Klimaforschung:Wie nah ist der Untergang wirklich?

Klimaforschung: Tun die Menschen genug, um ihren Planeten zu schützen - oder ist die Klimakrise nicht mehr zu stoppen?

Tun die Menschen genug, um ihren Planeten zu schützen - oder ist die Klimakrise nicht mehr zu stoppen?

(Foto: IMAGO/imagebroker/Firn)

Klimaschutz ohne Panik - dafür plädierte der Arktisforscher Markus Rex im Interview mit der SZ. Manche Leser empfinden das als wohltuend - andere äußern große Zweifel, ob wirklich Anlass zur Beruhigung besteht.

Interview "Der Weltuntergang ist nicht nahe" vom 27. Oktober:

Nicht nah, aber messbar

In einem hat Herr Rex ja recht: Der "Weltuntergang" ist nicht "nahe", sondern er vollzieht sich gerade vor unseren Augen und Messgeräten; allerdings dauert er 100 oder 1000 oder, mit viel Glück und Anstrengungen und, ja, auch Verzicht, ein paar Tausend Jahre. Aber zu glauben, man könnte gewinnbringend und gesamtgesellschaftlich handelnd die übrigen Europäer, geschweige denn die Menschheit von einem wirksamen CO₂-Preis überzeugen, ist auch wieder rührend naiv.

Handeln wir doch inzwischen nach Kant, also derjenigen Maxime, von der wir wünschen können, dass sie allgemeines Gesetz würde. Eine weitere Kaltzeit werden wir aber, nach 2,6 Millionen Jahren periodischen Wechsels, nicht mehr erleben, und für den küstennah lebenden großen Teil der Menschheit wird der einstige, wortwörtliche Untergang unvermeidlich sein ... Aber es ist genug Zeit zum Deichbau, sofern und solange die Ostantarktis durchhält, was oberhalb von im nächsten Jahrhundert dann 600 ppm CO₂ unwahrscheinlich ist. Die 500 ppm reißen wir demnächst sowieso, und wir Kalt-Kriegs-Geborenen haben es verursacht!

Dr. Nils Heineking, Mering

Untergang dann eben erst ab 2050

Ich bin sehr wohl der Ansicht, dass letztendlich der und die Einzelne für den Klimaschutz verantwortlich ist. Ich finde es sehr billig, in fast allen Artikeln die Verantwortung der/des Einzelnen zu negieren und sie an eine höhere Ebene (zum Beispiel die Politik oder die Wirtschaft) zu delegieren. Denn wer beeinflusst denn in einer Demokratie die Politik? Richtig, jede(r) einzelne Wähler und Wählerin. Wer beeinflusst die Wirtschaft? Die Verbraucher mit ihrer Nachfrage.

Die Aussage, dass der Weltuntergang nicht nahe ist, mag für die kommenden Jahre gelten, aber garantiert nicht für den Zeitraum ab 2050. Es ist in meinen Augen deshalb (vorsichtig formuliert) grob fahrlässig, so etwas zu sagen, denn spätestens unsere schon geborenen Enkel werden sich mit einer immer lebensfeindlicher werdenden Erde herumschlagen dürfen.

Übrigens: Wie sagte schon Garfield? Wenn du nicht gewinnen kannst, verwirre. So sehe ich das bei der Klimadebatte: Anstatt die Verantwortung klar zu benennen, wird sie abgeschoben, sodass am Ende niemand zuständig ist, im Zweifelsfall halten alle still und tun nichts. Abgesehen davon, dass für mich die Verantwortlichkeit geklärt ist, ist es auch feige, die unwilligen Wählerinnen und Wähler nicht in die Pflicht zu nehmen, schließlich könnten sie ja böse werden und die Parteien, die ihnen nicht das "Paradies auf Erden" versprechen, durch Abwahl bestrafen. So viel zum Thema "Verantwortung für die Zukunft der Erde".

Erich Würth, München

"Mitwelt" statt "Umwelt"

Eigentümlich, dass nahezu sämtliche Klima-Profis und auch der Journalismus noch immer den viel zu allgemeinen und euphemistischen Begriff "Klimaschutz" verwenden, der den Blick zudem in die falsche Richtung lenkt. Das Klima selbst muss nicht geschützt werden, ihm dürften unsere diesbezüglichen Aktivitäten schnurzpiepegal sein. Es sind sämtliche auf diesem Planeten beheimateten Lebewesen, die es vor den Extremen der menschengemachten Klimakrise zu schützen gilt. Das aktuelle Bestreben der Weltgesundheitsorganisation, den globalen Gesundheitsnotfall auszurufen, spricht dahingehend eine eindeutige Sprache.

Insofern schlage ich vor, diese unzureichende Vokabel durch "Lebewesenschutz" oder wenigstens "Bevölkerungsschutz" zu ersetzen. Gleichzeitig kann man gerne eine weitere begriffliche Unschärfe korrigieren, indem man, anstatt des fälschlich distanzierenden Begriffs "Umwelt", künftig den Begriff "Mitwelt" verwendet. Damit verfügten wir über ein konkretes, nicht mehr beschönigendes Vokabular.

Gunter Affholderbach, Siegen

Endlich keine Verzichtspredigt

Na endlich, möchte man sagen, wie wohltuend. Es gibt sie noch, die vernunftbegabten Menschen, die sich als Klimaforscher in einer zunehmend irrationalen Welt nicht an der Klimakatastrophe orientieren, sondern an ökonomisch und soziologisch produktiver Einflussnahme auf ökologische Veränderungen. Die interessierte Leserin findet nur schade, dass der Wissenschaftler nicht zur Energiebeschaffung gefragt wird, ist sie doch ein wesentlicher Grundstein für jede Art von Klimaschutz.

Wer sind eigentlich die "Klimaschützer", deren Vorstellungen den Hintergrund zu dem Interview bilden? Es sind wohl die, die anderen Menschen lautstark Angst, Verzicht und 1,5-Grad-Ziele predigen, und offensichtlich nicht die wenigen, die im Sinne des interviewten Arktisforschers lösungsrelevant wären - "also die Menschen, die sich leidenschaftlich für Marktwirtschaft und für Klimaschutz einsetzen".

Gabi Baderschneider, Sinzing

Zweifel am Wachstum ohne Emissionen

Vielen Dank für das interessante Interview mit Markus Rex, der bei aller Dringlichkeit der Klimakrise unsere aktuelle Situation angenehm sachlich analysiert. An einer Stelle bin ich allerdings nicht wirklich überzeugt: bei der Frage der Entkopplung von Wirtschaftswachstum und CO₂-Emissionen. Zwar sprechen die genannten Zahlen an der Oberfläche erst mal für die Möglichkeit der Entkopplung - eine Betrachtung der Emissionen, die durch den Konsum in Deutschland veranlasst sind, aber woanders anfallen, unterbleibt jedoch.

Denken wir an die Industrieproduktion in China, die landwirtschaftliche Produktion in Spanien, Afrika oder Südamerika, die dort erfolgte Umwandlung von Regenwald oder Grünland, landwirtschaftlich genutzte Flächen und an den Transport all der Waren. Hier hat es in den vergangenen Jahrzehnten eine deutliche Wachstumsdynamik gegeben, die die Emissionsminderung in Deutschland relativiert.

Vor diesem Hintergrund wäre es durchaus angemessen, würden wir uns als Gesellschaft mit alternativen Wirtschaftsweisen auseinandersetzen. Ob das Konzept der Donut-Ökonomie der britischen Ökonomin Kate Raworth, das ökologische wie soziale Nachhaltigkeit gleichermaßen berücksichtigt, nicht auch oder sogar viel eher weltweit als nachahmenswert empfunden würde, wäre zu diskutieren - und ein Weg, wie moralische Ansprüche und die Interessen einer Mehrheit von Menschen weltweit miteinander in Einklang zu bringen sind.

Stephan Barlag, Hannover

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