bedeckt München 15°
vgwortpixel

SZ-Werkstatt:Die Welt der Firmen

Nah genug dran sein und doch auf Abstand bleiben: Wirtschaftsredakteur Caspar Busse über die Kunst und das Handwerk, jenseits von Bilanzen Spannendes aus Unternehmen der verschiedensten Branchen zu berichten - ohne sich vereinnahmen zu lassen.

"Wirtschaft" hat für viele Menschen etwas Abstraktes. Sie hören Begriffe wie Bruttosozialprodukt, Bilanzgewinn und Handelsüberschuss, wissen aber nicht, was das mit ihrem Leben zu tun hat. Konkret wird es erst dann, wenn es plötzlich um das eigene Unternehmen geht, um den Arbeitsplatz, um die Branchen, in denen man selbst, Familienangehörige oder Bekannte tätig sind. Gerade in Firmen, ob groß oder klein, sind jenseits der meist recht langweiligen Geschäftsberichte die spannendsten Wirtschaftsgeschichten zu finden, die wir in der SZ erzählen wollen: von Managerinnen und Managern, ihren glanzvollen Aufstiegen und ihren bisweilen brutalen Abstürzen. Es geht um Intrigen, um Milliarden-Übernahmen, manchmal auch um Pleiten, die Tausende Jobs kosten, und um Gründerinnen und Gründer, die mit neuen Ideen die Welt verändern können.

Gerade in diesen Tagen ist die Berichterstattung über Unternehmen so wichtig, weil viele deutsche Traditionsfirmen mit immer noch Zehntausenden Jobs in der Krise sind und die Gefahr droht, dass sie den Anschluss verlieren. Autohersteller wie VW, Daimler und BMW müssen sich auf Elektromobilität umstellen. Der Ruhrkonzern Thyssenkrupp und die Deutsche Bank stecken in der Krise. Siemens will sich aufspalten und gerät plötzlich unser Druck von Umweltaktivisten. Und die Liste ist noch viel länger.

Die Kunst ist, diese Entwicklungen spannend, anschaulich, absolut zuverlässig und detailliert zugleich zu beschreiben. Dafür müssen die SZ-Journalisten, die in München, in Deutschland und in aller Welt über Firmen berichten, durchaus nah an den Unternehmen dran sein - aber nicht zu nah. Denn ist die Beziehung zu eng, gerät die kritische Distanz in Gefahr und es entsteht vielleicht zu viel Verständnis. Ist der Kontakt aber zu lose, fehlen wichtige Informationen und Insiderwissen. Wichtig sind enge und vertrauliche Kontakte zu Chefinnen und Chefs, aber auch zu Gewerkschaftern, Beschäftigten, Konkurrenten, Experten. Gut ist ein Thema dann geworden, wenn die Leser spüren, dass das alles auch etwas mit ihnen zu tun hat.

© SZ vom 22.02.2020
Zur SZ-Startseite