Entsagungskultur:Verzicht ist die Chance für aufregend Neues

Lesezeit: 6 min

Entsagungskultur: SZ-Zeichnung: Michael Holtschulte

SZ-Zeichnung: Michael Holtschulte

Was im Sommer noch en vogue war, ist inzwischen eine Herausforderung: Sich mit weniger zufriedenzugeben, empfinden viele als Verlust der Lebensqualität. Doch weniger kann auch mehr sein.

"Das hat gerade noch gefehlt" vom 20. September:

Mäßigung und Solidarität

Die notwendige Energieeinsparung, die bevorsteht, wird nicht dazu führen, dass die arbeitende Mitte nun nackt und notdürftig einem schrecklich kalten Winter ausgesetzt sein wird, der schlimmstenfalls sogar zum Ableben führen könnte. Möglich, dass einige Prepper und Prepperinnen (Menschen, die sich gezielt auf eine Katastrophe oder Krise vorbereiten; d. Red.) daran glauben. Doch solch dramatische Szenen wirken überzogen. Es geht nicht, wie von Medien gerne hysterisch und hochdramatisch untermalt, um existenzielle, akute Not, der wir uns jetzt vordergründig stellen müssen. Vielmehr geht es im Kern um den noch vorhandenen Überfluss, der allmählich wegbrechen wird. Diese bevorstehende neue Realität müssen wir akzeptieren. Dass sich viele nun wehmütig an die lieb gewonnenen Lebensumstände - die von Menschen aus anderen Weltgegenden eher als Luxus und Üppigkeit wahrgenommen werden - klammern, ist verständlich. Waren sie doch zur deutschen Normalität geworden. Wir hatten uns an den Luxus gewöhnt. Doch damit ist nun Schluss. Eine Zeit der Entwöhnung bricht nun an. Für uns alle.

Wie so oft aber bauschen wir die Dinge gerne auf. Also gut. Möglicherweise sterben ein paar Obdachlose, wie jedes Jahr auf deutschen Straßen. Die Menschen aus den unteren sozialen Schichten werden zusammenrücken - Stichwort: Herdenwärme. Und der solide situierten Mittelstandsgesellschaft wird es weiterhin gut gehen, lebt sie doch seit eh und je wie die Made im Speck. Die beiden Volvos stehen sicher und abgeschlossen in der sicher abgeschlossenen Garage. Alarmgesichert versteht sich.

Bedürftige Unternehmen werden, wenn sie Glück haben, Unterstützung in Form von fiskalischen Fördermitteln erhalten. Wer es nicht schafft, wird Insolvenz anmelden. Doch niemand wird gänzlich zugrunde gehen, verfügen wir doch über ein soziales Auffangbecken. Niemand wird im Stich gelassen. Wie es unser Bundeskanzler doch gut und gerne sagt. Wir werden den Winter überstehen. Irgendwie klappt es doch immer.

Wenn wir in unsere Kleiderschränke respektive Kleiderräume blicken, stellen wir fest, dass uns immer noch maßlos viel Kleidung zur Verfügung steht. Dann zieht man sich halt zwei, drei Pullover über, um sich warmzuhalten. Wird schon funktionieren.

Die Zeiten, in denen wir uns längst daran gewöhnt hatten, ab Herbst zu heizen, gehen zu Ende. Wenn Sie mich fragen, ist der allgegenwärtig kursierende Begriff "Verzicht" ein zu rabiater, ein zu angsteinflößender. Einigen wir uns vielleicht besser auf das Wort Mäßigung. Denn die Mäßigung führt zur charakterlichen Bodenhaftung, um es mit den treffend schönen Worten von Laura Hertreiter zu sagen. Aus der Mäßigung, zuweilen auch in Form der Synonymbegriffe Mitte und Maß erblühen und erwachsen Werte wie Vernunft, Rücksicht und Solidarität. Die Mäßigung ist der Acker, auf dem unsere Tugenden gedeihen. Wenn wir als Gesellschaft zueinanderhalten, meistern wir jede noch so schwere Herausforderung.

Michael Ayten, Trier

Selbstkontrolle lohnt sich

Köstlich, Matzig! Es mag in allen Gesellschaftsetagen Rätselwesen und Verantwortungslose geben; heute ist kein klösterliches Armutsgelübde notwendig, um verantwortungsvoll zu werden: Die Überschwemmungskatastrophen und Waldbrände senden ja unübersehbare Signale. Vielleicht wachen die blasierten Traumschlossbewohner erst auf, wenn das Nachbarhaus brennt. Ob sie aber die Zusammenhänge verstehen, dass nämlich auch sie selbst an dem Ast sägen, auf dem sie sitzen, dieses Bewusstsein kann man den selbstgerechten Immobilien-, SUV-, Yacht- und Privatjet-Besitzern nicht zutrauen.

Wer immer mehr haben will, hat zum Schluss viel Überflüssiges. Dieses Bewusstsein prägte die von Eklektizismus, Jugend- und Heimatstil umzingelten Bauhäusler. Es waren die nicht selbst Kreativen, die aus dem Überfluss des Historischen bequem auswählten, sich oft wahllos bedienten, ohne klug das wirr überladene Ende ihres Tuns zu bedenken. Dieser unübersichtliche, konfuse Überfluss taumelte ins Grenzenlose und die rationale Architektur erkannte mit ihrem Vordenker Mies van der Rohe, dass weniger Überflüssiges zu mehr Klarheit führt. Die klar Denkenden haben zwar nicht "die Zahnpasta zurück in die Tube" gezaubert, aber sie haben die Zuckerbäckerei zurück in die Konditorei gebracht, die scheinbar unentbehrliche "Sahne" zu "Mathilde, Ottilie, Marie und Liliane". Diesen 50 Jahre alten Abbiegepfeil zum kontrollierten Verzicht haben die verwöhnten Verprasser unserer gefährdeten Spezies nicht verstanden. Überlegter Verzicht ist auch lohnende Selbstkontrolle mit dem Mehrwert eines ungefährlicheren Lebens.

Dr. Dietrich W. Schmidt, Stuttgart, Bauhistoriker

Hoffen auf die kluge Mehrheit

Der Text von Gerhard Matzig über den Verzicht auf den Verzicht ist so brillant und bringt es so auf den Punkt, dass man ihn einschweißen und ab diesem Herbst präventiv bei sich tragen sollte. Für die Diskussionen, die nun auf uns zukommen. Und da selbst der Dalai Lama eine Rolex am Handgelenk trägt, wird es nicht leicht werden, vor allem die akademischen Konsum-Junkies davon zu überzeugen, dass Verzicht sein muss, auch wenn das Luxuriöse dabei fehlt.

Denn die Kant'sche praktische Vernunft verschwindet hinter so Argumenten wie: Wisst ihr, wie viele Kohlekraftwerke in China unsere Stratosphäre plattmachen? - Oder: Warum soll ich auf Flugreisen und Kreuzfahrten verzichten, wenn unsere Umwelt sowieso den Bach runtergeht? Nicht unsere Verantwortung. Obwohl allen bewusst ist, dass die armen Menschen weltweit nichts haben, worauf sie verzichten könnten.

An dieser Stelle kommt nun "die normative Kraft des Faktischen" von Georg Jellinek ins Spiel, zu der die Frage gehört: "Kann durch ein bestimmtes Verhalten einer Mehrheit eine Regel für alle geschaffen werden?" Man möchte drauf hoffen - wenn es dann die Mehrheit der klugen Verzichtsbereiten wäre und nicht die Mehrheit der querdenkenden Wutbürger.

Nicht hoffen möchte man auf die Politik, der schon beim einfachen Schilderaufstellen für Tempo 130 der Tiger im Tank fehlt. Doch Verteufeln hilft nicht. Aber vielleicht hilft der eingeschweißte Text von Gerhard Matzig.

Gregor Ortmeyer, Mönchengladbach

Beispiel Heuschrecke

Da hat Gerhard Matzig den Finger in die Wunde gelegt. Wenn wir, wie neulich zu lesen war, zwei bis drei Erden nutzen, wird es nicht damit getan sein, einzelne Bananen und abgelaufene Joghurts zu essen. Wenn Schalenwild den Wald verbeißt, sieht sich Homo sapiens berufen, einzugreifen und Population zu "entnehmen". Was müsste Gott tun, gäbe es ihn und wäre er lieb, wie manche glauben?

Wie die Natur das regelt, sieht man am Beispiel Orthoptera (Heuschrecken; d. Red.): zyklische Population, fressen und vermehren, bis fast nichts mehr da ist. Abrupter Einbruch und Neubeginn auf kleinem Niveau.

Gerhard Hübner, München

Chance zur Kreativität

Ein Schelm, wer Absicht dahinter vermutet, dass Gerhard Matzigs Beitrag zur Entsagungskultur zum Auftakt der Wiesn in München erscheint. Man stelle sich eine Demo von Temperenzlern (Mitglieder der Mäßigungs- und Abstinenzbewegung; d. Red.) durch Festzelte und Zeltstraße vor und wundert sich, dass Reichsbürger, Impfgegner und Putinisten, eigentlich alle, die den staatlichen Autoritäten ein grundsätzliches Misstrauen entgegenbringen, diese klaffende Wunde der Volksgesundheit nicht schon längst für sich entdeckt haben. Immerhin duldet das Münchner Rathaus nicht nur das lizensierte Komasaufen, es fördert es auch nach Kräften.

Aber in den Ruch sektiererischen Verzichtlertums will hierzulande niemand geraten. Nicht hier. Wozu haben wir uns den Wohlstand erarbeitet? Wie eine Bäuerin mal nach der Sonntagspredigt zu ihrer Nachbarin flüsterte: "Mia habn ois, mir braucht ma koan Vazicht." (Wir haben alles, wir brauchen keinen Verzicht zu üben; d. Red.) Oder Franz Josef Strauß: "Wir brauchen keine Opposition, wir sind schon Demokraten." Schon das Wort "Verzicht" hat so einen säuerlich pietistischen Beigeschmack. Es suggeriert das Gegenteil von Lebensfreude. Auszuhalten ist er nur, wenn es eine Belohnung dafür gibt. Wer immer mal gefastet hat, weiß das. Auf den Verzicht starren wir wie das Kaninchen auf die Schlange. Deswegen haben wir immer noch kein Tempolimit, kein Atommüllendlager, keine Strom-Nord-Süd-Trassen, keine Vermögenssteuer, keine strengeren Auflagen fürs Gülleausbringen und so fort.

Es scheint ein deutsches Mentalleiden zu sein, nur halb leere Gläser um sich zu sehen. Wir haben zwar jahrzehntelang unsere Wohlstandsindustrie mit dem Gas eines skrupellosen Politsystems aufgebaut, aber wenn wir nun Abschied davon nehmen müssen, rücken alle an, um vom Staat, der uns Unschuldslämmern das eingebrockt hat, Hilfe zu verlangen. Dabei gibt es Beispiele genug, wie segensreich es war, wenn Neuerungen, oft jahrelang und erbittert bekämpft, endlich durchgesetzt worden sind: Gurtpflicht, Bleiverbot im Benzin, Einführung des Katalysators, EEG-Umlage. Anders gesagt: Verzicht ist nicht Verlust, sondern die Chance für aufregende Kreativität, für das Denken in Alternativen, für Bewegung und Aufbruch.

Florian Hildebrand, München

Hinweis

Leserbriefe sind in keinem Fall Meinungsäußerungen der Redaktion, sie dürfen gekürzt und in allen Ausgaben und Kanälen der Süddeutschen Zeitung, gedruckt wie digital, veröffentlicht werden, stets unter Angabe von Vor- und Nachname und dem Wohnort. Schreiben Sie Ihre Beiträge unter Bezugnahme auf die jeweiligen SZ-Artikel an forum@sz.de. Bitte geben Sie für Rückfragen Ihre Adresse und Telefonnummer an. Postalisch erreichen Sie uns unter Süddeutsche Zeitung, Forum & Leserdialog, Hultschiner Str. 8, 81677 München, per Fax unter 089/2183-8530.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema