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Journalismus in Krisenzonen:Der Fahrer raste wie der Teufel

160320 LATTAKIA SYRIA March 19 2016 A Syrian soldier walks past ruins at Salma Town in La

Salma, Syrien: einst ein aufstrebendes Erholungsörtchen im Einzugsbereich von Aleppo.

(Foto: imago(2); Bearbeitung SZ)

Wer von Konflikten berichtet, sollte sich vor Ort ein Bild machen. Selbst wenn es gefährlich ist. Im Herbst 2012 schmuggelte ein syrischer Mittelsmann unsere Autorin ins Bürgerkriegsland Syrien.

Von Sonja Zekri

Aus Briefen und Mails wissen wir, dass manche Leser ein Zweifel quält: Die Artikel, so fürchten sie, erzählen gar nicht alles, was sich vor Ort zugetragen hat. Reporter verschweigen Szenen, Figuren, Dialoge, und die Leser verpassen Interessantes, weil sie selbst nicht dabei waren.

Die Wahrheit ist: Sie haben recht.

Journalisten können nicht alles aufschreiben, was sie gesehen haben. Einer der wichtigsten Gründe dafür ist, auch wenn er in der Zeit der Bauchnabel-Exegese etwas altmodisch geworden ist: Journalisten sollten über alles schreiben außer über sich selbst.

Nicht, weil sie nichts erleben. Bei einer Recherche über die legendäre Melonensorte "Astrachanskij" fragte - lange ehe irgendwelche Belästigungs- oder "Me Too"-Debatten Russland erreicht hatten - der sympathisch angeheiterte Leiter eines Forschungsinstituts an der Wolga zur Begrüßung: "Interessieren Sie sich eigentlich für Sex?" - "Äh, im Moment interessiere ich mich mehr für Wassermelonen." Undruckbar.

Andererseits verraten die Bedingungen der Recherche viel über den Gegenstand. Im Arabischen Frühling, als eine Epoche nahöstlicher Diktaturen endete, ohne dass eine Epoche nahöstlicher Demokratien anbrach, galt das besonders. Die Süddeutsche Zeitung hatte damals zwei Korrespondenten in Kairo: Tomas Avenarius, der bereits viele Jahre in Kairo lebte, und mich, die aus Moskau versetzt wurde, als klar war, dass die Nahost-Berichterstattung alleine nicht mehr zu schaffen ist.

Zwei Korrespondenten - das bot Spielraum. Es bedeutete, dass einer in Tripolis die letzten Tage der Gaddafi-Herrschaft beobachten konnte, während die andere sich beim Abzug der US-Truppen aus dem Irak embedden ließ. Für Syrien hieß es vor allem, dass man abwechselnd Visa-Anträge in Damaskus stellen konnte. Hin und wieder boten sich regimefreundliche Kontaktpersonen an, denen die Berichterstattung nicht gefiel. Syrien sei nicht, wie wir schrieben, kritisierten sie, man müsse das Land von innen sehen, seine Leistungen, seine Komplexität, erst dann könne man begreifen.

Nichts lieber als das, entgegneten wir dann, ließen uns Telefonnummern und Mail-Adressen von ganz sicher gesprächsbereiten Beamten geben, nur um Wochen später zu erfahren, dass auch dieser Antrag von einem der zahlreichen Geheimdienste abgelehnt wurde, höchst bedauerlich, eigentlich unbegreiflich, aber jetzt nicht mehr zu ändern.

Die Aufständischen waren zugänglicher, sie konnten damals noch mit dem Wohlwollen der Weltöffentlichkeit rechnen. Aber nach Jahrzehnten in einem Spitzelstaat waren auch sie misstrauisch. Die Vorbereitung für die Reise im Herbst 2011 hatte Monate gedauert und ihr Gelingen war offen. Tamer al-Awam, ein syrischer Theatermacher und Dokumentarfilmer, der in Deutschland lebte, hatte den Kontakt zur Opposition hergestellt. Wir trafen uns auf dem Flughafen in Istanbul und reisten weiter nach Antakya im Süden der Türkei an der Grenze zu Syrien.

Awam war ein rastloser, nervöser Typ, er stand unter Hochspannung wie so viele Syrer. Er war mit syrischen Oppositionellen befreundet, die in die Türkei geflohen waren, und so verbrachten wir einen endlosen Abend mit Tee und Zigaretten. Alle hatten sich lange nicht gesehen, das Abtasten und Aushandeln brauchte Zeit. Nach drei Stunden wiegelten sie vorsichtige Zwischenfragen immer noch ab, aber dann stand der Plan. Awam würde nicht mitkommen nach Syrien, er sei zu bekannt, die Gefahr zu groß. Es werde andere vertrauenswürdige Gesprächspartner geben.

Der Orontes ist der Grenzfluss zwischen der Türkei und Syrien, damals eine etablierte Schmugglerroute, denn an der Grenze zur syrischen Provinz Idlib ist der Fluss nicht sehr tief. Als wir ankamen, warteten im Gebüsch am anderen Ufer zwei junge Männer, Ibrahim und Adnan. Während Awam und seine Freunde die desinteressierte türkische Polizeipatrouille auf den Feldern im Blick behielten, watete Ibrahim durch das brusthohe Wasser. Es war eine hochsymbolische Szene, aber keiner der Syrer schien es zu bemerken. Dann trug er mich auf den Schultern auf die syrische Seite.

Tropfnass bestieg er das Motorrad, er würde sich während des ganzen Tages nicht umziehen. Aber für die Besucherin hatten sie eine Abaja und ein Kopftuch mitgebracht, und so passierten wir auf Motorrädern einen Polizisten, den sie bestochen hatten, fuhren durch eine Kleinstadt, in der jeder jeden kannte, zu Ibrahims Haus, das bis zur Rückkehr am nächsten Tag der wichtigste Recherche-Ort war.

Warum, so könnte man fragen, gehen Journalisten so unkalkulierbare Risiken ein? Nun, ganz unkalkulierbar sind sie meist nicht. Man wägt ab. Welches Interesse hätten Awam, Ibrahim und Adnan gehabt, das syrische Regime zu informieren? Keines. Die Konsequenzen wären für sie schlimmer gewesen als für westliche Ausländer. Ihr Wunsch, sich der Welt zu erklären und vielleicht Solidarität oder Hilfe zu bekommen, war nachvollziehbar, warum sollten sie den Erfolg der Recherche gefährden? Hätte es trotzdem schiefgehen können? Das kann es immer. Eine Nachbarin kam vorbei, aber Ibrahims Mutter, eine Frau mit Nerven wie Stahlseilen, hielt sie hin, bis sie zermürbt abzog.

Wenn man von Aufständen, Kriegen oder Pogromen berichtet, kann es einen verrückt machen, dass man etwas einordnen muss, ohne es gesehen zu haben. Kein Tweet, kein Youtube-Clip, keine noch so kundige Analyse können für ein Land wie die Black Box Syrien den Augenschein ersetzen. Was sind das für Menschen, die Jahrzehnte in einer der schlimmsten - und: stabilsten - Diktaturen des Nahen Ostens lebten und plötzlich alles aufs Spiel setzen? Nur vor Ort lässt sich der Grad ihrer Entschlossenheit erfahren, kann man sich ein Bild über die Ziele und Vorbilder machen, über die Topografie dieser Konfrontation.

Der Besuch in Ibrahims Dorf am Vorabend des Bürgerkriegs bot nur einen winzigen Ausschnitt des landesweiten Aufruhrs, und doch zeigte er: Anders als in Tunesien oder Ägypten, anders auch als Libyen erhob sich in Syrien nicht die Mittelklasse in den Metropolen, sondern die vernachlässigte Provinz. So klaustrophobisch der Aufenthalt in Ibrahims Haus war, so genau entsprach die Isolation dem Charakter dieses fragmentierten Aufstands.

Ein Jahr später war Ibrahim verhaftet, sein Freund Adnan in die Ukraine geflohen und Tamer al-Awam in Aleppo erschossen worden. Keine noch so einfühlsame Reportage, keine originelle Beschreibung kann diejenigen, die bereitwillig Auskunft geben und an die Veröffentlichung hohe Erwartungen knüpfen, nach der Recherche vor der Härte eines solchen Regimes schützen. Journalisten reisen ab, sie können Geld schicken, Asylanträge unterstützen, aber Leben retten fast nie. Das Gefühl dieser Ohnmacht dauert länger an als eine Recherchereise.

Im Herbst 2012 hatte der Bürgerkrieg das ganze Land erfasst, eine noch so kurze Reise ohne syrische Begleitung war undenkbar. Syrien war Top-Thema geworden, die großen Medien hatten an der türkisch-syrischen Grenzen sämtliche Stringer, Übersetzer, Mittelsmänner für fantastische Summen angeheuert.

Umso größer das Glück, dass Mahmoud Hassino für die SZ arbeiten wollte. Er hatte in Saudi-Arabien ein fantastisches Englisch gelernt, war teuer und so offen schwul, wie man das im Nahen Osten sein konnte. Unser Fahrer zur Grenze raste wie der Teufel, und tatsächlich herrschte auf dem Weg nach Syrien ein solches Gedränge von Kämpfern, Helfern, Journalisten, dass man fürchten musste, der Wald werde jeden Moment wegen Überfüllung geschlossen.

Wir fuhren nach Salma, einst ein aufstrebendes Erholungsörtchen im Einzugsbereich von Aleppo, nun eine Geisterstadt oder genauer: eine Kaserne. Nachdem die meisten Bewohner nach Beginn der Angriffe geflohen waren, zogen die Kämpfer in Salma ein, schliefen - wie wir - in fremden Wohnungen, urteilten nach einer eigenen Gerichtsbarkeit, gaben ihren Kindern neue Lehrpläne. Innerhalb eines Jahres war ihre alte verhasste Heimat, Assads Syrien, Ausland geworden, ein Flickenteppich von Herrschaftsgebieten, porös und angreifbar. Der Zerfall des Landes schien - wie später noch oft - eine Frage der Zeit zu sein. Der Text trug den Titel "Finale".

Heute weiß man, dass das alles erst der Anfang war, dass der IS aufstieg und fiel, dass Syrien zum internationalen Schlachtfeld wurde. Je unübersichtlicher ein Konflikt ist, je offener eine Situation, desto größer ist die Versuchung zur kühnen Prognose. Und es stimmt ja: Irgendein Journalist oder Publizist oder Experte trifft mit seinen Vermutungen immer ins Schwarze. Man weiß das erst später; während es geschieht, ist es eine Spekulation unter vielen, dass sie sich am Ende als schlüssig herausstellt, hat deshalb etwas von einem Lottogewinn.

Für die Erfassung der Gegenwart ist es dann zu spät. Und das soll guter Journalismus doch leisten: Hilfestellung bei der Erfassung der Gegenwart geben. Gerade in Situationen krisenhafter Beschleunigung empfiehlt sich deshalb weniger die Konzentration auf raumgreifende geopolitische Gesamtentwürfe als auf die möglichst genaue Beschreibung. In Salma tauchten Männer mit schmalen Augen auf, eher Asiaten als Araber, mit denen wir nicht sprechen konnten. Die syrischen Islamisten hatten Jahre auf ihren Moment gewartet; nun, da alle Regeln, alle Gewissheit schwanden, präsentierten sie ein fertiges Ordnungssystem - und setzten es in Salma mit ersten Hinrichtungen gleich in die Tat um. Vieles, was später zur Monstrosität der syrischen Katastrophe beitragen sollte, ließ sich hier ablesen: die Konkurrenz einer steigenden Anzahl von Milizen, die Tendenz zur Internationalisierung, die wachsende Paranoia - in Salma war alles schon im Ansatz vorhanden.

Nach dem Skandal um die gefälschten Reportagen von Claas Relotius verlangen manche Redaktionen inzwischen von ihren Reportern Dokumentationen ihrer Arbeit, Telefonnummern von Gesprächspartnern, Fotos von Schauplätzen. Es ist ein verständlicher, aber praxisferner Wunsch. Die Protagonisten in Syrien nannten sich schon damals fast nur Umm Mohammed, Mohammeds Mutter, oder Abu Ahmed, Ahmeds Vater, arabische Anonymisierungen nach dem Namen des Erstgeborenen. Fast niemand gab den richtigen Namen an, geschweige denn eine Telefonnummer, und wer genauer nachfragte, machte sich verdächtig. "Warum willst du das wissen?", bohrte ein Barkeeper aus Latakia, der sich Ayman nannte, und die Frage klang harmloser, als sie gemeint war. Wer Verräter fürchtet, findet überall Indizien. Ein Telefonat mit dem Satellitentelefon auf der Straße weckte den Argwohn eines Bewaffneten. Mahmoud alarmierte die Frommen und Frömmelnden mit einer Bemerkung über Saudi-Arabien. Vorübergehend schien ihr Wohlwollen den Gästen gegenüber ernsthaft getrübt zu sein.

Dabei war es Mahmoud, dem in dieser ernsten Lage die heitersten Momente gelangen, vor allem, weil einige der harten Kerle in Salma unübersehbar Interesse erkennen ließen. Ein junger Kämpfer mit dem schmalen, sanften Gesicht des jungen Osama bin Laden flirtete ganz offen. Er trug Jeans, Basecap, Lederarmband, Palästinensertuch und Handschellen. Handschellen? "Wir sind schwul", sagte Mahmoud: "Schwule lieben Accessoires."

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