem Gros der Jazzproduktionen jener Zeit heraushob. Miles Davis selbst hatte an der Entwicklung des modernen Jazz, an Bebop und Hardbop bereits entscheidend mitgewirkt, an Musikstilen, die sich durch Hitze, Tempo, drängende Leidenschaft auszeichnen, die so unbändig wie zupackend wirken. Sein Quintett mit John Coltrane und Red Garland war in dieser Hinsicht jahrelang tonangebend gewesen. Allerdings gab es gerade in Davis' Trompetenspiel daneben immer diese andere, coole, betörend-zurückhaltende Note, einen lyrischen Minimalismus, der auf "Kind of Blue" vollends zum Tragen kommen sollte.

Dass sich Miles Davis in jenem magischen Jahr 1959 endgültig zum Gott der leisen Töne entwickelte, dafür war auch sein Konzept des modalen Jazz verantwortlich, seine auf Skalen basierende Harmonietheorie. Die Grundlage der Improvisationen auf "Kind of Blue" waren nämlich nicht mehr, wie bis dahin üblich, rasche Akkordwechsel, sondern wenige Tonleitern, über die der Solist taktungebunden verfügen konnte.

Vor allem dem impressionistisch geschulten Bill Evans kam dieses Konzept entgegen, aber auch John Coltrane, der ohnehin zu ausschweifenden Improvisationen neigte, war für dieses Spiel wie geschaffen: Nun konnte der Saxophonist noch ungehinderter seine Melodiebänder entrollen. Überhaupt nahm die Melodie gegenüber Harmonie und Rhythmus eine herausgehobene Stellung ein. Das wohl ist ein Hauptgrund für den anhaltenden Erfolg von "Kind of Blue": der melodische Erfindungsreichtum der Musiker, Miles Davis' Fähigkeit vor allem, mit einer Hand voll Tönen, wie aus dem Nichts heraus, ein sehnsüchtiges Leuchten zu schaffen.

Dabei hätte "Kind of Blue" auch untergehen können, denn 1959 wartete mit noch manch anderer Sensation auf: Coltrane veröffentlichte sein Debütalbum als Leader, Charles Mingus nahm sein Meisterwerk "Mingus Ah Um" auf, und es betrat, das Ereignis des Jahres, Ornette Coleman die New Yorker Jazzszene. Wie kein Musiker seit Charlie Parker sorgte der Altsaxophonist innerhalb der Gemeinde für Aufruhr. Die raue Kraft seines Plastiksaxophons, das als völlig frei empfundene Spiel seines Quartetts - vor allem von dem Texaner Coleman kamen die für das folgende Jahrzehnt prägenden Impulse.

Aus der Bar in den Konzertsaal

Und doch ist, auf lange Sicht, "Kind of Blue" zum Archetyp, zum Ideal geworden: die Reduktion der Mittel, die Feier der Melodie, die Aura der Melancholie. Zwar wurden die einzelnen Titel, wurden vor allem "So what" und "All Blues", wie im Jazz üblich, immer wieder neu interpretiert. Imitiert wurde aber, auf geradezu programmatische Weise, die Stimmung des gesamten Albums - das sich ohnehin durch eine nie dagewesene Geschlossenheit auszeichnete.

"Kind of Blue" besaß und besitzt den Reiz des Jenseitigen. Vor allem von dem an zentraler Stelle platzierten dritten Stück, "Blue in Green", geht in seiner zyklischen Struktur ein Hauch des Unendlichen aus: Wie von konzentrischen Kreisen ist Coltranes zentrales Saxophonsolo von zwei Klaviersoli umgeben, diese wiederum werden von zwei Trompetensoli eingerahmt. Insgesamt scheint es, als würde das Stück frei schweben, ungebunden, ein Himmelslicht.

Durchaus geeignet für romantische Stunden also; man weiß nicht, wie viele Kinder zu diesen Klängen gezeugt wurden. Gewiss ist dagegen, dass "Kind of Blue" seine ganz eigene, musikalische Nachkommenschaft hervorgebracht hat. Der Geist des Albums, seine minimalistische Ästhetik brauchte eine Weile, um sich zu entfalten: In den sechziger Jahre dominierten Free Jazz und Fusion Jazz. Sie führten den Jazz weiter, mehr noch, sie wiesen schließlich über das hinaus, was gemeinhin als Jazz gilt.

"Kind of Blue" dagegen wurde zum Urmodell dessen, was sich heute mit dem Begriff ECM-Ästhetik verbindet: Ein Jazz nach dem Jazz. Ein Jahrzehnt vor Gründung des Münchner Plattenlabels entwarf Miles Davis jene Mischung, die für die Produktionen Manfred Eichers maßgeblich wurde: Die Verbindung von klassischer Musik und improvisierten Elementen, die nicht mit Verzückung zu verwechselnde meditative Kraft, die gerade im europäischen Jazz vorbildlich wurde; ein freies und doch melodiöses Spiel, die langsamen Tempi wie die gedämpften Stimmungen bevorzugend. Exemplarisch stehen dafür die Aufnahmen von ECM-Künstlern wie Jan Gabarek, Tomasz Stanko oder auch Keith Jarrett (so war Jarrett nach Miles Davis' Tod auch einer der ersten, der eine Hommage an seinen ehemaligen Meister aufnahm).

Der Jazz, den man noch auf seine klassischen Wurzeln zurückführt, auf Blues, Swing und Bebop, der schwarze Jazz der sechziger Jahre ist weitgehend ausgestorben; wie Davis schon früh erkannte, ließ er sich nicht noch ein weiteres Mal neu erfinden. Die Revival-Versuche der achtziger Jahre haben ihn schließlich erstickt und musealisiert.

Der musikalische Gestus von "Kind of Blue" dagegen erfreut sich heute noch erstaunlicher Beliebtheit; allerdings hört man diesen Jazz nach dem Jazz nicht in Bars oder auf Festivals, stattdessen hat er sich in den großen Konzertsälen der Welt eingerichtet, in der Berliner Philharmonie genauso wie im Pariser Salle Pleyel oder der New Yorker Carnegie Hall. Gleichwohl klingt er dort nicht selten nach Gottesdienst. Als wären die auf "Kind of Blue" noch dezent eingesetzten Halleffekte und die kirchliche Atmosphäre des Aufnahmestudios in der 30sten Straße mit der Zeit verstärkt worden. Ob es einem nun gefällt oder nicht: Im Nachhinein wird deutlich, was "Kind of Blue" eigentlich war: die erste Platte des Post-Jazz. Die Bibel einer neuen Religion.