SZ-Werkstatt Deutschland, wie geht's?

Thorsten Schmitz, 52, ist Reporter und Redakteur für Die Seite Drei und das Buch Zwei. Zwischen 1998 und 2009 berichtete er als Korrespondent der Süddeutschen Zeitung aus Israel, dann aus Berlin.

(Foto: Natalie Neomi Isser)

SZ-Redakteur Thorsten Schmitz ist für seine Recherchen zum Buch Zwei über den Streit in der Union viel mit dem Zug unterwegs gewesen. Was ihm dabei aufgefallen ist: Gelassenheit ist etwas, was in Deutschland offenbar erst noch gelernt werden muss.

Von Thorsten Schmitz

Tritt Horst Seehofer zurück? Wird die Ehe zwischen CDU und CSU annulliert? Konservativ, welche Bedeutung hat dieser Begriff heute? Solche Fragen haben wir uns im Buch Zwei gestellt, noch während eine Agenturmeldung die nächste jagte und sogar Neuwahlen möglich erschienen. Der Berliner Polit-Krimi sagt auch viel aus über die Verfasstheit Deutschlands. Regiert die Hysterie? Bundeskanzlerin Angela Merkel hat mit ihrer Flüchtlingspolitik die CDU nach links gerückt und dadurch viele ihrer Wähler und auch die Schwesterpartei überfordert. So beschlossen wir, uns umzuhören in Deutschland, Ansichten, Ängste und Wutreden einzusammeln von Politikern, Akademikern und Künstlern.

Im Flugzeug nach Berlin, zum Gespräch mit der Autorin Thea Dorn, die auch Gastgeberin ist im "Literarischen Quartett", sitzt ein berühmter deutscher Regisseur. Ich spreche ihn an, aber der Mann sagt brüsk, Politik interessiere ihn nicht. Thea Dorn dagegen ist beim Interview nicht zu bremsen. In fulminanten Sätzen skizziert sie ein ängstliches Deutschland, redet von der "Versoapung" in der deutschen Politik, und auch davon, was sie beim Klettern lernt. Sie plädiert für Gelassenheit. Die Flüchtlingskrise sei beileibe nicht das Ende Deutschlands, wie es der Spiegel auf seinem Titelbild der vergangenen Woche suggerierte, einer zerfließenden Deutschlandfahne.

Gelassenheit? Da hat Deutschland Nachholbedarf. Der Zug zurück nach München überfüllt. Ein Kampf um Sitzplätze, ein Gezeter, Gemecker, Geschrei. Als der Zug mit über einer Stunde Verspätung losfährt, ertönt die Durchsage, dass in einigen Waggons die Klimaanlage ausgefallen sei. Kurz darauf die nächste Hiobsbotschaft: Der Zug könne nicht mit voller Geschwindigkeit fahren. Der Passagier neben mir holt den Spiegel hervor, den mit dem Fahnentitel und der apokalyptischen Zeile: "Es war einmal ein starkes Land."