Ukraine-Krieg:Endlich jemand, der die Realität sieht

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Ukraine-Krieg: Bereit zum Kampf: Soldatinnen und Soldaten der ukrainischen Armee in Odessa.

Bereit zum Kampf: Soldatinnen und Soldaten der ukrainischen Armee in Odessa.

(Foto: Emilio Morenatti/dpa)

Angesichts der russischen Übermacht dringen SZ-Leser auf Friedensverhandlungen.

"Ein Kampf ohne Ende" vom 24. Juni:

Wahre Größe

In seinem Kommentar hat Tomas Avenarius die längst fällige Wahrheit ausgesprochen, dass die Chancen gegen null tendieren, den Russen wieder alle eroberten Gebiete einschließlich der Krim abzunehmen. Viel realistischer ist, dass die Russen den Ukrainern Stück für Stück noch mehr von ihrem Land abnehmen werden, wie es aktuell stattfindet.

Natürlich dreht sich einem der Magen um bei dem Gedanken, dem Aggressor Putin auch nur ein Jota Erfolg zu belassen, aber das Motto, dass nicht sein kann, was nicht sein darf, ist keine Vorgabe für verantwortungsvolles Handeln. Jeder Mensch muss im privaten, beruflichen oder geschäftlichen Bereich immer wieder Kompromisse eingehen, die ihm wehtun und die manchmal objektiv ungerecht sind. Ein Anwalt, der seinem Mandanten zu keinem Vergleich rät, wenn der Prozess nicht zu gewinnen ist, erweist ihm einen Bärendienst. Wenn es dem ukrainischen Präsidenten Selenskij jetzt gelingen sollte, der Ukraine mit Odessa den immens wichtigen Zugang zum Schwarzen Meer zu erhalten, das Sterben vieler weiterer Menschen zu verhindern und dem Land ein jahrelanges Leben in Angst sowie weitere Zerstörung zu ersparen, wäre er ein wahrer Held. Es erfordert mehr Größe, eine Auseinandersetzung zu beenden, als sie zu führen.

Stephan Schmitt, München

Wolf und Schaf

Wie wenig Realitätssinn unsere Politiker haben, zeigt sich daran, dass allen Ernstes geglaubt wird, die Ukraine könnte Russland besiegen. So gering die Chance eines Schafes ist, einen Wolf zu besiegen, so hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass Russland die Ukraine bezwingen wird, wenn es sein muss, mit taktischen Atomwaffen. Putin wird niemals zulassen, dass Russland als Verlierer vom Schlachtfeld geht.

Peter Fendt, Marktoberdorf

Krieg als Waffentest

Angesichts der Tatsachen, dass die Ukraine ohne die "westliche Hilfe" und Solidarität längst zerfallen wäre und angesichts der 75 000 ukrainischen Toten, 210 000 Verletzten, Tausenden kriegsgefangenen Soldaten, von der Zerstörung der Infrastruktur gar nicht zu reden, haben sich die "westlichen Unterstützer" auf die Sprachregelung festgelegt, dass über Verhandlungen mit dem Aggressor nur die Ukraine selbst entscheiden kann.

Nun ist nicht bekannt, was diplomatisch besprochen oder verhandelt wird. Aber unter Freunden sollte man sich die Wahrheit sagen und Freunde mit Problemen nicht alleinlassen. Die Wahrheit über den Krieg ist, dass er mit den Zielen, die Präsident Selenskij verständlicherweise proklamiert, nicht zu beenden ist.

Und es ist ein wenig schofelig, unter dieser Erkenntnis die "westlichen Waffen" in einer realen Auseinandersetzung zu testen, einer Bewährungsprobe zu unterziehen. Hier sollte dringend ein Einhalten geboten sein.

Hans-Jürgen Momberger, Wuppertal

Heldenmut ist tödlich

Endlich ein Journalist, der die Realität sieht, und sich nicht in Spintisierereien vom Sieg der Ukraine ergeht. Putin ist sein Volk egal, aber noch mehr egal ist ihm das Schicksal anderer Völker. Alles spielt ihm in die Hände. Er kann nur gewinnen. Je länger der Krieg dauert, umso besser für ihn und seine Ziele. Es ist völlig weltfremd zu glauben, dass Putin auch nur einen Quadratzentimeter des eroberten Landes hergibt, geschweige denn die Krim. Genauso weltfremd ist es zu glauben, dass die Ukraine siegt. Jede weitere Waffenlieferung verlängert und vergrößert nur das Leiden der Bevölkerung und die Zerstörung der Infrastruktur der Ukraine. Und letztlich auch den Zusammenhalt Europas und die Wirtschaft Europas. Politik ist die Kunst des Möglichen, dazu muss man die Realität erkennen. Heldenmut ist schön, aber tödlich.

Dr. Rainald Meier, Tutzing

Druck auf die Ukraine

Nach der Schilderung der trüben Situation im Ukraine-Krieg kommt der Kommentar nur zu der lahmen Feststellung, für Kiew bestehe Grund, "konsequenter an eine notwendigerweise akzeptable Verhandlungslösung zu denken". Diese Zurückhaltung ist in keiner Weise gerechtfertigt. Zu fordern ist stattdessen, dass die westlichen Staaten massiven Druck auf die ukrainische Regierung ausüben, sofort ernsthaft Waffenstillstands- und Friedensverhandlungen zu beginnen.

Der Kommentator geht offenbar davon aus, die Ukraine könne als souveräner Staat frei darüber bestimmen, wofür sie kämpfe und wann diese Kämpfe beendet werden sollten. Ein solcher Grundsatz ist auf die gegenwärtige Auseinandersetzung aber nicht anwendbar. Er könnte nur gelten, wenn Russland und die Ukraine ihren Krieg quasi im luftleeren Raum ohne nennenswerte Auswirkungen auf andere Staaten führen würden. Dem ist bekanntlich nicht so. Vielmehr wird der Kampf der Ukraine von den übrigen westlichen Staaten mit erheblichen Mitteln unterstützt, für die sie, wenn es sich um bloße Wirtschaftshilfe handeln würde, den Nachweis der sinnvollen Verwendung verlangen könnten. Darüber hinaus sind die Auswirkungen des Krieges auf die Wirtschaft der europäischen Staaten und mittlerweile auch auf andere Erdteile äußerst schwerwiegend, ganz zu schweigen von den politischen Auswirkungen. Auch bei einem Nachbarschaftsstreit innerhalb eines Dorfes ist es den übrigen Nachbarn nicht zuzumuten, dass sie demjenigen, dessen Grundstück von seinem Nachbarn angegriffen wurde (etwa durch Versprühen von Chemikalien oder Ähnlichem), falls ein Eingreifen der Polizei unmöglich ist, gestatten, Gegengewalt in einem Maße anzuwenden, welches die ganze Gemeinde gefährdet. Erst recht kann man von ihnen nicht verlangen, dass sie solches auch noch unterstützen.

Notwendig ist, wie zum Beispiel von einem Kommentar des Editorial Board der New York Times vom 20. Mai formuliert, dem Präsidenten der Ukraine klarzumachen, dass sein Land diesen Krieg nicht unbegrenzt mit Unterstützung der USA und der Nato fortsetzen kann und dass es keine "Jagd nach einem illusorischen Sieg" (Clausewitz nennt das: Krieg als "Akt blinder Leidenschaft") geben darf. Dies könnte etwa dadurch geschehen, dass die europäischen Staaten - zur Not ohne die USA - der Ukraine eine Frist setzen, innerhalb deren Verhandlungen mit Russland zu beginnen sind, und den Stopp aller weiteren Unterstützung mit Waffenlieferungen androhen. Denn was der Kommentator in der Süddeutschen Zeitung schreibt, trifft offenbar zu, nämlich dass die Chancen der Ukraine, einen Sieg über Russland zu erringen und alle Gebiete zurückzuerobern, gegen null tendieren.

Was die Wirtschaftssanktionen angeht, welche die europäischen Staaten und die USA gegen Russland verhängt haben, so sollten diese ohnedies schleunigst beendet werden. Denn sie sind ersichtlich nicht geeignet, den Krieg zu verkürzen. Dem Schaden, den die europäischen Staaten dadurch erleiden, steht deshalb keinerlei Nutzen für die Ukraine oder Europa gegenüber. Sofern diese Sanktionen unter den Begriff "Solidarität" gepackt werden, handelt es sich also um eine Falschdeklaration, welche immer größere Teile der Bevölkerung, die unter den Auswirkungen dieser Sanktionen zunehmend zu leiden haben, wohl bald als solche erkennen und dagegen aufbegehren werden.

Aksel Ritter, Koblenz

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