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E-Prüfungen an Hochschulen:Schummeln nicht ausgeschlossen

IT-Expertin Jannica Budde erklärt, wie die Bundesländer an Regelungen für Online-Prüfungen tüfteln.

(Foto: CHE Gütersloh)

Studierende schreiben immer häufiger Klausuren online. Die Hochschulen tüfteln an Lösungen, wie sich bei dieser Art der Prüfung Manipulationen verhindern lassen. Dabei steht ihnen der Datenschutz im Weg.

Von Christine Demmer

Vor dem Frühjahr 2020 konnte man noch wählen, ob man ein Präsenz- oder ein Online-Studium oder eine Kombination aus beidem absolvieren wollte. Danach wurde das digitale Studium flächendeckend verordnet. Seitdem wird das Thema Online-Prüfung in Dozentenrunden und Prüfungsämtern heftig diskutiert. Wie sollen die Leistungen der Studierenden abgefragt werden? Und wie soll, kann, darf sichergestellt werden, dass sie sich dabei keiner fremden Hilfe bedienen? Schließlich soll es fair zugehen.

Einerseits geht es also um Chancengleichheit: Kein Student darf gegenüber einem anderen einen ungerechtfertigten Vorteil bei der E-Klausur haben. Andererseits birgt die sicherste Lösung - die Kameraüberwachung am Prüfungsort -, wo auch immer der sich befindet, datenschutzrechtliche Risiken. Die Hochschulen sind gefordert, zwischen diesen beiden Polen die Balance zu halten. Sie tasteten sich im vergangenen Jahr an das Thema heran, wobei sich immerhin zwei faire und rechtlich zulässige Hauptverfahren herauskristallisierten; von Hochschule zu Hochschule werden die beiden Varianten jeweils mit feinen Unterschieden praktiziert.

Jannica Budde, Projektmanagerin am CHE Centrum für Hochschulentwicklung in Gütersloh, hat sich angesehen, auf welche Lösungen die deutschen Hochschulen gekommen sind, weil sie es mussten: "Die strengen Hygieneauflagen ließen den Hochschulen oft keine andere Wahl." Im Sommersemester 2020 wurden die Online-Prüfungen eher als Alternative, nicht als Ersatz für Präsenz-Klausuren angesehen." Diese Haltung gilt weiterhin: Auch in Zukunft werden die Hochschulen Studierenden die Möglichkeit geben, Klausuren in Präsenz zu schreiben. Und E-Klausuren werden nach Ende der Pandemie nicht verschwinden, ganz im Gegenteil. "In Zukunft müssen die Hochschulen noch intensiver an innovativen Lösungen arbeiten", sagt Budde. "Die Digitalisierung kann diesen Prozess unterstützen."

Geprüft wird meist nach dem Closed-Book- oder dem Open-Book-Verfahren

Diese Aussage lässt sich mit Blick auf Studiengänge überprüfen, die nahe an der Digitalisierung dran sind. Iris Hausladen ist Professorin am Lehrstuhl für IT-gestützte Logistik an der HHL Graduate School of Management in Leipzig. Auch hier finden seit Frühjahr 2020 Prüfungen online statt - in den beiden Hauptkategorien "Open Book" und "Closed Book". Das Closed-Book-Verfahren verbindet das Digitale mit dem Analogen: Die Studierenden erhalten die Prüfungsaufgaben vorab per Post. Wenn die Klausur beginnt, loggen sie sich ein - je nach Hochschule werden Konferenzsysteme wie Microsoft Teams, Zoom oder Slack genutzt - und öffnen bei laufender Kamera den versiegelten Umschlag. Dabei blicken sie in die Kamera und halten ihren Studentenausweis neben ihr Gesicht. Auf diese Weise lässt sich laut Hausladen die Identität der Teilnehmerin oder des Teilnehmers überprüfen. Während der Prüfung läuft die Kamera, aufgezeichnet wird aber nichts. Am Ende fotografiert der Prüfling die schriftlich beantworteten Aufgaben und sendet die Fotos per E-Mail oder Whatsapp an den Lehrstuhl; die Originale werden per Post dorthin geschickt. "Dieses Verfahren ergibt vor allem dann Sinn, wenn es um Nachprüfungen mit sehr wenigen Teilnehmern geht", erklärt die Professorin, "oder für einzelne Austauschstudierende, die zum Prüfungstermin bereits wieder an der Heimatuniversität sind."

Beim Open-Book-Verfahren ist es Studierenden gestattet, während der Prüfung Bücher und Aufzeichnungen zu nutzen. Erst kurz vor Beginn des Tests werden die Fragen hochgeladen. Für die Beantwortung mit Microsoft Forms, einer speziellen Anwendung für Umfragen und Tests, steht den Studierenden eine begrenzte Zeitspanne zur Verfügung. Sobald sie fertig sind oder die Zeit abgelaufen ist, senden sie das im Idealfall vollständig ausgefüllte Formular per E-Mail an den Lehrstuhl. Anhand der Uhrzeit, die beim elektronischen Versand erfasst wird, lässt sich auf simple Weise kontrollieren, ob die Bearbeitungszeit eingehalten wurde.

Mit E-Prüfungen entfallen die Kosten für Räume und Aufsichtspersonal

"Bei Open-Book-Klausuren müssen natürlich etwas kniffligere Fragen gestellt werden als beim Closed-Book-Verfahren, bei dem keinerlei Hilfsmittel zugelassen sind", sagt Hausladen. Dafür sorgen die Professoren: Sie müssen sich Aufgaben überlegen, bei denen es weniger auf die bloße Wiedergabe der zuvor auswendig gelernten Materie ankommt als auf deren Anwendung in bestimmten Bereichen, also auf eine geistige (Übertragungs-)Leistung. Für die Prüfungsteilnehmer wie für die Professoren ist die Open-Book-Methode also deutlich herausfordernder als das Closed-Book-Verfahren, bestätigt Hausladen. Sie weist zudem auf die besonderen Vorteile von Online-Prüfungen im Vergleich zur Präsenz-Prüfung hin: Weniger Räume würden benötigt, und man müsse kein Aufsichtspersonal einsetzen. Nicht zuletzt gebe es bei E-Klausuren die Möglichkeit teilautomatisierter Korrekturen.

Die Kamera überlisten kann, wer ein Netbook über dem Notebook platziert

Nach Ansicht von Bildungsexperten ist das Open-Book-Verfahren hilfreich, um die Konzentration der Studierenden zu bündeln und ihre Kreativität auf die zu lösenden Aufgaben zu lenken. So verhindere man, dass sie nach Wegen suchten, wie sich die Kamera überlisten lassen könnte. Das geht mit einer zwischen Überwachungsprogramm und Webcam geschalteten Software, die die Kamera sozusagen ablenkt. Computerfreaks sind sogar dazu fähig, mittels einer virtuellen Maschine ein zweites Betriebssystem zu starten. Einfacher ist es, mithilfe einer Ablagefläche ein Netbook über dem Notebook zu platzieren, mittels dessen der Prüfungstermin stattfindet. Von der Webcam wird das Netbook nicht erfasst - aber Antworten liefert es trotzdem. Noch gibt keine Möglichkeit, derlei betrügerische Machenschaften gänzlich auszuschließen.

© SZ/ssc/mai
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