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1968er Bewegung:Auf Rollschuhen um die Barrikaden

Auftakt des Pariser Frühlings: Studenten bewerfen am 6. Mai 1968 in der Rue Saint-Jacques in Paris die Polizei.

(Foto: AFP)

Bei einer Tagung im Deutschen Literaturarchiv Marbach umkreisen Geisteswissenschaftler den Mythos "1968".

Von Willi Winkler

Wenn die Weltgeschichte denn etwas taugte, müsste sie schon öfter auf Szenen wie jene verfallen, die Anne Wiazemsky in ihren Erinnerungen an den Pariser Mai nacherzählt. Nach den Barrikadenkämpfen im Mai 1968 in Paris zwischen den Studenten und der Polizei war wegen der ausgebrannten Autos und des Generalstreiks im Quartier Latin kein Durchkommen mehr. Es war eine einzigartige Machtdemonstration der Aufständischen, die sich natürlich als Nachfolger der Commune von 1871 sahen, zugleich aber auch eine Filmszene wie in Jean-Luc Godards "Weekend".

Die junge Schauspielerin kauft sich also in einem Spielwarengeschäft Rollschuhe und fegt über die leeren Straßen. Die anderen mögen von der Solidarisierung zwischen Studenten und Arbeitern träumen und als Erstes die Generalstände der Filmschaffenden gründen, sie braust rothaarig über den freigekämpften Boulevard. Der revolutionssehnsüchtige Godard ist keineswegs amüsiert über das wilde Treiben seiner jungen Frau, aber er erkennt, wie mit einem Befreiungsschlag die Fantasie an die Macht gelangen kann.

So beschwört er in ihrem Buch: "Auftritt der Marx Brothers".

Im echten, im wirklichen 1968 fehlte es nicht an Marx-Brüdern, dafür zumeist an der Fantasie. Parolen waren wichtiger, immer neue Marschbefehle wurden ausgegeben, es ging doch um mindestens alles. Oder wie Daniel Cohn-Bendit, rothaarig auch er und der prominenteste baricadero von Paris, vor Kurzem in einem Interview erklärte, es war das "erhabene Gefühl, wir machen Geschichte".

Im Deutschen Literaturarchiv in Marbach, wo mehr als hundert Nachlässe von Teilnehmern, Mittätern oder Mitläufern gesammelt sind, wurde vergangene Woche auf der Tagung "Ereignis und Geschichte" die geschichtsphilosophische Dimension jenes mythischen Jahres untersucht. Gab es eine oder gibt es wenigstens heute eine, ein halbes Jahrhundert danach? 1968 war auch bestimmt von alten oder bereits verstorbenen Männern, deren Schriften von den Aufständischen vor allem in Deutschland als brandaktuelle Offenbarung gelesen wurden. Nicht nur Marx wurde zum Kirchenvater, auch Lenin, Trotzki, Karl Korsch, Mao und - der schönste von allen - Che Guevara.

Der Hamburger Historiker Axel Schildt erinnerte sich an den roten Raubdruck von Georg Lukács' "Geschichte und Klassenbewusstsein", das er neben vielem anderem mit siebzehn und selbstverständlich enthistorisiert gelesen habe. Der ungarische Philosoph Tamás Miklós legte dar, dass Lukács' maßgebliches Werk, 1923 erschienen, von seinen Jüngern kaum richtig verstanden worden sein kann, schien doch niemand zu wissen, dass es sich dabei um vermischte Aufsätze handelte, die vor und nach der ungarischen Räterepublik entstanden, die den späten Hegelianer plötzlich zum Volkskommissar aufsteigen ließ.

Noch einmal, beim Budapester Aufstand 1956, wurde der Philosoph zum Politiker, und deshalb nach dem Einmarsch der sowjetischen Armee mit Hausarrest bestraft. In den Sechzigern erlebten seine Schriften auch deshalb eine ungeahnte Renaissance; Rudi Dutschke war nicht der Einzige, der zu ihm pilgerte. Lukács selber wollte trotz mehrfacher Enttäuschung die Hoffnung nicht aufgeben. "Das Richtige marschiert doch", schrieb er in seinem Neujahrsbrief Anfang 1967 an Walter Janka, der ihn 1956 aus Budapest hatte herausholen sollen und dafür in der DDR vier Jahre ins Gefängnis gesperrt wurde. Ein Jahr später bekommt die Geschichte Flügel, "sie bewegt sich doch", hofft Lukács 1968.

Das Referat über Adorno fiel aus, so bildete er das leere Zentrum, um das die Tagung kreiste

Wer Geschichte macht, wandelt sich manchmal über Nacht vom Philosophen zum gedankenreichen Täter. In Budapest haben sie das Denkmal, das der jüdische Bankierssohn Lukács nach der Wende von 1989 erhielt, schon wieder geschleift. Der Gelehrte gelte der rechtsradikalen Jobbik-Partei als Massenmörder, erzählte Tamás Miklós, weil er 1919 bei der Verteidigung der ungarischen Republik Erschießungen befohlen hat.

Der Leipziger Historiker Lukas Böckmann wiederum fand in Hans Magnus Enzensbergers "Tumult" (2014) die bündige Metapher für den Neuen Menschen. Enzensberger hatte sich 1968 der kubanischen Revolution zur Verfügung gestellt. In Havanna besucht er eine ehemalige Fleischfabrik, in welcher der neue Mensch hergestellt wird. "Der Mensch besteht aus eingeweichten alten Zeitungen, die in eine große gipserne Hohlform gepresst werden und getrocknet werden. Einmal täglich wird die Trommel geöffnet, und der Mensch wird geboren ... auf seiner Haut kann man den Leitartikel der Parteizeitung lesen." Puppen sind es, aber es ist reinster Surrealismus, wenn es nicht furchtbare Wirklichkeit wäre.

Einer der wenigen, die schon damals die künstlerische, die fantastische Dimension von 1968 erkannten, war der Literaturtheoretiker Karl Heinz Bohrer, der Surrealismus und Terror verschwisterte. Noch 2001, bei der Debatte um die militante Vergangenheit von Joschka Fischer, trauerte Bohrer der entgangenen Gelegenheit nach: "Die Charakteristik eines existenziellen Sprungs in eine neue Ära wird verdeckt von den Tugenden der Angestelltengesellschaft." Allerdings legte der damalige FAZ-Angestellte Bohrer in einem Brief an den 68er-Kritiker Max Horkheimer Wert auf den Hinweis, dass er "aus einer unpolitischen, wenn man will, sehr konservativistischen Ecke" komme, was man seinem Schreiben gewiss anmerke. "Ich möchte davon auch nicht herunter."

Das vorgesehene Referat über Theodor W. Adorno fiel in Marbach aus, und so bildete er manchmal das leere Zentrum, um das die Tagung kreiste. Im Gespräch mit dem Spiegel hatte Adorno 1969 auf die Eingangsfrage "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung..." kurz und bündig geantwortet: "Mir nicht." Aber vielleicht sind die Philosophen schlicht überfordert, wenn sie ganz allein die christophorische Last schultern müssen, die ihnen der bibelbärtige kleine Hegel aus Trier aufgetragen hat, nämlich die Welt zu verändern, statt sie bloß zu interpretieren. Ende 1989 stand, wie sich Tamás Miklós erinnerte, auf einem Transparent ein illusionsloses einziges Wort: "Wirklichkeit".

Der Berliner Philosoph Alexander García Düttmann widmete seine Abendvorlesung ad hoc der im vergangenen Jahr verstorbenen Adorno-Schülerin Silvia Bovenschen, die statt des Meisters mit einer überlebensgroßen Fotografie anwesend war: eine provozierend dreinschauende junge Frau im Hörsaal, sicher hochgescheit, aber im philosophischen Minirock, zwischen den Fingern die noch nicht verbotene Zigarette. Die wissenschaftliche Mitarbeiterin am Literaturarchiv von Marbach Lydia Schmuck brachte immerhin den Kater Teodoro ins Spiel, der in Julio Cortázars Roman "Reise um den Tag in 80 Welten" seinen Auftritt hat, benannt natürlich nach Adorno, den der argentinische Schriftsteller aber gar nicht gelesen hat.

Was ist von einem Kirchenlehrer wie Marcuse zu halten, der seine Teilnahme am Sit-in feiert?

So synkretistisch die Lektüre 1968 war, so disparat waren die Referate. Jannis Wagner erinnerte an Heinz Dieter Kittsteiner, der erklärt hatte, dass der ungeschützte Anblick der Geschichte nicht zu ertragen sei. Im Abiturjahr hatte Kittsteiner beschlossen, den Marxismus zu widerlegen und wurde einer seiner fruchtbarsten Erneuerer, er wusste aber auch, dass Ziel und inneres Zentrum der Geschichte leer sind.

Was ist schließlich von einem Kirchenlehrer wie Herbert Marcuse zu halten, der seine Teilnahme am Sit-in in Berkeley feiert und - wie Marbachs wissenschaftlicher Mitarbeiter Robert Zwarg herausgefunden hat- unterschlägt, dass den Akademikern, die sich so heldenhaft wehrten, die Schlägertypen der Hells Angels voranzogen?

So konnte in der Gunst des geschichtlichen schwäbischen Augenblicks in Marbach darüber gestritten werden, ob die gegenwärtige spanische Zentralregierung sich Katalonien gegenüber faschistisch verhalte, aber auch die Frage verhandelt werden, wie sich die Achtundsechziger zum Holocaust verhielten.

Die Genfer Germanistin Christine Weder entdeckte die Omnipräsenz des Repressionsthemas und feierte die "Sexfront" des ehemaligen SDS-Aktivsten Günter Amendt als Pop-Ereignis.

Bei der geplanten zusammenfassenden Diskussion nach zwei Tagen Geschichtsphilosophie gab es dann keine Wortmeldung mehr. Auch nach fünfzig Jahren ist der welthistorische Augenblick, der dem Leipziger Politologen Jan Gerber zufolge mit den Beatles und "All you need is love" 1967 begann und mit den Sex Pistols 1977 endete, längst noch nicht ausgedeutet.

Daher gilt bis auf Weiteres, was Hanns Zischler in dem Post-68er-Film "Im Lauf der Zeit" seinem Reisefreund Rüdiger Vogler als Botschaft hinterlässt: "Es muss sich alles ändern." Dafür braucht es nicht einmal Rollschuhe, aber sie helfen. Rote Haare auch.

© SZ vom 02.05.2018

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