SZ-Werkstatt Hotspot Brüssel

Matthias Kolb, SZ-Korrespondent in Brüssel.

(Foto: Daniel Hofer)

Matthias Kolb ist seit Oktober SZ-Korrespondent in Brüssel. Zuvor berichtete er aus den USA über Donald Trumps Anfänge. Konfrontiert mit den Argumenten der Brexiteers, fühlt er sich auch in den EU-Schaltzentralen zuweilen in diese Zeit zurückversetzt.

Von Matthias Kolb

Als ich in Brüssel erstmals mit Diplomaten und Beamten der EU-Kommission über den Brexit redete, hörte ich stets: "Es ist noch genug Zeit" und "Wir wissen nicht, was London will". Damals hoffte man auf einen Durchbruch im Oktober, doch es verstrichen Wochen, bis der Austrittsvertrag fertig war. Es folgte ein Sondergipfel und viel Drama, bis das Unterhaus den Deal ablehnte. Heute spüre ich in Gesprächen noch mehr Frust mit Premierministerin Theresa May und der britischen Elite - und den Wunsch, dass London endlich klare Ansagen macht.

Je näher der 29. März, der Tag des britischen EU-Austritts, rückt, umso öfter fragen Zentralredaktion und Freunde, ob nun der Chaos-Brexit kommt. Das Gefühl, an einem journalistischen Hotspot zu arbeiten, kenne ich: Jahrelang habe ich aus den USA und vor allem über Donald Trump geschrieben. Dessen Handeln wirkt auf viele Leser ähnlich irrational wie das Weltbild der Brexiteers. Wie in Washington gibt es in Brüssel kaum Ruhe, den Arbeitstag bestimmen Eilmeldungen und das Weltgeschehen, denn die EU nimmt zu allen Themen Stellung.

Wie in DC ist die Brüsseler Polit-Blase eine eigene Welt mit Ritualen und einer Twitter-Obsession, doch hier gibt es Zugänge zu den Akteuren. Für die US-Regierung oder Senatoren ist ein deutscher Journalist irrelevant ("Ihr bringt keine Wählerstimmen"); in Brüssel teilen Kommissare, Minister und Abgeordnete gerne ihre Meinung mit - mal aus Eitelkeit, mal um Gerüchte klarzustellen. Oft darf man das Gesagte zwar nicht zitieren, aber mit Fleiß und den zwei Kollegen des Brüsseler SZ-Büros lässt sich die Lage gut rekonstruieren. Weiter höre ich von EU-Diplomaten oft den Satz "Es ist noch genug Zeit". Die Brexit-Entscheidung wird also spät fallen: Kompromissangebote aus Brüssel würden zurzeit zerredet werden und in London Begehrlichkeiten wecken.